«Die jungen Leute erwarten gar nichts anderes mehr als Vereinnahmung»

Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier sagt, die heutige Jugend sei verzweifelt glücklich. Und hätte gelernt, diese Rolle zu spielen.

«Occupy ist in der Mehrheitskultur einfach untergegangen», sagt Bernhard Heinzlmaier. Protest-Lager 2011 in Madrid. Foto: Pedro Armestre (AFP)

«Occupy ist in der Mehrheitskultur einfach untergegangen», sagt Bernhard Heinzlmaier. Protest-Lager 2011 in Madrid. Foto: Pedro Armestre (AFP)

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Wie geht es den jungen Leuten?
Das wesentliche Merkmal der jungen Leute ist der Pragmatismus. Die meisten passen sich an und versuchen, so gut es geht, mitzumachen im täglichen Konkurrenzkampf. Sie suchen das, was man das «wahre Leben» nannte, im Privaten. Und akzeptieren, sich im öffentlichen Bereich so zu geben,wie das gewünscht wird. Junge Menschen führen diese gespaltene Existenz sehr bewusst.

Sie schreiben, die Jugend sei glücklich und optimistisch. Und zwar, weil sie dazu verpflichtet wurde, das zu sagen.
Selbstdarstellung und Imagebuilding sind sehr wichtig. Nicht nur Unternehmen, auch einzelne Menschen kommunizieren heute strategisch. Gerade junge Leute, die den Einstieg in ein erfolgreiches Leben schaffen müssen, haben gelernt, Rollen zu spielen, die sie in einem bestimmten Kontext weiterbringen. Und es gehört zu einem guten Image, motiviert zu sein und positiv zu denken.

Der Antrieb der Jungen ist also die Konkurrenz?
Ja, denn es genügt heute nicht mehr, seine Arbeit ordentlich zu erledigen.Man muss sie auch motiviert erledigen und sich mit ihr identifizieren.

Also spielt man das dem Arbeitsmarkt vor?
Nun, es gibt die geborenen Schauspieler, denen das Spass macht – jedenfalls so lange, bis auch sie Abnützungserscheinungen zeigen und Depressionen entwickeln. Dann gibt es die schrumpfende Gruppe der kritischen Jugendlichen, die sich eine andere Welt vorstellen. Und schliesslich die, die gerne mitmachen würden, aber nicht können, und denen ein prekäres Leben droht.

Das heisst, dass immer weniger Junge daran glauben, dass sie die Gesellschaft verändern könnten?
Ja. Eine Jugend, die sich angewöhnt hat, Rollen zu spielen, ist sensibel für alles, was nur so tut als ob. Das heisst, sie spürt, dass die Politik zwar Partizipation anbietet, sie aber gleichzeitig dazu benutzt, Kontrolle auszuüben. Die jungen Leute durchschauen das und erwarten von der Politik gar nichts anderes mehr als Vereinnahmung. Also tendiert das Interesse an der Partizipation gegen null.

Dann steckt hinter der angeblich desinteressierten Jugend eine grosse Desillusion?
Genau, und die äussert sich in einem dauerironischen Jargon, mit dem über Politik und Wirtschaft geredet wird. In einem Zynismus, hinter dem sich letztlich moralische Verzweiflung verbirgt.

Gemäss Ihren Umfragen könnten sich zum Beispiel 54 Prozent der jungen Leute vorstellen, bestimmte Waren zu boykottieren. Aber nur 24 Prozent haben es wirklich getan.
Was nicht wenig ist. Da sehe ich noch ein gewisses Potenzial der politischen Beteiligung – überall, wo sich die Leute aus ihrer Konsumentenrolle heraus engagieren, als «Consumer Citizens».

Dabei war es noch nie so einfach, sich politisch zu engagieren. Ein Klick, und die Petition ist unterschrieben.
Auch das ist letztlich eine konsumistische Haltung. Man sitzt entspannt am Computer und klickt mit schlaffem Finger mal diese Petition an und liked mal jene Nichtregierungsorganisation. Man ist nicht wirklich involviert. Schon gar nicht übernimmt man Verantwortung oder geht Risiken ein.

