«Die Wahrheit ist, die wenigsten haben Sex»

Wilhelm Schmid, Philosoph und Glücksexperte, blickt in seinem neuen Buch in die Betten – sie sind kalt und leer.

Glück, Sex oder Gefühle: Was hält eine Beziehung zusammen? Im Bild: Schauspielerin Ashley Judd spielt in «Männerzirkus» die TV-Casterin Jane Goodale. Bild: AP

Glück, Sex oder Gefühle: Was hält eine Beziehung zusammen? Im Bild: Schauspielerin Ashley Judd spielt in «Männerzirkus» die TV-Casterin Jane Goodale. Bild: AP

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Herr Schmid, «Sexout», einen knalligen Titel haben Sie für Ihr neues Werk gewählt, nachdem Sie feststellten, dass das Sexleben der Deutschen eine ziemlich blutleere Angelegenheit ist.
Ich machte die Erfahrung, dass viele Menschen Probleme mit der Sexualität haben. Wir können das kaum vermuten, weil überall von Sex die Rede ist. Die Wahrheit aber ist, die wenigsten haben Sex, auch wenn uns die Medien etwas anderes vorspielen. Und die allerwenigsten haben guten Sex. Die allermeisten leiden.

Gab es sexlose Zeiten nicht schon immer?
Dinge wallen immer auf und ab, das zeigt die Geschichte: Mal werden Gefühle verachtet, mal werden sie hochgeschätzt, dann werden sie wieder verachtet. Wir haben eine lange Zeit erlebt, in der Sexualität keine grosse Rolle spielen durfte, weil der Umgang damit stark vom Christentum geprägt war. Es war klar, dass darauf eine Zeit kommen musste, in der Sex eine zentrale Rolle spielen würde. Diese Zeit haben wir erlebt. Sie dauerte etliche Jahrzehnte. Jetzt sind viele erschöpft von realen Akten oder den entsprechenden Fantasien. Die Lustlosigkeit in den Betten hat enorm zugenommen.

Sexout ist für Sie eine gesamtgesellschaftliche Diagnose. Was ist der Grund?
Es sind rein konjunkturelle Gründe. Bei Aktienkursen ist das nicht anders. Die Sexualität hat einen Aufschwung erlebt, jetzt erlebt sie einen Abschwung. Da muss sich niemand sorgen. Das dauert nur ein paar Jahrzehnte.

Schön für die Geschichte, womöglich gibt es aber Leute, die auch in diesen Jahrzehnten noch ein bisschen sexuelle Erfahrungen sammeln möchten.
Klar, das Problem ist, dass jede und jeder Betroffene für sich den Sexout durchstehen muss, und für diese Betroffenen habe ich das Buch geschrieben.

Sie sagen, dass sexuelle Unzufriedenheit der grösste Faktor für Unzufriedenheit in Partnerschaften ist. Ist wirklich schon so viel gut, wenn der Sex gut ist?
Wo Paare mit der Sexualität zufrieden sind, ist die Haltbarkeit der Beziehung weitaus grösser als bei anderen Paaren, das ist bekannt aus Umfragen. Als Philosoph will ich wissen, was dahintersteckt. Ich frage mich, was Paare früher zusammengehalten hat – sie wurden von aussen zusammengezwungen, von der Familie, von der Gesellschaft. Dann kam das Programm der Emanzipation. Seither können Paare durch Freiwilligkeit zusammenkommen und auch freiwillig zusammenbleiben. Heute gibt es kaum Zwang von aussen mehr, eher im Gegenteil, es gibt einen Sog von aussen: Ja bist du immer noch mit derselben zusammen?! Willst du denn gar nichts erleben?!

Was hält Paare heute zusammen?
Romantiker sagen Gefühle. Das ist eine Idee, allerdings keine sehr gute, weil Gefühle wankelmütig sind. Wenn die Gefühle weg sind, steht die Beziehung automatisch infrage. Die zweite Idee ist Sex. Das funktioniert etwa so gut wie die Gefühle. Das Bedürfnis nach Sex ist mal da, mal nicht. Nun fragen Sie: Und, Herr Philosoph, was haben Sie für einen Vorschlag?

