Die dankbare Tote

Ein zerrissenes Land denkt an seine Prinzessin.

Das Interesse an Lady Di ist gross, und es ist verständlich: Princess Diana besucht eine Ballettschule in Camberley, 1983. Foto: AP

Das Interesse an Lady Di ist gross, und es ist verständlich: Princess Diana besucht eine Ballettschule in Camberley, 1983. Foto: AP

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«She was the people’s princess», sagte Tony Blair am Tag ihres Todes, der Satz ging um die Welt. Der britische Premier, eben gewählt, reagierte schockiert auf den Verlust von Diana Spencer, die er persönlich gekannt hatte. Viele seiner Bürgerinnen und Bürger empfanden ähnlich. Und protestierten immer heftiger gegen das eisige Schweigen des Königshauses. Die Königin selber musste nach London zurückkehren und eine beschwichtigende Rede halten. Dafür erreichte Tony Blair in der Folge höhere Umfragewerte als Winston Churchill zu seiner besten Zeit.

Lady Di, unter enormer Anteilnahme bestattet, wurde als Verlust beklagt und als Ikone gefeiert, ihre Widersprüche verschwanden. Zurück blieben schimmernde Erinnerungen an sie, die allerdings schneller verblassten, als man es sich nach ihrem Tod vorgestellt hatte.

Lady Diana war eine Frau, über die sich fast alle Briten einig waren.

Umso stärker schwillt jetzt, kurz vor dem 20. Todestag, die Sehnsucht nach der Prinzessin wieder an. Die englischen Fernsehsender überbieten sich mit neuen Dokumentationen und alten Filmausschnitten, die Zeitungen bringen Erinnerungen dar und gehen den Spekulationen über ihren Tod wieder nach. Das Interesse ist gross, und es ist verständlich: Lady Diana war eine Frau, über die sich fast alle Briten einig waren, selbst manche Anti-Royalisten. Sie bleibt die dankbare Tote, die sich als Projektionsfläche für das Gute anbietet.

So vieles sprach märchenhaft für sie: Sie kam von aussen, sie war eine Schönheit, sie hatte Erfolg. Sie vereinte Glamour mit Bescheidenheit, Charme und Humor, sie war eine gute Mutter, sie setzte sich ein. Dass ihr mürrischer Gatte sie nicht liebte und sie mit psychischen Problemen zu kämpfen hatte, machte sie in der Bevölkerung noch beliebter. «Sie besetzte das Herz der Nation», schreibt mit Pathos die Kolumnistin Zoe Williams im «Guardian», «sie stahl es, und wir liebten sie.»

Dass die Liebe zu Lady Di dermassen stark wiederkehrt, geht weit über eine termingerechte Nostalgie hinaus. Vielmehr kommt es einem vor, als sehne sich eine durch den Brexit gespaltene, von der Politik alleingelassene und von der Zukunft verunsicherte Bevölkerung nach einer Heilsfigur zurück, die als junge Frau das moderne England verkörperte, ohne als Prinzessin seine Tradition zu verleugnen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.08.2017, 19:44 Uhr

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