Trotzdem sprechen Sie von der «kulturellen Herrschaft der Gegenwartsjugend». Wie konnte diese desillusionierte Jugend zum Vorbild für alle werden?
Es ist ironisch und logisch zugleich. Es äussert sich darin ja auch nur die Angst der Älteren, im täglichen Rollenspiel imagemässig nicht mehr zu genügen. Der aktive, vitale, flexible Mensch ist ein junger Mensch, und wer dieses Ideal nicht mehr erfüllt, wird ausgeschieden. Also klammert man sich an die Lifestyles der Jugend, um weiter mitmachen zu dürfen. Über diesen Mechanismus dominiert die Jugendkultur das Alter, und ihr Imperativ, glücklich und optimistisch zu sein, überträgt sich auf alle.

Diese ökonomischen Notwendigkeiten scheinen stark verinnerlicht zu sein. Sie haben gezeigt, dass die Jungen sehr optimistisch sind, was ihr eigenes Leben betrifft, aber sehr pessimistisch für die Zukunft der Gesellschaft.
Ja, die Disziplin und die Kontrolle sitzen den Leuten im Kopf, als Selbstdisziplin und Selbstkontrolle. Oder nehmen Sie andere, heute wichtige Begriffe: Selbstbewusstsein, Selbstverwirklichung. Immer steht das Selbst im Mittelpunkt, das an sich arbeitet und die Fortschritte überwacht. Man muss die Leute nicht mehr dazu anhalten, bestimmte, für das System nützliche Dinge zu tun. Sie tun sie von sich aus. Für sich, nicht für das System, dem sie zutiefst misstrauen.

Woher kommt diese verblüffende Idee unter den jungen Menschen, dass das eigene Wohlergehen so gut wie nicht vom Zustand der Gesellschaft abhängt?
Es ist, wie Sie gesagt haben, verinnerlichte Egozentrik. Es ist verinnerlichte neoliberale Ideologie. Sie hat dazu geführt, dass man in der Gemeinschaft und in der Gesellschaft keine Chancen mehr sieht, nur Behinderungen. Das Individuum sieht für sich überall dort gute Aussichten, wo es für sich steht.

In Abwandlung des 68er-Slogans könnte man sagen: I want the world and I want it now.
Genau, es ist ja interessant, wie sich etwa der Begriff der Selbstverwirklichung seit 1968 verändert hat. Damals ging man in eine Kommune, um sich als Teil einer Gemeinschaft auszudrücken. Heute geht man zum Psychotherapeuten und reflektiert sich selbst.

Was bedeutet es für eine Gesellschaft, wenn ihre Mitglieder nicht mehr an eine gemeinsame, sondern nur noch an die eigene Zukunft glauben? Existiert sie noch?
Schon, aber nur noch als Lieferant von Nutzen für den Einzelnen. Im Kern einer Gemeinschaft steht keine emotionale Zusammengehörigkeit, sondern das individuelle Nützlichkeitskalkül. Man nennt das Networking.

Sie beschreiben Facebook.
Facebook ist den Leuten doch völlig egal. Sie sind dabei, weil sie sich von den Kontakten etwas versprechen. Facebook ist eine Ego-Maschine.

Occupy war 2011 der Versuch eines grossen, gemeinsamen Protests.
Ich war von Occupy begeistert, von dieser anarchistischen, aber auch gemeinschaftlichen Bewegung, die hochgradig intellektuell und kultiviert war. Aber ich muss zugeben, das war vielleicht auch ihr Problem, weil es sie letztlich zum Minderheitenprogramm machte. Haben Sie die Bücher von David Graeber gelesen, dem Vordenker von Occupy? Was er schreibt, steht diametral zu dem, was wir alle in der Schule gelernt haben und noch lernen. Man muss schon ein sehr widerständiger Geist sein, um sich dem anzuschliessen. Occupy ist in der Mehrheitskultur einfach untergegangen.