Genau.
Mein Vorschlag ist: Lasst uns die Liebe auf eine Entscheidung gründen. Jemanden zu lieben, heisst, sich für jemanden zu entscheiden und zu versuchen, bei dieser Entscheidung zu bleiben, durch dick und dünn. Warum? Weil ich finde, dass eine lang ­anhaltende Beziehung eine wichtige Sache ist im Leben. Warum? Weil es dem Leben viel Sinn gibt. Natürlich könnten wir jeden Abend mit jemand anderem ins Bett gehen: Das produziert aber nicht viel Sinn, weil keine Perspektive entsteht, oft nur ein grosses Einsamkeits- und Verlorenheitsgefühl. Heute sprechen junge Menschen sogar schon vom One-Night-Stand-Burnout.

Glauben Sie, dass irgendjemand mit Ihrer Erklärung durchkommt, wenn er einen Heiratsantrag macht: Ich liebe dich, mit Gefühlen hat das nichts zu tun, es ist eine Entscheidung?
Damit müssen wir ja nicht gerade den Anfang machen! Liebe ist eine Frage der Definition, und es gab in der Geschichte schon viele Definitionen: Liebe ist Ehe. Liebe ist Fortpflanzung. Liebe ist Gefühl. Liebe ist Sex. Eine weitere Definition ist: Liebe ist eine Entscheidung.

Eine Entscheidung fällt man zu einem gewissen Zeitpunkt. Zu einem anderen Zeitpunkt steht man wieder anders zu seiner alten Entscheidung. Was dann?
Das ist möglich. Die Liebe zum Nulltarif wird es nicht geben.

Jede Entscheidung bleibt verhandelbar.
Eine Entscheidung muss jede und jeder mit sich selbst ausmachen.

Man verhandelt mit sich selbst.
Die Erfahrung zeigt: Wenn in einer Beziehung einer sicher ist, hält sich der andere gerne daran fest. Wenn einer aber unsicher ist, wird der andere auch unsicher. Also kommt es doch stark auf mich an.

Was ist mit der Entscheidung gewonnen?
Wenn die Entscheidung mal getroffen ist, fallen viele Dinge sehr viel leichter. Ich habe mich dafür entschieden, für den anderen da zu sein. Es entsteht Vertrauen. Auf dieser Basis kann es auch eher um Sex gehen. Da kommt eher die Lust auf, zu schauen, welche Spiele man miteinander treiben kann. Und wenn ich darauf vertrauen kann, dass der oder die andere mich zu verstehen versucht und meine Nöte im Blick behält, dann ist es auch kein Problem, für eine Zeit keinen Sex zu haben. Den anderen verstehen zu wollen und sich umgekehrt von ihm oder ihr verstanden zu fühlen, das scheint mir eine sehr gute Basis zu sein. Auch für Sex.

Sie sagen in Ihrem Buch auch, die grosse Schwierigkeit des Sex sei eigentlich nicht der Sex, sondern die Zeit danach. Was passiert da?
Eigentlich ist am Sex alles schwierig. Die Zeit davor, die Zeit danach, der Sex selbst. Die Zeit danach ist schwierig, wenn sich Menschen treffen, die nicht miteinander vertraut sind. Nach dem Sex verschwindet das Testosteron des Mannes im Orkus, jedenfalls bei etlichen Männern ist das so. Er will nur noch eines: schlafen. Bei der Frau hingegen taucht zauberhafterweise Testosteron auf, jedenfalls bei etlichen ist das so. Sie will reden und kann nicht verstehen, dass er sich abwendet. Sie will sich jetzt erst richtig in den Arm genommen fühlen. Paare, die vertraut sind, können diese Zeit gut miteinander bewältigen. Für die anderen kann es schwierig werden.

