Die junge Frau und das Meer

Janice Jakait hat in einem Ruderboot den Atlantik überquert. Eine Spitzenleistung mit einer Mission: Im Namen der Organisation Ocean Care ruderte die 34-Jährige gegen die Lärmbelastung in den Meeren an.

Vom Lärm bedroht: Ein Buckelwal in der Nähe von Japan.

Vom Lärm bedroht: Ein Buckelwal in der Nähe von Japan. Bild: Reuters

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Janice Jakaits Blick scannt das Meer ab. Die Haie sind da, sie weiss es. Aber jetzt ist weit und breit keine verdächtige Finne in Sicht, nur Schwärme von Doraden – ein gutes Zeichen. Ein leiser Hauch aus Süd kräuselt das Wasser. Und noch immer steht diese Strömung, treibt sie ab – nach Norden. Falsche Richtung . . . Seit Tagen wartet sie auf ruhiges Wetter, auf die Gelegenheit, von Bord zu gehen, ins Wasser zu steigen und die Muscheln vom Rumpf zu schaben, die ihre Fahrt täglich empfindlicher bremsen.

Dann, plötzlich, ist er da. Sie hat ihn nicht kommen sehen. Ein grosser dunkler Schatten, bald streift er ihr Bein, dann spürt sie an der Wade einen harten Stoss – der Hai! Raus, raus, raus, nichts wie raus hier. Der Fuss verheddert sich in der Schlaufe, doch irgendwie schafft sie es, sich an Bord zu wuchten, ausgepumpt sackt sie auf Deck zusammen, richtet sich auf, und jetzt sieht sie ihn: ein massiver, schwarzer Leib. Er taucht auf, schaut sie an. Und er bläst! Das ist kein Hai. Das ist ein Wal, ein Zwergwal, schätzt sie, gut und gern acht Meter lang. Sie wird später schreiben: «Ich hab ihn mit meiner Schaberei neugierig gemacht, und er hat mich zur Begrüssung aufs Bein geküsst!»

Dann gibts kein Zurück mehr

Schärfer können Kontraste nicht sein: hier das enge Ruderboot, verloren in der Weite des Atlantiks. Die beklemmende Ruhe vor dem Sturm, gefolgt vom tosenden Inferno – und die plötzlich Stille danach. Ebenso extrem: die panische Todesangst, die nahtlos übergeht in euphorische Glücksgefühle. Solche Stimmungen und Gefühle schilderte Janice Jakaits in ihrem Blog, den sie während ihres Rudermarathons über den Atlantik verfasst hatte.

Am 50. Tag, dem 11. Januar 2012, schliesst Janice Jakait (34) aus dem Dorf Neulussheim bei Speyer, Freundschaft mit «ihrem» Wal: Im Blog notiert sie: «Das Drehbuch kennt keine Grenzen; was hier passiert, ist so unglaublich, es ist das absolute Highlight!» Und weiter: «Beinahe-Kollisionen mit Fischtrawlern, Kreuzseen, Stürme, Wassereinbrüche, Schrammen, Schmerzen – lässt sich das noch toppen? Oh ja!»

Jakaits stiller Protest

Die Todesangst ist einem Gefühl tiefer Dankbarkeit gewichen. Der Kuss des Wals steht symbolisch für die Mission, ihres Projekts «Row for Silence», Rudern für die Stille. «Ich weiss, dass ich das schaffe», sagt sie, «und ich will es beweisen». Die sportliche Herausforderung ist dabei nur ein Teil: Die Athletin ist vor allem Naturschützerin. In enger Zusammenarbeit mit der Schweizer Tier- und Umweltschutzorganisation Ocean Care unterstützt sie die Kampagne «Silent Oceans» (siehe rechts). «Row for Silence» ist ein stiller Protest gegen den oft tödlichen Lärm, mit dem der Mensch den Lebensraum Meer zunehmend verseucht. «Mein Motor ist ganz leise», sagt Janice Jakait, «ein Zweischaufler aus Fleisch und Blut.»

Dieser «Motor» setzte sich am 23. November 2011 im portugiesischen Hafen Portimao in das Hightech-Ruderboot «Bifröst», eine sieben Meter lange, zwei Meter breite und 275 Kilo schwere Glas- und Kohlefaserkonstruktion. Solarpanels versorgen das Computer-, Navigations- und Notfall-Equipment mit Strom, eine Entsalzungsanlage sowie die mit einem Süsswasser-Notvorrat gefüllten Ballasttanks im Bug stellen die Trinkwasserversorgung sicher, dazu kommt der Proviant für vier Monate, hauptsächlich in Form von dehydrierten Fertigmahlzeiten, Müesli, Energieriegel und «ganz viel Schokolade». Insgesamt über eine Tonne Gewicht, die Janice Jakait mit durchschnittlich zwei Knoten (knapp 4 km/h) über 3500 Seemeilen (6500 Kilometer) von Europas Westküste Richtung Karibik bewegt.