Wir haben über die Desillusion der Jugend gesprochen. Occupy war auch das Angebot einer Jugendbewegung – und wurde ausgeschlagen.
Im Kern von Occupy herrschte ein grosser Optimismus. Aber es stimmt vielleicht, dass er von einer viel zu kleinen Gruppe geteilt wurde. Aber David Graeber hat ja gesagt, warum das Angebot nicht angenommen wurde: Das System sei mit seinen Konsum- und Selbstverwirklichungsangeboten derart attraktiv, dass dagegen schwer anzukommen sei. Wir haben davon gesprochen: Die Leute glauben nicht, dass sie scheitern. Sie glauben, dass sie es schaffen. Auch das gehört zur Attraktivität des Angebots.

Auch in Spanien, wo die Hälfte der jungen Leute ohne Arbeit ist?
In Spanien ist die kritische Masse wohl tatsächlich erreicht. Der Neoliberalismus muss seine Versprechungen für die Mehrheit erlebbar und lebbar machen, sonst hat er ein Problem. Aber: Die Proteste in Spanien fussen auf der Tatsache, dass die Hälfte der Menschen an den Segnungen des Systems nicht mehr teilhat. Anders als bei Occupy geht es nicht darum, das System zu verändern. Sondern, wieder ein Teil davon zu sein.

Der Appetit kommt beim Essen, sagt man. Glauben Sie nicht, die Proteste könnten eine Eigendynamik entwickeln und die spanische Gesellschaft verändern?
Wollen das die Demonstranten? Sie haben sich zusammengetan, um gemeinsam ein individuelles Ziel zu erreichen: einen Job. Falls sie das erreichen, werden sie sich wieder zerstreuen.

Kann es sein, dass Sie auch desillusioniert sind?
Natürlich. Wenn man noch einen Funken Geist in sich hat, muss man das sein. Es gibt ja keine andere Möglichkeit. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.02.2013, 12:20 Uhr

Experte für Jugendkultur: Bernhard Heinzlmaier

Bernhard Heinzlmaier

Der 53-jährige Österreicher erforscht seit über 20 Jahren das Denken und Handeln junger Menschen. Als Spezialist für Marketing für Jugendliche und junge Erwachsene leitet er die Hamburger Agentur tfactory. Ausserdem hat Heinzlmaier das Institut für Jugendkulturforschung in Wien mitbegründet, dessen ehrenamtlicher Vorsitzender er heute ist. Das Institut hat 2011 eine repräsentative Umfrage unter 14- bis 29-jährigen Österreichern durchgeführt, deren Ergebnisse für die Schweiz ähnlich zutreffen dürften. Das verblüffende Resultat: 64 Prozent der Jungen sind optimistisch, was ihre eigene Zukunft betrifft, aber pessimistisch für die Gesellschaft. Für diese sehen nur 22 Prozent eine gute Zukunft. 33 Prozent prophezeien eine «eher düstere» gesellschaftliche Zukunft, nur 4 Prozent sehen für sich selber so schlechte Chancen. (cf)

Trendboost
Kongress in Zürich

Bernhard Heinzlmaier ist einer der Referenten am Trendboost, einem Kongress für Jugendkultur und Jugendmarketing, der am 21. Februar im Güterbahnhof in Zürich zum ersten Mal stattfindet. Veranstaltet wird der Anlass von der Agentur Jim & Jim AG und der Hochschule für Technik und Wirtschaft Chur. Ein weiterer hochkarätiger Gast ist Kris Hoet von der belgischen Agentur Duval Guillaume Modem, die mit interaktiven Kampagnen für Aufsehen gesorgt hat – etwa mit «Entdecke den 007 in dir» zum Start des letzten Bond-Films «Skyfall». Der Spot wurde auf Youtube rund 10 Millionen Mal angeklickt. Weitere Referenten sind Christian Ritter von der Zürcher Hochschule der Künste, Alexander Mazzara, Chef des Fernsehsenders Joiz, und Jochen König vom Netzwerk Schüler VZ. (cf)

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