Die grosse Freiheit in der Trainerhose

Für Jugendliche aus dem Balkan strahlt das Kleidungsstück eine archaisch-coole Männlichkeit aus – Spurensuche in der Urheimat der Jogginghose.

Legeres Outfit für coole Typen: Der sportliche Aufzug gehört im Balkan – und darüber hinaus – unterdessen zum Strassenbild. Foto: Jan-Philipp Strobel (dpa)

Legeres Outfit für coole Typen: Der sportliche Aufzug gehört im Balkan – und darüber hinaus – unterdessen zum Strassenbild. Foto: Jan-Philipp Strobel (dpa)

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Es ist ein Klischee – trotzdem aber nicht selten wahr: Kleider machen Leute. Am besten kann man das an einem Sonntagnachmittag auf Schweizer Bahnhöfen beobachten. Hier die Eidgenossen, die nach einer Wandertour eilig aus den Zügen steigen. Sie tragen wärmeregulierende, atmungsaktive, oft signalrote und selbstverständlich wasser- und windabweisende Funktionskleidung. Dort muskelbepackte Kerle in Nylonjacken, engen T-Shirts und Trainerhosen, die sich im sogenannten Jugo-Deutsch unterhalten, Kebab essen oder lässig eine Zigarette im Mundwinkel klemmen haben, sie ist so etwas wie der orale Stinkefinger der angeblich dresscodemässig Abgehängten.

Der Modeschöpfer Karl Lagerfeld sagte einmal, dass, wer Jogginghosen trage, die Kontrolle über sein Leben verloren habe. Auf gut Schweizerdeutsch gibt es nur eine Antwort auf diese kaltschnäuzige Belehrung: Das ist Chabis.

Mag sein, dass die Trainerhose das ästhetische Empfinden der textilkonservativen Oberschicht beleidigt. Aber egal wie man dazu steht: Das Kleidungsstück hat mittlerweile die Mitte der westlichen Gesellschaft erobert – nicht zuletzt dank den jungen Männern aus dem Balkan.

Die Beinfreiheit gehört für die Jungen zum angesagten Balkan-Lifestyle.

Ausdruck dafür ist der Internationale Tag der Jogginghose, der am kommenden Montag, 21. Januar, begangen wird. Es waren vier österreichische Mittelschüler, die vor zehn Jahren beschlossen, dem luftigen Beinkleid mit einem Feiertag zur gebührenden Anerkennung zu verhelfen. Mittlerweile gibt es weltweit Tausende junge Männer und Frauen, die an diesem Tag in ihrer Jogginghose zur Schule, zur Uni oder ins Büro gehen, am Abend gibt es mancherorts Jogginghosen-Partys. Einschlägige Facebook-Gruppen liefern Informationen über aktuelle Trends oder Restaurants, die mit einem Verbotsschild die Trainerhosenträger fernhalten wollen. Seit Jahren frönen immer mehr Menschen vor allem in urbanen Zentren dem «Athleisure»-Look: Das Wort setzt sich zusammen aus Athletic und Leisure, dem englischen Wort für Freizeit. 

In den Bildungsinstitutionen gibt es oft lebhafte Debatten darüber, ob Schüler in Trainerhosen im Unterricht erscheinen dürfen. Die Gegner lehnen den «aus Osteuropa importierten Stil» ab mit dem Argument, die Schule sei keine Chillout-Zone, sie soll auch erziehen, nicht nur bilden. Die Befürworter behaupten, ein Verbot bringe nichts, die Jogginghose sei en vogue.

Vor zwei Jahren wollte das Basler Leonhard-Gymnasium das Kleidungsstück aus dem Klassenzimmer verbannen. Stilexperten waren nicht begeistert. Schliesslich wurde die Trainerhose nicht explizit verboten. In der Hausordnung steht, die Kleidung sei ein wichtiger Ausdruck der Persönlichkeit, müsse aber der schulischen Lern- und Arbeitssituation entsprechen. Seither habe es keinen Streit um das Stück Stoff gegeben, heisst es aus dem Schulsekretariat. Wieder einmal zeigt sich: Wohldurchdachte Regeln sind hilfreicher als eine affektgetriebene Verbotskultur. 

In der Urheimat der Jogginghose

Wenn es eine Urheimat der Jogginghose gibt, dann befindet sie sich zwischen Slowenien und Mazedonien. Irgendwo dort liegt der Balkan, über dessen Grenzen die dortigen Völker heissblütig streiten. Es gibt mehrere Gründe, warum Männer und Frauen aus der Region das Baumwollding nicht nur auf dem Sofa und in der Turnhalle tragen, sondern auch im Ausgang. Die Boulevards und die Restaurants vieler Balkanstädte sind eine Art Verlängerung des Wohnzimmers. In Bosnien-Herzegowina haben laut Weltbank 67 Prozent der Jugendlichen keinen Job, also kennen die meisten keine geregelte Tagesstruktur. Und wer einen Job im Staatsdienst hat, der bleibt in der Regel nur wenige Stunden im Amtszimmer.

Eine Grenze zwischen Frei- und Beschäftigungszeit gibt es kaum. Die Jogginghosendichte ist beeindruckend auch in anderen Balkanstaaten wie Serbien, Kosovo, Mazedonien und Montenegro, die unter ökonomischer Schwäche leiden, und selbst in den bessergestellten EU-Staaten Kroatien und Slowenien, die ebenfalls Teil Jugoslawiens waren, fällt der Schlabberlook im Strassenbild auf. 

