Interview

«Die Warum-Frage kommt immer»

Samira Zingaro hat in einem einfühlsamen Band Menschen porträtiert, die einen Bruder oder eine Schwester durch Suizid verloren haben. Die Autorin weiss, wie prägend diese Erfahrung ist.

Prägend: «Die Warum-Frage ist obsolet und lässt sich von aussen sowieso nicht beantworten», sagt Samira Zingaro.

Prägend: «Die Warum-Frage ist obsolet und lässt sich von aussen sowieso nicht beantworten», sagt Samira Zingaro. Bild: Beth Murray

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ihre Schwester hat Suizid begangen. Was antworten Sie, wenn Sie gefragt werden, ob Sie Geschwister haben?
Diese harmlose Frage wird mit einem Mal sehr intim. Sie lässt einen jeweils für Sekunden erstarren. Ich antworte meist: zwei, einen Bruder und eine Schwester. Wenn jemand nachfragt, schätze ich ab, wie sehr ich etwas von mir preisgeben will. Und je nachdem, erzähle ich etwas oder nicht.

Ist ein Suizid immer noch ein Tabu?
Jein. Es ist weniger ein Tabu als früher, ganz klar. Man ist sensibilisierter. Aber wenn es einen persönlich betrifft, dann stellt man fest, dass es gesellschaftlich immer noch ein sehr heikles Thema ist. Die Leute wissen nicht, wie reagieren, sie sind oft überfordert, was ich auch verstehe. Ich habe für das Buch mit viel mehr Betroffenen gesprochen, als nun im Buch vorkommen, und viele sagten, sie könnten auch 15, 20 Jahre später noch nicht darüber sprechen. Es ist bezeichnend, dass alle Porträtierten nur unter Pseudonym im Buch erscheinen wollten.

In Ihrem Buch schildern die Porträtierten, dass bei aller Betroffenheit auch immer ein latentes Unverständnis mitschwingt, im Sinne von: Wie kann es sein, dass ihr alle nichts gemerkt habt?
Genau darin manifestiert sich das Tabu: Ein Suizid ist nach wie vor mit einem Stigma behaftet, die Warum-Frage kommt immer. Daraus spricht das ganze Unverständnis, weil suggeriert wird, dass da doch in der Familie etwas nicht stimmen konnte oder man sich zu wenig um die Person gekümmert habe. Umgekehrt ist es ja auch eine der Fragen, die Betroffene quälen und bei vielen zu grossen Schuldgefühlen und Selbstvorwürfen führen – zu Unrecht.

Alle Porträtierten beschreiben, wie dominierend diese Warum-Frage ist, oft jahrelang.
Das ist die erste Frage, die man sich stellt, und es ist die Frage, die bleibt, die einen umtreibt und nicht loslässt. Aber die Geschichten in meinem Buch zeigen: Je mehr jemand die Warum-Frage sein lassen kann, desto besser geht es ihm oder ihr. Solange man in der Warum-Frage und in Konjunktivsätzen verharrt, kommt man nicht weiter. Es ist ein hoffnungsloses Unterfangen, die Antwort würde einem vermutlich ohnehin nicht reichen. Mein Buch heisst «Sorge dich nicht!», weil das sinngemäss viele Suizidenten in ihren Abschiedsbriefen schreiben, aber natürlich tun die Hinterbliebenen genau das: Sie hintersinnen sich.

Bei prominenten Suizidenten sucht auch die Öffentlichkeit nach Gründen. Wie empfanden Sie die Berichterstattung in den Fällen Carsten Schloter und Pierre Wauthier?
Mir fiel vor allem auf, dass viel über die Gründe spekuliert wurde. Das hat mich gestört, denn es ist anmassend. Wie gesagt: Die Warum-Frage ist obsolet und lässt sich mit dem Blick von aussen sowieso nicht beantworten. Viele Medien, auch seriöse, verwenden zudem immer noch den Begriff «Selbstmord» statt «Suizid». Dabei ist der Begriff falsch, auch juristisch: Ein Mord ist eine schwere Straftat. Man kann sich selbst töten, aber sicher nicht sich selbst ermorden.

Weshalb haben Sie ein Buch über Geschwister geschrieben?
Weil es kaum Literatur darüber gibt. Und weil die Trauer der Geschwister oft unterzugehen droht in ihrer Sorge um die Eltern. Viele Geschwister lernen zu funktionieren und sich zurückzunehmen.

Sie möchten den Eltern zusätzlichen Kummer ersparen?
Viele Eltern sagen nach dem Suizid eines Kindes, ihr Leben sei nun gelaufen. Währenddessen stehen aber die Brüder und Schwestern mitten im Leben, sie starten vielleicht ins Berufsleben, gründen eine Familie, und die Eltern schaffen es kaum mehr, für die Lebenden da zu sein, weil die Toten dominieren. Das wiederum würden die zurückgebliebenen Kinder ihren Eltern nie vorwerfen, weil sie wissen, dass diese sich ohnehin schon Vorwürfe machen. Es war aufschlussreich, dass alle Porträtierten, obschon anonymisiert, am Schluss jene Passagen rausgestrichen haben wollten, in denen sie schilderten, wie sie wegen des Suizids von Geschwistern zu kurz kamen. Dabei war ja genau das die Frage: wie es ihnen ging oder geht. Aber selbst dann wollen sie in erster Linie ihre Eltern schützen und ihnen auf keinen Fall einen Vorwurf machen.

