Die Überlebenden einmauern

Die japanische Regierung lässt Mauern zum Schutz vor einem neuen Tsunami bauen. Die Küstenanwohner hätten lieber breitere Strassen, um auf einer Flucht nicht im Stau stecken zu bleiben.

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In einem Jahr sei er wohl nicht mehr da, sagt Gemüsehändler Keisoku Tokumoto bekümmert. Er hat seinen Laden in einem Container des Murasaki-Marktes von Kesennuma. «Dort unten am Hafen wollen sie bauen», weist er über das Brachland, das bis vor vier Jahren die Innen­stadt war. «In diese Ecke soll mein Laden kommen», zeigt er auf einem Plan. Nein, er freue sich nicht.

Bis zum 11. März 2011 hatte der 72-Jährige seinen alten Laden dort in der Nähe. In seinem Container hat er ein grosses Schwarzweissfoto zur Erinnerung aufgehängt, das ihm jemand geschenkt hat. Als an jenem Freitag um 2.46 Uhr die Tsu­nami-Sirenen losheulten, sprang er auf sein Mofa und flitzte auf einen Hügel – in Sicherheit –, vorbei an vielen, die mit dem Auto fliehen wollten. Sie blieben in einem Stau stecken, viele kamen ums Leben. Aus der Höhe musste er mit ansehen, wie die Fluten Kesennuma überfielen. Sie trieben Fischkutter, Autos, Dächer, sein eigenes Haus und viel Hausrat vor sich hin. Wie Spielzeug. Nachdem das Wasser sich zurückgezogen hatte, begannen die Trümmer zu brennen, weil Schiffsdiesel ausgelaufen war. Es brannte tagelang.

Neun Monate später stellte die Stadt mehrere Reihen zweistöckiger Container für Läden auf: den Murasaki-Markt. Seither verkauft Tokumoto in diesem Provisorium Zwiebeln, Lauch, Kohl, Tomaten und Mikan, süsse japanische Mandarinen.

Warum freut er sich nicht, wieder einen richtigen Laden zu bekommen? «Ich weiss nicht», grämt er sich. Und fügt fast hoffnungsvoll hinzu: «Wenn das Gebäude überhaupt fertig wird». Für den Container muss er nur Gebühren zahlen, für den Laden dann Miete. «Die Leute kommen nicht mehr, es ist viel zu ruhig», seufzt er. Sein Sohn in Tokio würde ihm zwar Geld leihen. Aber der Laden müsse sich selbst tragen, sonst habe das keinen Sinn. Deshalb denke er ans Aufhören. «Aber den ganzen Tag allein zu Hause sitzen, das kann ich nicht.»

Provisorien auf Dauer

Wie Tokumoto geht es an der vom Tsu­nami verwüsteten Sanriku-Küste vielen. Die Provisorien sind zur Permanenz geworden. Zwar haben manche Flüchtlinge in den Containersiedlungen Depressionen, es kommt zu Suiziden. Aber viele haben sich trotz Enge irgendwie eingerichtet, sie haben neue Nachbarn und Freunde gefunden. Kleine Kinder kennen gar kein anderes Zuhause. Zudem wohnen sie, die alles verloren haben, im Container umsonst.

Es gibt Schulen in Containern, Kindergärten, Stadtverwaltungen, Arztpraxen, Hotels, Cafés, Läden, Friseure, Kaufhäuser. In Minamisanriku sogar einen Hochzeitspalast. In Kamaishi hatte sich ein Beerdigungsunternehmer vorübergehend in Containern installiert, mit einer Abdankungshalle. Und noch immer wohnen fast 100 000 Tsu-nami-Flüchtlinge in Containern.

Wie sehr diese Provisorien auf Dauer eingerichtet sind, zeigt sich unweit des Ladens Tokumotos im Fischerviertel von Kesennuma. Nach dem Tsunami galt die Regel, beschädigte Häuser dürfen repariert werden, neu bauen darf man nicht. Doch für jene Container, die man auf den brach liegenden Grundstücken aufstellte, etwa für Büros, wurden Betonfundamente gegossen.

Wie in Kesennuma drängen die Behörden nun vielerorts, die Containerdörfer und -läden sollten aufgelöst werden. Möglichst bis zum fünften Jahrestag im März 2016. Die Verträge werden nur noch um ein Jahr verlängert. Weil man in Kesennuma beschlossen hat, den Hafen mit einer Tsunami-Mauer zu verrammeln, darf nun auch wieder gebaut werden. Vor einem Jahr war der Gemüsehändler Tokumoto, wie viele Leute an der zerstörten Küste, vehement gegen Tsunami-Mauern. Eine Welle der Empörung über die Pläne Tokios, ihre Ufer zu verbarrikadieren, breitete sich die Küste entlang aus. Zumal die meisten Orte Erfahrungen hatten mit Tsunami-Mauern. Fast überall haben die Fluten sie einfach weggespült. Tokumoto fand damals, es gehe doch nicht, dass man eine Fischerstadt vom Meer abriegelt. «Wir brauchen keine Mauer, sondern breitere Strassen, auf denen man fliehen kann», sagte er. Aber die stete Propaganda der Regierung wirkt. Tokumoto sagt nun, solange man das Wasser noch sehe, könne er eine Mauer akzeptieren.

Im Fischerdorf Karakuwa zehn Autominuten nördlich von Kesennuma ist der 9 Meter hohe Schutzwall schon fast fertig. Er wird künftig Gemüsegärten und Reisfelder gegen die Flut abschirmen, Häuser werden hinter der Mauer nicht mehr gebaut. An der Strasse, die in die Bucht hinunterführt, hat man hoch über der neuen Mauer eine Marke angebracht: 14 Meter. Bis hier überschwemmten Fluten vor vier Jahren alles, der neue Schutzwall hätte überhaupt nichts genützt. «Wir sollen doch froh sein, wenn die Regierung für uns so viel Geld ausgibt», meint ein alter Mann im Dorf.

