Die tragische Geschichte des Freiheitskämpfers Endre Papp

Der Mann, der die ungarische Botschaft in Bern überfiel, wurde später des Bankbetrugs beschuldigt. Er erkrankte im Gefängnis und starb 2003. Seine Söhne wollen ihn mit einem Buch rehabilitieren.

Endre Papp wird am 16. August 1958 aus Ungarns Botschaft abgeführt.

Endre Papp wird am 16. August 1958 aus Ungarns Botschaft abgeführt. Bild: RDP (ATP)

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Unter dem Titel «Tödlicher Politthriller in Bern» berichtete der «Bund» Anfang März über den Überfall auf die ungarische Botschaft in Bern am 16. August 1958. Die beiden in die Schweiz geflüchteten ungarischen Freiheitskämpfer Endre Papp und Sandor Nagy waren damals mit Pistolen bewaffnet in das Gebäude eingedrungen. Ein im Februar im ungarischen Staatsfernsehen ausgestrahlter Spielfilm rief das damalige Geschehen in Erinnerung. Die Aktion endete blutig: Nagy wurde von Botschaftsangehörigen erschossen, während Papp von der Berner Polizei verhaftet und später zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt wurde. Es sollte nicht sein letzter Gefängnisaufenthalt bleiben.

Vorerst aber integrierte sich der Flüchtling erfolgreich in seiner neuen Heimat. Zuerst arbeitete er als technischer Angestellter bei einer Baufirma in Lyss. Dann liess er sich kaufmännisch ausbilden und wechselte zum Bankverein in Bern, welcher später mit der Bankgesellschaft zur UBS fusionierte. Dort erhielt er Positionen in der Wertschriftenverwaltung und der Wertschriftenkontrolle.

Als er 1997 im Rahmen eines Reorganisationsprogramms frühzeitig pensioniert werden sollte, wehrte er sich zuerst. Als ihm eine Abgangsentschädigung von 52'000 Franken angeboten wurde, unterschrieb er die Kündigung. Er machte sich mit seiner eigenen Firma «F.A.U.S.T – Finanz-, Anlage- und Steuerberatung, Treuhand» selbstständig. Doch sein Wirken als selbstständiger Unternehmer dauerte nicht lange.

Kassenobligationen gefälscht?

Am 17. März 1998 reichte der Bankverein Strafanzeige gegen seinen ehemaligen Angestellten ein. Die Grossbank warf ihm vor, Kassenobligationen im Wert von rund 18 Millionen Franken gefälscht zu haben. Die Polizei überwachte in der Folge für ein halbes Jahr die Telefone von Papp und seinen zwei Söhnen. Am 13. Oktober 1998 wurden Papp sowie die Söhne verhaftet. Die Söhne blieben 70 Tage in Haft, Endre Papp 3 Jahre und 7 Monate – bis zu seiner Entlassung aus gesundheitlichen Gründen.

Auslöser für die Strafanzeige war, dass im November 1997 beim Schweizerischen Bankverein zwei Kassenobligationen mit identischer Nummer eingereicht worden waren. Der Bankverein kam zum Schluss, eines der beiden Wertpapiere sei eine Fälschung. Die Bank verdächtigte Endre Papp, er habe während seiner Tätigkeit in der Wertschriftenkontrolle Blankowertpapiere, das heisst, vorgedruckte, aber noch nicht vollständig ausgefüllte Kassenobligationen, gestohlen und gefälscht.

Papp bestritt die Vorwürfe vehement. Er argumentierte, der Bankverein habe keine Beweise, dass überhaupt Blankowertpapiere verschwunden seien. Es gebe vielmehr eindeutige Hinweise, dass die doppelte Vergabe der Nummern bei der Zusammenlegung mehrerer Regionalbanken entstanden sei.

