Die falsche Scham

Der französische Soziologe Didier Eribon legt eine faszinierende, vielschichtige Autobiografie vor. «Rückkehr nach Reims» schildert sein Coming-out.

Belastende Herkunft: Der Autor stammt aus ärmlichen Verhältnissen in Reims. Foto: Topic Media

Belastende Herkunft: Der Autor stammt aus ärmlichen Verhältnissen in Reims. Foto: Topic Media

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Das Motto für sein Leben fand Didier Eribon bei Jean-Paul Sartre. In «Saint Genet» formuliert der Philosoph eine Weisheit, die den jungen Mann in seinem Willen bestärkte, die bleierne Schwere der provinziellen Herkunft ein für allemal hinter sich zu lassen: «Es kommt nicht darauf an, was man aus uns gemacht hat, sondern darauf, was wir aus dem machen, was man aus uns gemacht hat.» Das Schicksal in die eigenen Hände nehmen und nicht darüber lamentieren, ja, in dieser Befreiungsgeste gar so etwas wie den Sinn des Lebens erkennen – das ist es, was Didier Eribon in seinem Rückblick als das entscheidende Prinzip ausmacht. Das Buch «Rückkehr nach Reims», das im Original bereits 2009 erschienen ist, bringt diese Bewegung weg von der fremdbestimmten Vergangenheit und hin zu einer selbstbestimmten Zukunft so prägnant und präzise wie keine andere Autobiografie der letzten Jahre zur Darstellung.

Im Unterschied zu vielen anderen Autobiografien ist das Leben, um das es hier geht, so interessant, dass es auch andere interessiert. Der Autor versteht es, aus seinem Einzelfall einen Fall zu ­machen, der sich verallgemeinern lässt. Erzählt wird von dem beschwerlichen Gang aus der beschaulichen, aber engen Provinz in die weitläufige, aber arrogante Metropole. Hinzu kommt, dass der belesene Autor das Geschehen mit Theorie anreichert und so einen zweiten Boden in die Biografie einzieht. Und wer böte sich da als Referenzgrösse besser an als der Soziologe Pierre Bourdieu, der – aufgrund ähnlicher Erfahrungen wie Eribon – in seiner Studie über «Die feinen Unterschiede» die Milieudifferenzen beschreibt, die in dem Benehmen, in der Art und Weise des Sprechens, in den Gesten zum Ausdruck kommen.

Vater Fabrikarbeiter, Mutter Putzfrau

Das Buch «Rückkehr nach Reims» schildert nicht nur berührend eine schwierige Lebens­geschichte, es ist auch anregend als eine Art Philosophie der Herkunft. Das theoretische Material, das Didier Eribon sammelt, wird geschickt in die Biografie eingebettet. So werden nicht nur Leser mit einem ähnlichen Lebensweg das Buch nach der Lektüre ungern weglegen.

Didier Eribon wurde 1953 in Reims geboren. Sein Grossvater arbeitete als Schreiner in einer Möbelfabrik, seine Grossmutter konnte weder lesen noch schreiben. Der Vater war einfacher Fabrikarbeiter von seinem 14. bis zum 56. Lebensjahr, als er ­ungefragt in die Frühpension geschickt wurde. Die Mutter arbeitete als Putzfrau, um das Haushaltsbudget etwas aufzubessern. Die Familie wohnte in einem Arbeiterquartier der Stadt und wählte, wie üblich in dieser Schicht, routiniert die Kommunistische Partei.

Der Sohn Didier, der mit seinen Händen nichts anzufangen wusste (ausser Bücher zu halten), wollte auf keinen Fall das Schicksal seines ungeliebten, aggressiven Vaters teilen. Er setzte alles daran, «anders als er zu sein, das gesellschaftliche Gegenteil von ihm zu werden». Mit dem Dilemma, dass diese radikale Entgegensetzung die Abhängigkeit subkutan fortsetzte, musste er umgehen: «Politisch stand ich auf der Seite der Arbeiter, verfluchte aber gleichzeitig meine Herkunft aus ihrer Welt.»

Didier Eribon
Rückkehr nach Reims. Aus dem Französischen
von Tobias Haberkorn. Suhrkamp-Verlag,
Berlin 2016. 240 S., ca. 27 Fr.

Eindrücklich sind die Passagen, in denen Didier Eribon davon berichtet, wie er in den besseren Schichten der Pariser Intelligenzija versucht, seine bildungsferne Herkunft aus der Arbeiterschicht zu verschweigen oder zu verbergen. Doch auch scheinbar nebensächliche Dinge verraten ihn: seine Kleidung, sein Benehmen, seine Wortwahl. Er entwickelt in diesen gehobenen Kreisen eine «Herkunftsscham», die er, Jahre später, selbst wiederum beschämend findet. Diese soziale Scham – das ist die Erkenntnis, zu der Eribon während des Schreibens kam – hatte er lang erfolgreich verdrängt und bloss die sexuelle Scham im Blick gehabt, die besser zum Zeitgeist passte als die soziale (die ja politisch unkorrekt war in dem kommunistisch dominierten Milieu der Intellektuellen).

Es ging um die Homosexualität, zu der Eribon in der repressiven Provinz und beim homophoben Vater, zu dem er später keinen Kontakt mehr hatte, nicht stehen durfte. So erklärte sich der in Paris zu einem angesehenen Intellektuellen avancierte Journalist seine kompromisslose Abwendung von zu Hause als Reaktion auf die Unterdrückung ­seiner Sexualität. «Um mich selbst neu zu erfinden, musste ich mich zuallererst abgrenzen.» Erst in der Metropole war es Didier Eribon möglich, seine Homosexualität zu leben und im Kreis um Michel Foucault, über den er später eine Biografie schrieb, eine intellektuelle Heimat zu finden. Der schwule Philosoph zeigte in seinen Büchern über Normalität und Normativität, dass die herrschende Heterosexualität die Homosexualität als abweichende Existenzform brauchte, um sich ihrer eigenen Identität und Grenzen zu versichern. Auch die «Verurteilung der Homosexualität durch die Psychoanalyse», so Eribon, wurde abgelehnt.

Von der KPF zum Front National

«Rückkehr nach Reims» ist ein schonungsloses Buch. Es zeigt nicht nur, dass sich dessen Verfasser etwas vormachte, als er seine sexuelle Scham zuungunsten der sozialen Scham überbewertete, sondern auch, dass er – wie wohl die meisten der 68er-Bewegung – in den Studentenkampf zog mit einem idealisierten Bild des Arbeiters. «Das Proletariat war für mich eine Idee aus Büchern, eine abstrakte Vorstellung. Meine Eltern gehörten nicht in diese Kategorie.» In seiner Biografie war der Begriff Arbeiter immer mit Armut und Enge verbunden – mit all dem also, dem er entfliehen wollte. Mit der Flucht aus der Provinz wollte er sozial aufsteigen und seinen Habitus ändern.

Diese Selbsterkenntnis war nur auf dem Umweg über eine Rückbesinnung zu erlangen. Nach dem Tod des Vaters kehrte Eribon nach Reims zurück und rollte seine Lebensgeschichte im Gespräch mit der Mutter und anhand vieler Fotografien auf. Der Soziologe, der heute an der Universität von Amiens lehrt, wurde sich dabei einer weiteren Verblendung bewusst. Während sich die Pariser Intellektuellen mit allen möglichen Theorien herumschlugen, hat sich auf dem Land, das ihnen so fremd geworden war, politisch einiges getan: Die Leute, die früher die Kommunisten wählten, wählen heute den Front National.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.06.2016, 19:30 Uhr

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