Leser fragen

Die unternehmerische Verantwortung

Warum sollte es grundsätzlich schlecht sein, wenn Schweizer Firmen in Polen Arbeitsplätze schaffen?

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Wer nimmt die unternehmerische Verantwortung besser wahr? Derjenige, der Arbeitsplätze in der Schweiz nach Polen oder China auslagert? Oder derjenige, der Lösungen in der Schweiz sucht, auch auf Gefahr, dass er das Unternehmen weniger wettbewerbsfähig hält?
H. C.

Lieber Herr C.,

Ich habe keine Ahnung. Aber ich kann Ihnen immerhin begründen, warum das so ist und dass es vielleicht nicht nur an meiner Blödheit oder Einfallslosigkeit liegt.

Verantwortung ist ein schönes Wort. Es verliert erst dann von seinem edlen Glanz, wenn es konkret werden soll: Wer trägt wem gegenüber welche Verantwortung? Wäre ich ein frommer Mann wie Hans Küng und nur dem Weltethos und dem lieben Gott verantwortlich, käme ich wohl gar nicht auf die Idee, dass es Verantwortungskonflikte geben könnte. Hielte ich es hingegen mit Adornos Diktum, dass es kein richtiges Leben im Falschen geben kann, wäre ich dieser Art von Konflikten auf andere Weise selig enthoben. Das Problem ist jedoch, dass es auch kein grundsätzlich richtiges Leben im noch so Richtigen gibt und dass Küngs Weltethos vielleicht gut zur Erbauung vor allem von André Rieu hörenden «Damen über fünfzig in spätidealistischer Stimmung» taugt (Sloterdijk über Precht) – aber nicht zu mehr.

Kurz: Verantwortung zerfällt bei genauerem Hinsehen in viele Partikular-Verantwortungen, die nicht unbedingt miteinander harmonieren. Besonders krass tritt diese Tatsache unter den Bedingungen einer national verfassten Politik einerseits und einer international bis global agierenden Wirtschaft andererseits zutage. Da herrscht kein Einklang der Interessen und somit auch nicht der Verantwortungen. Warum sollte es grundsätzlich schlecht sein, Arbeitsplätze in Polen zu schaffen? Wenn das Kapital aber dorthin auswandert, wo es billig produzieren kann, warum sollte dann der Konsument nicht auch dorthin gehen, wo er billig einkaufen kann?

Die konsumnationalistische Parole «Buy Swiss» wirkt etwas lächerlich in Zeiten, in denen es im strengen Sinne weder einen Werkplatz noch einen Finanzplatz Schweiz mehr gibt und in denen ausgerechnet der Schweizer Gewerbeverband in der Swissness-Debatte argumentiert, dass die Forderung des Ständerats, dass für das swissmade-Prädikat mindestens 60 Prozent der Herstellungskosten im Inland anfallen müssten, in die wirtschaftliche Katastrophe führen würde. Der SGV stellt für den Fall einer solchen Bestimmung einen Stellenabbau in grossem Ausmass, die Verlegung der Produktion ins Ausland und Betriebsschliessungen in Aussicht. Besser lässt sich der Konflikt zwischen ideologischem Anspruch – Swiss first – und betriebswirtschaftlichem Kalkül wohl kaum illustrieren.

Erstellt: 12.12.2012, 15:13 Uhr

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