Sie sagen, Sex will gelernt sein. Damit rücken Sie den Sex doch Ihrerseits in die Leistungssphäre. Muss ich beim Sex auch noch in die Schule?
Das ist im ganzen Leben so. Sie können aber auch einfach sagen, für mich ist Sex nicht wichtig. Dann können Sie auf alle diese Anstrengungen komplett verzichten.

Dann könnte ich mich auf eine allmähliche «Pandaisierung» einstellen, wie Sie das nennen: Kraftloses Dahinvegetieren, ein sexuell abgespanntes Leben.
Genau. Wenn Sie aber Sex wollen, dann hat das auch mit Arbeit zu tun. Welche Arbeit? Wissensarbeit. Es ist sinnvoll, auch sehr sinnlich, sich mal anzuschauen, wie die Anatomie des Gegenübers beschaffen ist, um auf grundsätzliche Gegebenheiten gefasst zu sein, zum Beispiel die abenteuerlichen Verzweigungen der Klitoris, die nicht bei zwei Frauen gleich sind. Daraus folgt: Der Mann sollte sie erkunden. Vorausgesetzt, er darf. In aller Regel ist das ein sehr schönes Spiel. Und dann wird er vielleicht erfahren, dass die Verzweigungen bis zum linken Ohrläppchen führen.

Man müsste doch meinen, dass Männer einigermassen aufgeklärt sind. Übertreiben Sie nicht, was das Unwissen über den weiblichen Körper anbelangt? Eher nicht. Nicht wenige Männer glauben noch immer im Ernst, dass ihre Frau einen Orgasmus erlebt, wenn sie ihr Glied in ihre Vagina einführen. Das ist bei den allerwenigsten Frauen der Fall, weil der Orgasmus bei vielen Frauen nicht vaginal, sondern klitoral ausgelöst wird. Das braucht ganz andere Kunstgriffe. Aber kaum einer weiss das, weil jeder denkt, sein Glied bewirke Grosses.

Frauen wissen besser Bescheid?
Nicht immer. Im Grunde gibt es zwei, drei Handgriffe, die jeden Mann in Habachtstellung bringen. Aber nicht alle Frauen kennen die.

Welche meinen Sie?
Das Stichwort hier wäre beispielsweise Prostatamassage.

Warum spricht sich das nicht herum?
Es gibt bei etlichen Frauen kein gesteigertes sexuelles Interesse, jedenfalls nicht mehr nach der Fortpflanzung. Da kommt es oft zu einem Einbruch. Die Scheidungsquote steigt, sobald Kinder da sind.

Das ist ein strukturelles Problem. Eine Frau hat Kinder zur Welt gebracht, jetzt hat sie keine Lust mehr. Ja, was nun?
Es stimmt ja nicht zu hundert Prozent. Wenn ein Paar aber feststellt, dass die Lage so ist, könnten sich beide fragen: Wollen wir das so beibehalten? Wenn ja, könnte er eventuell die Frage stellen, ob sie damit einverstanden ist, wenn er eine Dating-App installiert und einmal pro Woche später nach Hause kommt. Oder selbstverständlich umgekehrt. Und wenn nicht? Dann stellt sich die Frage: Ist Sex wirklich wichtig für mich? Wenn ja, dann muss es möglicherweise heimlich geschehen, mit dem Risiko, dass die Beziehung scheitert. Aber vielleicht genügt es auch, sich selbst mehr lieben zu lernen, inklusive Selbstbefriedigung.

Welche Erfahrungen machen Sie: Glauben die Menschen noch an sexuelle Treue oder ist Fremdgehen mittlerweile einigermassen akzeptiert?
Nein, das Entsetzen ist gross, wenn man auch nur die Möglichkeit der Untreue in Betracht zieht. Aber ich bin Philosoph, ich will möglichst moralfrei über Sex sprechen. Wenn niemand an solche Themen rangehen will, ist es meine Aufgabe, das zu tun.