Inwiefern prägt das die Geschwister von Suizidenten?
Oft werden sie übervorsichtig, weil sie denken, dass ihnen nicht auch noch etwas passieren darf, da die Eltern keinen weiteren Verlust ertragen könnten. Und immer ist das Vertrauen massiv erschüttert, weil man sich sagt: Wenn ich das nicht gemerkt habe, wie soll ich mich dann je wieder auf mein Gefühl verlassen können? Viele Betroffene zweifeln an ihrer Menschenkenntnis, das Selbstvertrauen ist dahin, und sie denken: Was entgeht mir sonst noch alles? Wie soll ich das, was ich sehe, glauben?

Hat man auch Angst um sich selbst? Ein Betroffener spricht vom «Familienfluch».
Beziehungen unter Geschwistern können zu den längsten Beziehungen im Leben gehören. Man wächst zusammen auf, hat dieselbe Erziehung, ist zusammen sozialisiert worden, hat dieselben Eltern. Und auf einmal entscheidet sich jemand, mit dem man vielleicht nicht ganz eng vertraut, aber dennoch eng verwandt ist, ganz anders. Nämlich gegen das Leben. Deshalb ist ein Suizid meist eine sehr familiäre Angelegenheit. Auch weil man weiss, dass das Risiko für einen Suizid deutlich zunimmt, wenn es in der Familie bereits einmal einen gegeben hat. Gerade weil man letztlich die Gründe nicht kennt, weshalb sich jemand das Leben genommen hat, ist bei einigen Betroffenen manchmal die Angst da, man könnte eines Tages auch so reagieren.

Verblüffend ist der Satz im Interview mit dem Psychiater Thomas Reisch, der sagt: «Die einzig richtige Berichterstattung über Suizid ist, darüber zu schweigen.» In der Schweiz nehmen sich aber rund dreimal mehr Menschen jährlich das Leben, als bei Verkehrsunfällen sterben – wie soll man denn das angehen, wenn man nicht darüber reden soll?
Ich habe bis heute keine Antwort darauf gefunden. Es ist sicher wichtig, dass man die Leute sensibilisiert. Weil eben: Die Anzahl der Suizide ist hoch. Es fiel mir beim Recherchieren auf: Fast jeder kennt jemanden, der sich das Leben genommen hat. Deshalb war eine der zentralen Fragen, die ich mir beim Schreiben gestellt habe: Wie weit darf ich gehen? Inwieweit darf ich über Methoden schreiben, zumal der Werther-Effekt, also der Nachahmungseffekt, gemäss Fachleuten als erwiesen gilt? Deshalb ist mein Buch auch ein Porträtband. Es soll zeigen, dass hinter einem Suizid Angehörige stehen, von denen man nie spricht, die aber weiterleben müssen. Das Tröstende ist, dass fast alle sagen, dass sie es damals nicht für möglich gehalten hätten, dass sich die Seele mit der Zeit selbst heilt.

Samira Zingaro: «Sorge dich nicht! – Vom Verlust eines Bruders oder einer Schwester durch Suizid», Rüffer & Rub, Zürich, 2013, 172. S, 36 Fr. Vernissage Mittwoch, 20. November, 18.30 Uhr, im Verlag Rüffer & Rub, Konkordiastrasse 20, Zürich.

Erstellt: 24.10.2013, 16:29 Uhr

Die Journalistin hat Medien- und Religionswissenschaften studiert. Sie arbeitet seit 2011 beim Schweizer Fernsehen. Zuvor war sie für verschiedene Printmedien tätig.

Artikel zum Thema

Geschwister fürs Leben

Wenige Momente nach der Geburt halten sich diese Zwillinge an den Händen. Mehr...

«Mit 17 wollte ich mich umbringen»

Pro Juventute hat eine Kampagne zur Suizid-Prävention gestartet. Eine betroffene Genferin erzählt, wie sie vor einem halben Jahr einen Selbstmordversuch überlebte. Mehr...

«Männer sind einsamer als Frauen»

Hintergrund Der Soziologe Walter Hollstein sagt, unser tradiertes Rollenbild sei schuld daran, dass sich so erschreckend viele Buben und Männer das Leben nehmen: Sie töten sich lieber, als Schwäche zu zeigen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Ganz schön angeknipst: Ein Mitglied des Bingo Zirkus Theater steht anlässlich des 44. internationalen Zirkusfestivals in Monte Carlo auf der Bühne. (16. Januar 2020)
(Bild: Daniel Cole ) Mehr...