Papiere der Seeland-Bank

Als Folge der damaligen Immobilien- und Finanzkrise hatten sich Ende 1991 sieben Regionalbanken zur Seeland-Bank zusammengeschlossen. Es handelte sich um die Amtsersparniskasse Aarberg, die Ersparniskassen Biel und Nidau sowie die Spar- und Leihkassen Biel-Madretsch, Amtsbezirk Büren, Erlach und Lyss. Im Jahr 1992 kam die Bank in Ins hinzu. Verwaltungsratspräsident wurde der spätere Bundesrat Samuel Schmid. Die Seeland-Bank hatte aber nur ein kurzes Leben: Im Rahmen einer Rettungsaktion wurde sie im März 1994 vom Bankverein übernommen. Gemäss Papps Darstellung wurden die Kassenobligationen der acht Vorgängerbanken in Kassenobligationen der Seeland-Bank umgetauscht. Dabei sei jeweils nur der Name der Bank, nicht aber die Nummer der Kassenobligation geändert worden. Da die acht Banken zuvor teilweise dieselben Nummern verwendet hätten, seien einige Nummern nach der Zusammenlegung mehrfach vorhanden gewesen.

Viele Millionen in den Depots

Die Richter liessen diese Erklärung aber nicht gelten. Es handle sich um Fälschungen, und Papp sei der Hauptverdächtige, hielten sie fest: «Er war formell und faktisch Herr über die Verwaltung der Seeland-Bank-Kassenobligationen gewesen», sagte Georges Greiner, Präsident des Berner Wirtschaftsstrafgerichts, im März 2001 während der Verhandlung. Als weiteres Indiz diente dem Gericht, dass bei der Hausdurchsuchung im Oktober 1998 insgesamt 160 000 Franken in bar sowie zwei Depotscheine über 6,2 Millionen Franken und 3 Millionen Dollar gefunden worden waren. Weiter entdeckt worden waren zwei Treuhandverträge sowie Unterlagen über zwei Stiftungen in Liechtenstein. Als Eigentümer der Stiftungen waren Endre Papp und seine zwei Söhne eingetragen. Zudem hatten die Untersuchungsbehörden festgestellt, dass der in den USA lebende Bruder von Endre Papp mit einem gefälschten Pass unter fremdem Namen mit Kassenobligationen gehandelt hatte. Papp behauptete, die gefundenen Gelder gehörten den Kunden seiner Anlagegesellschaft. Allerdings nannte er nur zwei Namen, die Identität der andern wollte er nicht offenlegen.

Am 16. März 2001 bestrafte das Berner Wirtschaftsstrafgericht Endre Papp zu 6 Jahren Zuchthaus, den Bruder zu 4 Jahren Zuchthaus und die beiden Söhne wegen Geldwäscherei zu je 18 Monaten bedingt. Ausserdem verordnete das Gericht die Rückzahlung von 18 Millionen Franken an die UBS, und es verhängte Bussen von je 40 000 Franken. «Immer wieder schütteln die Angeschuldigten während der Urteilsbegründung den Kopf und werfen sich verständnislos lächelnd Blicke zu», beschrieb der «Bund» die damalige Stimmung im Gerichtssaal.

Das Urteil wurde an den Kassationshof weitergezogen. Dieser brummte auch den Söhnen unbedingte Strafen auf. Daraufhin gelangten die Angeklagten ans Bundesgericht. Dieses hob das kantonale Urteil im Juni 2003 auf und wies das Verfahren an den Kassationshof zurück. Im Oktober des gleichen Jahres starb Endre Papp an Krebs.

Auch in Strassburg gescheitert

Das Verfahren ging weiter, und 2007 verurteilte der Kassationshof den Bruder erneut zu einer Gefängnisstrafe von 4 Jahren und die Söhne zu je 18 Monaten bedingt. Sie gelangten erneut ans Bundesgericht, welches die Strafen bestätigte. Daraufhin riefen die Beschuldigten den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg an, aber sie scheiterten im Januar 2013 auch dort.

Damit ist der Gerichtsweg abgeschlossen, eine weitere Appellation ist nicht mehr möglich. Deshalb versuchen Robert und Richard Papp, ihren Vater, den Onkel und sich selbst mit einem Buch zu rehabilitieren. Unter dem Titel «UBS-Betrug – Echte Fälscher oder falsche Spur?» werfen sie den Untersuchungsbehörden, den Berner Gerichten und dem Bundesgericht massive Fehler vor. Richard Papp sagte dem «Bund», er und sein Bruder hofften immer noch, die Unschuld ihres Vaters und ihre eigene eines Tages beweisen zu können. (Der Bund)

Erstellt: 01.05.2014, 18:59 Uhr

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