Die Umsteigerin, die zur Aufsteigerin wurde

Die Fernsehköchin und Wahltessinerin Kathrin Rüegg ist im Alter von 81 Jahren verstorben. Ihr Privatleben war ganz anders, als das Fernsehpublikum dachte.

«Da kommt eine Schweizerin»: Sie hiess Doris Schmid, nannte sich aber Kathrin Rüegg.

«Da kommt eine Schweizerin»: Sie hiess Doris Schmid, nannte sich aber Kathrin Rüegg. Bild: Christian Lanz

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Sie war die Schweizerin im deutschen Fernsehen, und sie war es ganze 24 Jahre lang. Und sie war eine der ersten Fernsehköchinnen überhaupt. Von 1982 bis 2006 nämlich moderierte Kathrin Rüegg, die eigentlich Doris Schmid hiess, mit ihrem Fernsehpartner Werner Feisst im SWR die Kochsendung «Was die Grossmutter noch wusste». Sie eröffnete die Sendung stets mit einem Dank für die Zuschauergeschenke, für all die Topflappen und Teewärmer, die sie wieder erhalten hatte, und dann wurde gekocht, und wichtig war bei den Gerichten immer das Adjektiv «einfach».

Kathrin Rüegg mit ihrem weissen Haar war bei alledem die Schweizerin, die ein ganz deutliches und sorgfältiges Hochdeutsch sprach, und es hatte eine eigenwillige Färbung, bloss konnte man nicht genau sagen, woher diese kam. Denn Kathrin Rüegg, die am 7. März 1930 in Arosa als Hotelierstochter zur Welt gekommen war, die in Basel als Sekretärin bei Hoffmann-La Roche und als Antiquitätenhändlerin gearbeitet hatte und die schliesslich ab 1971 als Aussteigerin im Tessin lebte, schien sich alles, auch ihren Dialekt, selbst zurechtgelegt zu haben.

Der Boom

Kathrin Rüegg, das war die grosse Selbstversorgerin. Die Mutter aller Tessin-Aussteiger und später die «Grossmutter der Nation» schlechthin. Die in Gerra im Verzascatal einen zerfallenen Bauernhof renovierte, sich Tiere und einen grossen Garten zulegte und sich selbst nicht gerne als Aus-, sondern lieber als «Umsteigerin» bezeichnete.

So, wie sie auch von Doris Schmid auf Kathrin Rüegg umgestiegen war. «Einerseits wollte ich schon als Kind Kathrin heissen. Andererseits war mir der Name Schmid zu austauschbar; mit diesem Namen konnte ich genauso eine Deutsche sein. Also habe ich einen Geschlechtsnamen gesucht, der schweizerischer klingt. Und Rüegg tönt ja wie ‹Grüezi›. Bei diesem Namen weiss man immer gleich: Da kommt eine Schweizerin.»

Nicht so alternativ, wie die Fans es wollten

Im Tessin wurde aus der Umgestiegenen im Nu die grosse Aufsteigerin. Denn was sie von ihrer Grossmutter noch wusste, war nicht etwa das einfache Leben – das hatte sie einmal von einer befreundeten Bäuerin erlernt –, sondern der Geschäftssinn. Mitte der Siebziger erschienen von Kathrin Rüegg die berühmten Tessintagebücher «Kleine Welt im Tessin», «Dies ist mein Tal – dies ist mein Dorf» und «Mit herzlichen Tessiner Grüssen». Und da war nicht nur eine Bestsellerautorin, sondern ein richtiger Boom geboren.

Quasi über Nacht liessen sich die ausstiegsaffinen Frauen der Seiden-Wolle-Bast-Fraktion carweise ins Ver-zascatal fahren und besuchten bei Kathrin Rüegg, die schon bald ein paar Mitarbeiterinnen beschäftigen konnte, Spinn-, Web-, Strick- und Kochkurse, lernten Heilkräuterkunde und Stofffärben. Und dabei war Kathrin Rüegg gar nicht so alternativ, wie ihre Fans sie gerne sehen wollten. So war sie beispielsweise strikt gegen die Abschaffung der Armee, hielt patriotische 1.-August-Reden und bezeichnete den Zürcher Platzspitz mit seiner offenen Drogenszene als «eine gestörte Welt».

Selfmade-Millionärin

Nur konservativ hat sie sich nie genannt, wohl aus Imagegründen, aber als «Traditionalistin» bezeichnete sie sich stets gern. Als eine, die dazu stand, dass sie die Welt von früher besser fand. Idyllischer. Und die in ihren Büchern eine liebevolle Heimatprosa pflegte, dass den Schweizern nur so die Herzen und Portemonnaies aufsprangen: «Heute ist ein Bilderbüchleintag. Nach einem heftigen Regenguss hat es aufgeklart. Die Bergspitzen sind weiss, der Himmel so blau, dass es blauer nicht mehr geht», hiess es etwa.

Anfang der Achtziger war die kernige «Bäuerin», wie sie gern gesehen wurde, eine Selfmade-Millionärin. Anlässlich ihres zehnten Buches (heute sind es gegen vierzig bei einer Gesamtauflage von vier Millionen) besuchte die «Weltwoche» Rüegg 1984 in Gerra, staunte über ihre Fussbodenheizung, die beiden Fernseher, die teuren Antiquitäten. Und wahrscheinlich stellen sich auch heute noch ihre Leserinnen das Leben ihrer Kathrin urchiger vor, wenn sie abtauchen in Bücher wie «Grosser Stall, kleines Haus», «Das Jahr in Kathrins kleiner Welt» oder «Von Lämmern und Leuten in Froda».

Abschied vom Tessin

Von einem Mann in ihrem Leben ist aus 81 Jahren nichts bekannt, hartnäckig hielt sich das Gerücht, der 2006 verstorbene Werner Feisst – die beiden brachten es übrigens als Satiremotiv bis in die «Harald-Schmidt-Show» – sei ihr Liebhaber gewesen, was Kathrin Rüegg sehr amüsierte. Seit einigen Jahren litt sie unter schwerer Arthrose. Ihre letzte Zeit verbrachte sie im Altersheim «Solarium» in Gordola. Ihr Zustand habe sich in den letzten Monaten dramatisch verschlechtert, teilte das Altersheim nun mit. Am Pfingstsonntag hat Kathrin Rüegg ihr geliebtes Tessin, dem sie so viele Freunde bescherte wie vor ihr nur Vico Torriani, zum letzten Mal gesehen.

Sie hiess Doris Schmid, nannte sich aber Kathrin Rüegg, weil dann klar sei: «Da kommt eine Schweizerin.» Foto: Christian Lanz (RDB) (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.06.2011, 09:59 Uhr

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