Porträt

Die schöne Rote ist auf allen Kanälen

Pünktlich zum Parteitag der Linken erstrahlt der weibliche Star der Sozialisten in neuem Glanz. Sahra Wagenknecht: Die beliebteste Rote Deutschlands. Wer ist die Frau?

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Die «Bild»-Zeitung nennt sie «die schöne Sahra», Michael Friedmann kürte sie in seiner Sendung zu «einer der intelligentesten Politikerinnen Deutschlands», für Harald Schmidt ist sie schlicht die «Ikone der Linkspartei». Selten kam eine Sozialistin in den Medien besser weg als Sahra Wagenknecht. Die tiefrote Hardlinerin ist zurzeit Deutschlands Medienliebling.

Das war nicht immer so: 1994 sagte sie öffentlich, die DDR sei «das friedlichere, sozialere, menschlichere Deutschland gewesen», die Mauer hielt sie für ein notwendiges Übel. Damit machte sie sich in dem erst seit wenigen Jahren wiedervereinten Deutschland gewiss nicht viele Freunde. Selbst parteiintern war sie manch einem zu linientreu. Der Bundestagsabgeordnete der Linkspartei, Michael Leutert, wehrte sich 2008 gegen eine Kandidatur Wagenknechts zur stellvertretenden Parteichefin, weil sie sich nicht genügend vom Stalinismus distanziere.

Als sie sich 2010 nach einer Rede Shimon Peres' im Deutschen Bundestag zum 65. Jahrestages der Befreiung von Auschwitz nicht erhob, weil sie «einem Staatsmann, der selbst für Krieg mitverantwortlich ist, einen solchen Respekt nicht zollen kann», zerstritt sich Die Linke. Für pragmatischere Parteimitglieder war dies ein Zeichen eines unüberwundenen Antizionismus, Sahra Wagenknecht sei «unwählbar». Trotzdem wurde sie im gleichen Jahr mit einer deutlichen Mehrheit zur stellvertretenden Vorsitzenden der Partei erkoren.

Während des Mauerfalls zu Hause geblieben

Von der Parteispitze hat es die hochgewachsene, kühle Politikerin, die ihre DDR-Nostalgie mittlerweile relativiert, nun auf die Polstergruppen der TV-Talker und die Titelseiten der Zeitungen geschafft. Das mag an der Wirtschaftskrise liegen, die kapitalismuskritischen Geistern Wind in die Segel bläst. Dies allein als Erklärung für Wagenknechts Medienerfolg griffe aber zu kurz. Sahra Wagenknecht gehört nicht zu den Schreihälsen, die mit erhobener Faust keifen. Wenn sie sagt, es spreche wenig für den Kapitalismus, dann klingt das nicht nach einer empörten Parole, sondern wie eine sachliche Feststellung.

Das h in ihrem Namen und die pechschwarzen Haare verdankt die Tochter einer Deutschen ihrem iranischen Vater, der aber in ihrem dritten Lebenjahr die DDR wieder verlassen musste. 1969 im ostdeutschen Jena geboren, brillierte sie früh durch ihre hervorragenden schulischen Leistungen und galt als Aussenseiterin. Obwohl das Fundament der DDR immer mehr bröckelte, trat Wagenknecht wenige Monate vor dem Mauerfall in den SED ein. Während Tausende andere Ostdeutsche die Nacht des Mauerfalls auf den Strassen durchfeierten, las Sahra Wagenknecht zu Hause ein Buch.

Einem Journalisten der «Frankfurter Allgemeinen» sagte sie, sie hätte es schon bedauert, zu DDR-Zeiten nicht nach Rom oder Paris reisen zu dürfen. Ostberlin verliess sie aber erst Monate nach der Grenzöffnung – um ein Buch in Westberlin zu kaufen. Nach der Wende politisierte Wagenknecht in der Partei des Demokratischen Sozialismus und engagierte sich insbesondere in der Kommunistischen Plattform des PDS.

Hochzeit an Marx' Geburtstag

Die beharrliche Politikerin, die seit Jahren dieselbe Rosa-Luxenburg-Frisur trägt, wirkt immer hoch konzentriert, antwortet selbst auf die cholerischen Attacken ihrer Kontrahenten trocken und ruhig. Sahra Wagenknechts politische Haltung entstand nicht an Demonstrationen und Versammlungen, sondern in ihrem Zimmer, während die Schülerin über Goethe und Schiller zu Hegel und Kant gelangte und schliesslich bei Marx landete.

Dem ist sie bis heute treu geblieben, sogar ihre Hochzeit feierte sie an Marx' Geburtstag. Man müsse schon auch über Marx hinaus denken, aber er habe doch sehr hilfreiche Analysemittel geliefert, «wie er da umgesetzt wurde, dagegen konnte er sich ja nicht wehren», sagt sie in einem Fernsehinterview.

Trotz ihres intellektuellen Hintergrundes verliert sich die studierte Philosophin und Schriftstellerin selten in abstrakten Phrasen und kontert in TV-Sendungen bisweilen mit stringenter Logik: «Wenn der Staat 18 Milliarden in eine Bank hineinpulvert, die nur 4 Milliarden wert ist, dann gehört diese Bank nach normalen marktwirtschaftlichen Massstäben doch dem Staat.»

Ihre argumentativen Schachzüge sind hochintelligent, jedoch in einer einfachen und eingehenden Rhetorik gehalten. Sahra Wagenknecht scheint eisern, ein herzhaftes Lachen rutscht ihr selten heraus. Doch in ihren grossen, dunkeln Augen meint man eine tiefgründige Sensibilität zu entdecken. Es sind wohl gerade diese markanten Gegensätze, die aus der strammen Sozialistin eine der interessanteren Politikerinnen machen, deren Ausstrahlung sich Freund wie Feind nur schwer entziehen können.

Erstellt: 21.10.2011, 07:50 Uhr

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