Eine Hassliebe zum Ozean

Janice Jakait zwingt sich zu eiserner Disziplin. Sie rudert zwei Stunden und legt sich dann für zwei, höchstens drei Stunden in den Schlafsack, verzehrt bei Tagesanbruch ein Müesli und nimmt die nächste Ruderschicht in Angriff. Mit zunehmender Entfernung von der westafrikanischen Küste nimmt der Schiffsverkehr ab; dafür wachsen die Wellenberge in die Höhe. Sechs, manchmal bis zu acht Meter, eine Gewitterfront löst die nächste ab.

An Rudern ist nicht zu denken. Janice verkriecht sich unter Deck, schliesst die Luke, schnallt sich an, stülpt einen Helm über den Kopf – und fährt «Achterbahn». «Bifröst» wird immer kleiner und enger, mal wähnt sie sich in einer Waschmaschine, mal in einem taumelnden Plastiksarg – lebendig begraben. Irgendwann kommt der Moment, in dem sie es nicht mehr aushält. Sie muss raus. Öffnet die Luke, kriecht an Deck. Sie schreit ihre Wut in den Wind und verflucht «diesen gottverdammten Ozean» in einer Schimpftirade.

Von einer Minute auf die andere ist der Spuk vorbei. Das Boot tanzt zwar noch immer zwischen den Wellenbergen, doch der wilde Ritt macht plötzlich Spass – auch Jakait tanzt. Sie tanzt, singt und lacht, setzt sich ins Cockpit, packt die Riemen und rudert weiter über das verhasste und innig geliebte Meer.

Ein Duftbaum zu Weihnachen

Weihnachten. Janice zündet imaginäre Kerzen an, träumt von süssem Gebäck und schickt über ihren Blog Grüsse an die Lieben zu Hause. Bei dem Seegang, schreibt sie, werde die Kabine nie trocken – «und das stinkt!» Statt eines Christbaums habe sie ein Duftbäumchen aufgehängt.

Am 10. Januar taucht ein Koloss am Horizont auf, ein Riesentanker, an die 300 Meter lang, direkt auf Kollisionskurs. Janice muss ihn anfunken, warnen, sie kann nicht ausweichen. Doch da ist noch ein anderer Koloss – und der stiehlt dem Tanker die Show! Zuerst erkennt Janice nur die beiden gigantischen Wassersäulen – der Blas eines Buckelwales. Im nächsten Moment steigt dieser mächtige Leib aus dem Meer. Er zeigt seine weisse Flanke, klatscht zurück ins Wasser, schiesst erneut hoch, dreht sich um 180 Grad. Gebannt verfolgt Janice das Spektakel; selbst als ihr Kollisionswarnsystem Alarm schlägt – Sicherheitsabstand zum Tanker unterschritten! –, kann sie sich nicht rühren. Der Wal umrundet das Boot, zieht seine Show durch, und verschwindet, von den Schiffsmotoren eingeschüchtert, so plötzlich, wie er gekommen ist. Janice reibt sich die Augen: «Das glaubt mir keiner!»

Exakt drei Monate nach dem Start in Portugal und einen Monat früher als geplant quert sie vor der Karibikinsel Barbados die Position 13°20.700N/59°36.900W, die offizielle Ziellinie. Sie ist so erschöpft, dass sie im Hafenbecken von Port St. Charles um ein Haar eine Luxusjacht rammt. An der Mole wartet eine jubelnde Menschenmenge. Janice fällt ihr in die Arme. «Jetzt brauch ich einen Cheeseburger», sagt sie, «mit viel Pommes.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.02.2012, 14:58 Uhr

Drei Monate auf See, eine Million Ruderschläge: Janice Jakait überquerte den Atlantik.

Ocean Care

«Diese Leistung kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.», sagt Sigrid Lüber, Präsidentin der Tier- und Umweltschutzorganisation Ocean Care in Wädenswill. Vor über zehn Jahren hat sie die Kampagne «Silent Oceans» lanciert, um die Lärmbelastung in den Weltmeeren zu bekämpfen. Seismische und geophysikalische Messungen zur Ortung von Ölquellen, militärische Sonaranlagen, Offshore-Windparks und der stetig wachsende Schiffsverkehr verursachen Lärm, der für Wale und Delfine tödlich sein kann. Meeressäuger orientieren sich über hochsensible Sonarorgan; werden diese durch den Lärm geschädigt, können die Tiere keien Nahrung orten und keine Partner zur Paarung finden. «Wir haben mit Petitionen und Aufklärung schon einiges erreichen können», sagt Lüber. «Politiker sollen sich an Janice Jakait ein Vorbild nehmen- und den Lippenbekenntnissen Taten folgen lassen.» (schü)

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