Zukunft ohne Perspektive

Jenen Städtchen, in denen sich der Widerstand gegen die Tsunami-Mauern regte, bot die Regierung an, ihre ganzen Ebenen hinter den Mauern anzuheben. Man spürt, dass die regierenden Liberaldemokraten eng mit der Bauindustrie verbandelt sind. Das Bauvolumen hat sich vervielfacht. In Rikuzentakata wird eine Fläche von etwa 5 Quadratkilometern um 9 Meter angehoben. Dafür tragen Bagger ein ganzen Berg ab; und wie Riesenspinnen, die die ganze Ebene in 40 Meter Höhe überragen, führen Förderband-Anlagen den Schotter her. So versetzt die japanische Regierung Berge. Solange die Bauerei in Rikuzentakata, die auf zehn Jahre veranschlagt ist, nach Aussagen der Ingenieure auf der Baustelle aber länger dauern wird, nicht beendet ist, müssen die Menschen von Rikuzentakata in ihren Provisorien bleiben. Jenen, die ohnehin nicht mehr umziehen möchten, kommt das entgegen. Viele junge Familien mit Kindern dagegen wollen nicht zehn Jahre warten. Oder noch mehr. Sie wollen weg. Die halbe Kindheit im Container, das ist keine Perspektive. Zumal es ausser auf dem Bau kaum Arbeit gibt.

Wer die Küste entlangfährt, kommt von einer Tsunami-Sperren-Baustelle zur nächsten. Plötzlich steht man vor einer riesigen Betonwand. Nur in der Hafenstadt Miyako, wo der Tsunami 4500 Häuser zerstört hat, diskutiert man noch. Die alte Mauer half nichts, eine neue, höhere, meinen viele, werde den Fluten auch nicht standhalten.

Im Dorf Koizumi etwas südlich von Kesennuma hat der Lehrer Masahito Abe den Kampf gegen die wuchtigste aller Tsunami-Mauern noch nicht aufgegeben. Sie soll 14,7 Meter hoch, 2 Kilometer lang und 90 Meter tief werden. Häuser wird sie keine schützen, die etwa 1500 Einwohner ziehen in die Höhe. Dorthin, wo das Dorf bis vor etwa 300 Jahren lag, wie der Lehrer anhand alter Malereien zeigen kann. Erst in der Neuzeit hat man unten am Strand gebaut. Der neue Schutzwall wird nur brach liegende Reisfelder und Gemüsegärten abschirmen. Er wird die Küstenfischerei von Koizumi zerstören, glaubt Takao Suzuki, ein Umweltprofessor der Tohoku-Universität. Seeohren, eine gesuchte Delikatesse, und Muscheln brauchen flaches Wasser und das Kontinuum zwischen Hinterland und Meer. Zudem ist, so Suzuki, der seichte Strand ein «internationaler Flughafen für Zugvögel».

Einen Tsunami wie am 11. März wird der neue Schutzwall, der etwa 200 Millionen Euro kosten wird, nicht aufhalten können, selbst wenn er den Fluten standhielte. Abe hat eine Computer­simulation des renommierten Tsunami-Experten Fumihiko Imamura von der Universität Tohoku auf seinem Laptop. Da sieht man, wie schon ein Tsunami von 9 Metern den Wall überschwappt, weil sich die zweite, die dritte und die vierte Welle im sogenannten Run-up-Effekt über die erste legen. So erreichte das Wasser 2011 in manchen Tälern Stellen bis 39 Meter über Meer. Imamuras Simu­lation zeigt überdies deutlich, wie ein Tsunami-Wall, selbst wenn die Fluten ihn zerstören, das Wasser am Abfliessen hindert.

Keine Kritik an der Regierung

«Lächerlich», sagt Abe immer wieder entsetzt, wenn er die verschiedenen Tsu­nami-Mauer-Projekte diskutiert. Er glaubt, sie richteten mehr Schaden an, als dass sie je nützen würden. Zumal die Wälle ständig unterhalten werden müssen und die Präfekturregierungen bereits gesagt haben, sie hätten dafür kein Geld. Zudem könnte ein schweres Erdbeben den Boden unter den Tsunami-Wällen verflüssigen, die Mauern also einbrechen lassen, bevor der Tsunami kommt. Und bis zum nächsten Mega­tsunami sind sie womöglich schon alt und brüchig. Aber Abe erreicht vor allem die älteren Leute nicht. «Sie haben kein Facebook, nicht einmal Internet.» Und das Fernsehen vermeidet Kritik an Projekten der Regierung.

Koizumi gehört politisch zu Kesennuma, entschieden wird dort. Und in Tokio. Dennoch organisierte das Dorf vorigen Sommer eine konsultative Bürgerversammlung, die über die Megamauer befinden sollte. 25 Leute kamen, fast nur Rentner, von den jungen Familien im Dorf niemand. Am Schluss wurde abgestimmt: 21 waren für die nutzlose Mauer, 2 enthielten sich, 2 waren dagegen. «Eine alte Frau sagte: «Wenn wir die Mauer haben, kommen die Jungen vielleicht zurück.»

Lehrer Abe hat noch nicht aufgegeben. Er möchte die Bucht zu einem Naturpark machen, der auch Touristen anziehen würde. Dass die Jungen im Dorf ihn im Stich gelassen haben, trägt er ihnen nicht nach. «Wer in einem Provisorium lebt und vielleicht keine Stelle hat, der hat keinen Platz im Kopf für die Natur. Und die Zukunft der Allgemeinheit.»

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 11.03.2015, 23:21 Uhr)

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