Hintergrund

Die globale Kluft ob der Homosexualität

Ehe, Adoption, gemeinsame Steuererklärung: Die Gleichberechtigung der Homosexuellen feiert jüngst in etlichen Ländern Erfolge. Doch die gesellschaftliche Akzeptanz der Homosexualität steigt nicht überall.

Eine grosse Kluft: In welchen Ländern die Homosexualität am akzeptiertesten ist und wo sie am stärksten abgelehnt wird (die Umfrage wurde in 39 ausgewählten Ländern durchgeführt). (Daten: PEW Research Center. Grafik: Laurent Wolf)

Eine grosse Kluft: In welchen Ländern die Homosexualität am akzeptiertesten ist und wo sie am stärksten abgelehnt wird (die Umfrage wurde in 39 ausgewählten Ländern durchgeführt). (Daten: PEW Research Center. Grafik: Laurent Wolf)

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Mehrere Hundert Menschen schauten am letzten Mittwoch zu, als sich die beiden Franzosen Vincent Autin und Bruno Boileau auf dem Balkon des Stadthauses in Montpellier küssten. Die beiden sind schliesslich nichts weniger als das erste homosexuelle Ehepaar Frankreichs. In den letzten Wochen schritt die Gleichberechtigung der Homosexuellen aber auch in einigen anderen Ländern deutlich voran: In den USA akzeptierten die Pfadfinder homosexuelle Mitglieder, in Grossbritannien stimmte nach dem Unterhaus auch das Oberhaus des Parlaments für die Homoehe, und in Deutschland befand das Verfassungsgericht schliesslich am Donnerstag, dass Homosexuelle vor dem Steueramt gleich sind; dass also eingetragene Lebenspartner folglich genauso wie Ehepaare gemeinsam zu besteuern sind.

Die Akzeptanz der Homosexualität schreitet aber keineswegs in allen Ländern voran, wie eine aktuelle Studie des amerikanischen Forschungszentrums PEW zeigt (siehe Grafiken). In dessen Auftrag wurden für die Studie weltweit über 37'000 Personen in 39 Ländern gefragt, ob die Gesellschaft Homosexualität akzeptieren sollte. Etwas vereinfacht gesagt zeigen die Antworten der Befragten, dass die Akzeptanz der Homosexualität in westlichen Ländern hoch ist und seit der letzten Befragung im Jahr 2007 noch gestiegen ist, während sie in afrikanischen und arabischen Ländern nach wie vor gegen null tendiert.

Starker Zusammenhang mit Religiosität

Die Studie legt nahe, dass die Akzeptanz der Homosexualität stark mit der Religiosität einer Gesellschaft zusammenhängt (die Forscher bezifferten den Zusammenhang auf einen Wert von 0,7 – 1 entspräche einem hundertprozentigen Zusammenhang). Auffallend sind einige Ausnahmen: Sowohl in Russland wie in China sprechen sich nur rund ein Fünftel aller Befragten für die Akzeptanz der Homosexualität aus, auch wenn die beiden Länder als sehr wenig beziehungsweise eher wenig religiös eingestuft werden. Auf der anderen Seite ist die Akzeptanz der Homosexualität bei den Befragten in Brasilien und den Philippinen gleich hoch wie in anderen westlichen Ländern.

Das auffallendste Resultat der Studie ist aber jenes: Am stärksten abgenommen hat die Akzeptanz der Homosexualität ausgerechnet in Frankreich – einem der wenigen Länder, in dem Vincent Autin und Bruno Boileau nun sogar Kinder adoptieren dürfen. Über die Ursachen der Veränderung sagt die Studie nichts aus. War es die heftig geführte öffentliche Debatte über die Homoehe und die daraus entstandene Bewegung um die Komikerin Frigide Barjot, welche Tausende zu Grossdemonstrationen gegen die Homoehe mobilisierte?

Gründe für ein Umdenken

Aus einem anderen Land sind hingegen die Gründe für ein Umdenken zugunsten der Akzeptanz bekannt: In den USA liegt die Zustimmung zwar immer noch tiefer als in anderen westlichen Ländern. Heute sagen aber 60 Prozent, dass Homosexualität akzeptiert werden sollte – während es 2007 erst 49 Prozent waren. Wieso sie ihre Haltung änderten, haben Befragte in einer anderen Studie des Forschungszentrums PEW angegeben. Die allermeisten fielen in eine der folgenden vier Kategorien:

  • Kenne jemanden, der homosexuell ist
  • Bin offener geworden / mehr darüber nachgedacht / älter geworden
  • Es ist unaufhaltsam / verbreiteter / die Welt hat sich verändert
  • Jedermann ist frei in seinen Entscheidungen / Liebe / Glück / der Staat soll sich raushalten

In den USA scheint die ebenfalls heftig geführte Debatte der steigenden Akzeptanz der Homosexualität nicht geschadet zu haben. Stärker als in den USA stieg diese in den letzten Jahren (unter den untersuchten Ländern) nur in Südkorea an. Noch bevor der Oberste Gerichtshof der USA über die Zulässigkeit der Homoehe befinden wird, glaubt nun offenbar sogar eine Mehrheit der Gegner der Homoehe daran, dass sich diese langfristig durchsetzen wird. In einer ebenfalls am Donnerstag veröffentlichten Umfrage des Forschungszentrums PEW bezeichneten 59 Prozent der ablehnend Eingestellten diese als «unvermeidlich».

Wie geht es weiter?

Eine Prognose über die künftige Entwicklung der Akzeptanz der Homosexualität haben die Studienautoren nicht erstellt. Zwei Dinge lassen sich aus den Ergebnissen dennoch herauslesen: Erstens ist in den allermeisten Ländern die Zustimmung unter den jüngeren Befragten grösser. In den USA beispielsweise sprechen sich 70 Prozent der 18- bis 29-Jährigen dafür aus, während es bei den 50-Jährigen oder älteren nur 52 Prozent sind. Setzt sich diese Entwicklung fort, wird die Akzeptanz der Homosexualität weltweit zweifellos steigen.

Zweitens aber gibt es Länder, in denen die Entwicklung anders verläuft. In der Türkei beispielsweise ist die Zustimmung unter den 30- bis 49-Jährigen am grössten, während sie unter den 18- bis 29-Jährigen am geringsten ist. Insgesamt ist die Akzeptanz denn auch von 14 Prozent im Jahr 2007 auf aktuell 9 Prozent gesunken. Demnach ist also durchaus damit zu rechnen, dass sich die Lage für Homosexuelle in einzelnen Ländern entgegen dem Trend verschlechtert. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.06.2013, 12:06 Uhr

Alle Resultate

Sollte die Gesellschaft Homosexualität akzeptieren? Ja-Antworten in Prozent. (Daten: PEW Research Center)

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