Herr Schmid, Sie sind Glücksspezialist. Es würde mich ärgern, aus Ihrer Wohnung gegangen zu sein, ohne die entscheidende Frage gestellt zu haben: Was ist Glück?
Glück ist in hohem Masse zufallsbedingt, das ist nach wie vor so und wird für immer so bleiben. Nur zum Teil ist Glück auch ein Wohlfühlglück, das einem zuteilwerden kann. Es ist aber vergebens, das auf Dauer stellen zu wollen. Man kann es versuchen – es wird nicht gelingen. Das schönste Glück ist das Glück der Fülle, das Einverstandensein mit den Gegensätzen des Lebens, die Erkenntnis, dass ich mal Freude habe und dann auch mal wieder keine, dass ich den anderen mal lieben kann und dann auch mal wieder nicht. Leben ist ein Hin und Her zwischen Gegensätzen.

Ich habe mir Glück als etwas Grösseres vorgestellt.
Glückspropheten verkaufen die Menschen für dumm, indem sie ihnen einreden, das Glück sei etwas Grosses und lasse sich permanent festhalten. Das ist nicht so, jede und jeder kann das selbst testen.

Wie relevant ist Ihre Lebenserfahrung beim Schreiben der Bücher?
Der Mensch ist das Wesen, das sich durch Erfahrungen belehren lässt. Das gilt auch für mich.

Wo haben Sie am meisten geirrt?
Am meisten wohl in der Liebe.

Was war Ihre falsche Vorstellung?
Ich hatte die Vorstellung, eine Liebesbeziehung müsse harmonisch sein, vom ersten Moment an immer ohne Ärger, ohne Streit. Dann habe ich mich gewundert, dass meine Beziehungen immer zerbrochen sind. Heute weiss ich: Ich bin einem Muster aufgesessen, dem Muster der romantischen Liebe, dem bis heute sehr viele Menschen anhängen. Das hat sich erst geändert, als ich mich von der Erfahrung habe belehren lassen, in Gestalt einer Frau, die mir sagte: Wenn wir Ärger haben, bedeutet das nichts für unsere Beziehung, wir können trotzdem sehr schön zusammen sein. Wenn wir Streit haben, lass uns Streit haben für ein paar Tage und dann ist es wieder gut. Dieser wunderbare Mensch ist seit 33 Jahren meine Frau.

Warum schreibt nicht Ihre Frau die Bücher?
Sie ist an sämtlichen Büchern beteiligt, ganz besonders war sie das an dem Sexout-Buch. Mir war es wichtig, dass das Buch auch stets die weibliche Perspektive im Blick behält.

Macht Denken melancholisch?
Mich macht es nicht melancholisch, mich macht es freudig. Je mehr ich zu wissen glaube, desto reicher werden für mich das Leben und die Welt. Ich staune jeden Tag.

Je tiefer man denkt, desto mehr merkt man doch, dass alles schwieriger ist, als man dachte. Das kann schwermütig, traurig machen.
Wir sind da, um Probleme zu haben und sie zu lösen. Das ist in meinen Augen Menschsein.

(Basler Zeitung)

Erstellt: 28.09.2015, 10:42 Uhr

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Wilhelm Schmid (62) ist der Glücksexperte
des deutschsprachigen Buchhandels.
Sozusagen jedes Jahr veröffentlicht
er ein schmales Bändchen
Philosophie, in dem er sich der ganz
grossen Lebensfragen annimmt. Sie
haben Titel wie «Vom Glück der Freundschaft
», «Liebe», «Glück», «Die Fülle des
Lebens». Schmid versteht sein Fach als
Lebenskunstphilosophie. Seine Bücher
erreichen eine Gesamtauflage von einer
Million und wurden in viele Sprachen
übersetzt. Schmid lebt als freier Philosoph
in Berlin, er lehrt zudem Philosophie
an der Universität Erfurt. Schmid ist
zum zweiten Mal verheiratet und Vater
von vier Kindern. Von 1998 bis 2007
arbeitete regelmässig er als «philosophischer
Seelsorger» am Spital Affoltern
am Albis (Zürich). ben

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