Die permanente Vorbildhaltung nervt

Seit sie stets einen Fahrradhelm trägt, wird unsere Autorin von anderen Müttern gelobt. Warum ausgerechnet dafür? Eine Abrechnung.

Für den Fahrradhelm gibts aus der Peer Group schnelles Lob.

Für den Fahrradhelm gibts aus der Peer Group schnelles Lob.

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Von allen hässlichen Dingen auf der Welt, um es mit Oscar Wilde zu sagen, sind Fahrradhelme wohl das hässlichste (na gut, Wilde sprach von Kunstblumen, aber im viktorianischen England gab es eben noch keine Sicherheitsausrüstung für Hobby-Fahrradfahrer). Ich habe mir dennoch einen Helm gekauft, allem inneren Widerstand zum Trotz. Nachdem ein SUV einem Freund die Vorfahrt genommen hatte, konnten wir nämlich alle froh sein, dass er erstens noch lebt und zweitens noch denken kann. Das hat er einzig seinem Helm zu verdanken. Darum ist die Zeit der Ausreden nun für immer vorbei, egal, wie schwer es mir fällt. Denn ein Fahrradhelm ist nicht nur hässlich, er symbolisiert für mich auch das Ende einer Fahrradkultur, die doch eigentlich etwas mit Leichtigkeit, Freiheit und Wind in den Haaren zu tun haben sollte, mit dem Urvertrauen in eine Menschheit, die mir nicht die nächste Autotür ins Gesicht knallen wird.

Nun habe ich also einen goldenen Helm, der mich in eine menschliche Kanonenkugel verwandelt. Gold, weil ich nach dem Prinzip der Schadensbegrenzung nach einem Modell gesucht habe, das nicht nach Endstation-Mutti-Look aussieht. Mein Mann hat es diplomatisch so formuliert: «Du bist auf jeden Fall nicht mehr zu übersehen.« Richtiges, ernst gemeintes, überschwängliches Lob für meinen goldenen Helm bekomme ich dagegen von den Eltern in der Kita. Ich bin jetzt nämlich ein Vorbild. Für die Kinder. Ich bin empört - das fällt denen erst jetzt auf? Da müht man sich seit Jahren damit ab, Kinder, Karriere und Netflix unter einen Hut zu kriegen, und wofür wird man von seiner Peer Group gelobt? Für den Fahrradhelm.

Auch Serien-Schwein Peppa Wutz trägt jetzt Helm - eine Mutter hatte sich beschwert Mich erinnert meine neue Vorbildfunktion an die Schwachsinnsdiskussion um das Zeichentrickschwein Peppa Wutz. Eine Mutter hatte sich beschwert, dass Peppa in den ersten Staffeln keinen Fahrradhelm trug, darum mussten die Produzenten mehr als hundert Folgen nachbearbeiten. Man muss sich das mal vorstellen: Neun Monate lang wurden nachträgliche Helme in die Serie hineindigitalisiert! Nun ist Peppa Wutz ein Helm-Vorbild. Genau wie ich. Allein das zeigt doch die Absurdität der Vorbildidee: Da legen wir es einerseits darauf an, Kindern kritisches Denken beizubringen. Auf der anderen Seite gehen wir davon aus, dass nur eine Koalition aus regelkonformen Eltern, tugendhaften Freunden und einem dämlichen Schwein dazu in der Lage ist, sie auf den richtigen Weg zu bringen.

Der Topseller im Kanon der angesagten Werte

Es wäre geradezu tragisch, wenn ich meinen Kindern den Helm nur vermitteln könnte, indem ich selber einen trage - wozu gibt es denn so etwas wie elterliche Autorität und die Magie des Machtwortes? Die strikte Trennung zwischen Kindern und Erwachsenen weicht zwar immer mehr auf, aber das ist noch lange kein Grund, ihre Bedürfnisse als die einzig massgebliche familiäre Masseinheit zu betrachten. Meine Kinder können ruhig lernen, dass ihre Welt eine andere ist als die ihrer Eltern, auch aus Selbstschutz: Sonst sitzen wir bald wirklich alle auf Zwergenstühlen im Kinderhotel und gucken Peppa Wutz. Die Existenz der Erwachsenen, sie muss doch noch ein paar Privilegien, Abgründe und verschlossene Türen haben, sonst wären Fahrdienste, Elternabende und Kindergeburtstage überhaupt nicht mehr zu ertragen.

Ich glaube ohnehin nicht, dass sich irgendwer einen Gefallen damit tut, wenn er es darauf anlegt, ein Vorbild zu sein. Man kann sich das genau betrachtet genauso wenig vornehmen, wie glücklich zu sein. Wenn man es zwanghaft darauf anlegt, lauern neurotische Selbstbeobachtung und falsches Getue direkt hinter der nächsten Ecke. Denn sowohl glückliche als auch vorbildliche Menschen sind dies nur aus einer inneren Haltung heraus, beides ist eine Nebenwirkung ihrer Entscheidungen, kein Selbstzweck. Und möchte man sein Leben wirklich unter dem Diktat der Vernunft (oder ihrer garstigen Schwester, der Effizienz) betrachten?

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Meine Kinder können sich gerne Sachen bei mir abgucken, am liebsten natürlich die guten. Wenn der Fahrradhelm später mal etwas ganz Selbstverständliches für sie ist, weil sie mich niemals ohne gesehen haben, dann ist mir das sehr recht. Was mich aber nervt, ist diese Vorbildhaltung, die mir von anderen Eltern ungefragt unterstellt wird. Ich trage den Goldhelm nämlich nicht in erster Linie, damit meine Kinder etwas lernen, ich trage ihn, weil ich es für mich richtig finde. Die allumfassende Vorbildfunktion gegenüber Kindern ist für mich eine schreckliche Vorstellung, eine Zwangsjacke der Tugend, massgeschneidert für Eltern, die ohnehin schon viel zu viel zu tun haben und ihr schlechtes Gewissen bekämpfen müssen. Mag ja sein, dass Vorsicht gerade der Topseller im Kanon der angesagten Werte ist - aber manchmal verstehe ich das Kopfschütteln der heutigen Grossmütter, die sich fragen, warum wir es uns nicht ein bisschen leichter machen. Für sie waren Autogurte allenfalls eine Option, «Frosties« ein gesundes Frühstück und Rauchen nichts, wofür man sich auf dem Balkon hätte verstecken müssen. Wir hingegen glauben, dass man als Mutter oder Vater eine Spitzenperformance hinlegen muss, weil sonst der soziale Abstieg droht.

Wenn mich meine Kinder mal bewundern wollen, finden sie hoffentlich etwas, das über den Helm hinausgeht. Ausserdem lernen sie aus meinen Schwächen ohnehin viel mehr: Nämlich dass Menschen komplexe und widersprüchliche Wesen sind, dass das Nur-Gute eine Fiktion ist und dass man das Richtige und das Falsche zugleich tun kann, ohne menschlich sofort durchzufallen. Idealerweise lernen sie, dass Liebe nicht nur bedeutet, jemanden für seine Stärken zu bewundern, sondern auch, dessen Schwächen zu ertragen. Gut, das ist auch schon eine Herausforderung für Erwachsene - aber wenn ich meinen Kindern etwas beibringen kann, dann wenigstens die richtigen Sachen.

(Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 17.04.2018, 10:51 Uhr

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