Populär ist die trenerka, wie das Kleidungsstück in fast allen balkanischen Sprachen heisst, seit den 60er-Jahren, als im jugoslawischen Vielvölkerstaat Hallensportarten wie Basketball, Handball und Volleyball die Arbeiterklasse zunehmend begeisterten. Es galt als chic, wenn Eltern in der meist blauen Alltagskluft mit ihren Kindern auf den Rängen Platz nahmen, um die Lieblingsmannschaft anzufeuern. Der Krieg hat das jugoslawische Basketballwunder zu Beginn der 90er-Jahre zerstört, die grossen Helden Vlade Divac, Drazen Petrovic, Toni Kukoc und Dino Radja wechselten damals in die NBA und legten dort grossartige Karrieren hin.

Bequem, zeitlos, billig

Die Trainerhose wurde auf dem Balkan bald zum Symbol der archaisch-coolen Männlichkeit. In der Belgrader Vergnügungsmeile Strahinjica bana tauchten Unterweltkönige, Paramilitärs und Benzinschmuggler auf, um mit teuren Autos und Trophäenfrauen mit Silikonbusen zu protzen. Aus diesem Grund heisst die Meile im Volksmund «Silicon Valley».

Viele Draufgänger, die sich dort tummelten, trugen Jogginghose und Kapuzenpulli. Mit diesem legeren Outfit können dubiose Gestalten viel schneller vor einer Polizeirazzia flüchten als in engen Jeans oder im Armani-Anzug.

Die Jogginghose ist bequem, zeitlos, billig, mit allem kombinierbar, und im öffentlichen Raum öffnet sie den Blick fürs Eingemachte. Das Herumkneten zwischen den Beinen gehört zu den Lieblingsbeschäftigungen des Balkan-Machos, wie der polnische Schriftsteller Andrzej Stasiuk während einer Reise im herrenlosen Kosmos Nordalbaniens festgestellt hat. 

Die Jogginghose ist in der Region auch schon zum handfesten Politikum geworden.

Auf dem Balkan hat die Jogginghose ihr schlechtes Image als Kleidung für Faulenzer, Geldwäscher und Menschenhändler mittlerweile abgelegt. Sie ist eine Kleidung für jede Lebenslage, sie bedeutet Freiheit und Feierabend.

Der albanische Ministerpräsident Edi Rama, ein ehemaliger Profibasketballer, trägt zwar noch nicht eine Jogginghose bei offiziellen Treffen, aber modisch fällt er in jeder Hinsicht aus dem Rahmen. Der Künstler trifft die hochrangigen EU-Politiker in Sneakers, und am Nationalfeiertag Ende November trug er eine Art Pluderhose.

Die Medien machten sich lustig über den clownhaften Auftritt. Rama schlug auf Facebook zurück: Es handle sich nicht um eine altmodische osmanische Pluderhose, sondern um ein Modell des japanischen Designers Yohji Yamamoto. Aber manche Albaner verstünden von der Mode so viel wie der Affe von einer Unterhose, meinte der Premier, der für seine ätzenden Polemiken bekannt ist. 

Demonstranten kamen in Trainerhosen

Die Jogginghose ist in der Region auch schon zum handfesten Politikum geworden. Als der serbischstämmige Bürgermeister der slowenischen Hauptstadt Ljubljana, Zoran Jankovic, 2011 mit seiner Partei die Parlamentswahlen gewann, war für die politischen Gegner sofort klar: Typen in Trainingshose seien kurz vor Sonnenuntergang mit Bussen zu Wahllokalen gebracht worden. Das war eine böse Anspielung auf die Kinder von Gastarbeitern aus dem wirtschaftlich rückständigen Süden. Daraufhin versammelten sich Hunderte progressive Slowenen im Zentrum Ljubljanas, um gegen die xenophobe Entgleisung zu protestieren. Die meisten kamen in Trainerhosen.

In der montenegrinischen Hauptstadt Podgorica, die in den tiefsten Schluchten des Balkans liegt, wird das Tragen der Jogginghose ausserhalb der eigenen vier Wände vehement verteidigt. Ein deutscher Reporter, der dem Phänomen nachging, bekam von Passanten durchaus originelle Antworten. Die Trainerhose sei «sehr behaglich», man müsse sie nicht bügeln, wer sie trage, lebe gesundheitsbewusster, das Ding sei «wie ein Schlafanzug, schnell rein – schnell raus». Ein Mann erklärte: «Ich funktioniere am besten in einem Jogginganzug, vor allem wenn ich nichts zu tun habe.»

Beinfreiheit gehört zum Lifestyle

Das Klischee vom faulen Montenegriner ist auf dem Balkan legendär, es gibt unzählige Witze und Anekdoten darüber, die auch Einheimische gern erzählen. Touristen, die in Montenegro Ferien machen, können eine in Stein gemeisselte Liste mit montenegrinischen Lebensweisheiten kaufen. Hier eine Kostprobe: «Wenn du Lust zum Arbeiten verspürst, setz dich hin, warte ab, es vergeht.»

Natürlich darf in dem Balkanland, das die Besucher mit Adriastränden und Bergen bezaubert, ein Witz über die Jogginghose nicht fehlen. «Wie erkennt man auf einer montenegrinischen Hochzeit denjenigen, der als Nächster heiraten wird? Er trägt die schönste trenerka.» Die Beinfreiheit gehört ein wenig zum Balkan-Lifestyle. Er zieht sich fast durch alle sozialen Schichten. Das wird einem bewusst, wenn man an der Zürcher Bahnhofstrasse von einem Mann in Trainerhose und Aktentasche angesprochen wird. Der Typ aus Mazedonien vermittelt laut Eigenwerbung zinsgünstige Darlehen.

Erstellt: 21.01.2019, 11:22 Uhr

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