Drei Tropfen für ein Wunder

Cannabis stoppt die epileptischen Anfälle eines britischen Jungen. Jetzt haben seine Eltern erreicht, dass er die Substanz legal anwenden darf.

Alfie Dingleys Eltern starteten eine öffentliche Kampagne für die medizinische Anwendung von Cannabis. Foto: PD

Alfie Dingleys Eltern starteten eine öffentliche Kampagne für die medizinische Anwendung von Cannabis. Foto: PD

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30-mal pro Tag – Krämpfe, Schaum am Mund, Stürze, Verletzungen, Bewusstlosigkeit, totale Erschöpfung. Alfie Dingley ist sechs Jahre alt. Seit zwei Jahren leidet er an einer seltenen Form der Epilepsie, die durch herkömmliche Medikamente nicht zu kontrollieren ist. Es gibt derzeit nur ein Mittel, das ihm und seinen Eltern Erleichterung verschafft: Cannabis.

Aber Alfie lebt in Grossbritannien, und dort ­ ist Cannabis verboten, auch für medizinische Zwecke. Vergangenes Jahr verbrachten seine Eltern mit Alfie einige Zeit in den Niederlanden. Ein Arzt verschrieb dem Jungen Cannabisöl: drei Tropfen pro Tag. Sein Zustand besserte sich erheblich. Einmal setzten die Anfälle 24 Tage lang aus, wie seine Mutter Hannah Deacon berichtete. «Zwei Jahre lang kannte ich mein Kind kaum», sagte Deacon der BBC. «Vorher ging es nur um Notfallstationen, Panik, Angst. Das war mein Leben. Cannabis bewirkte ein Wunder.»Obwohl sie bescheiden auf einem Campingplatz lebten – nach fünf Monaten ging der Familie das Geld aus. Alfie und seine Eltern mussten in ihre Heimat zurückkehren. Dort befanden die Behörden: «Die medizinischen Vorteile von Cannabis werden im Vereinigten Königreich nicht anerkannt. Es darf nicht auf Rezept verschrieben oder angewandt werden.»

Alfies Eltern wollten sich damit nicht abfinden. Sie starteten eine öffentliche Kampagne – mit riesigem Echo. Andere Eltern von Kindern mit Epilepsie meldeten sich. Die Medien berichteten intensiv über die harsche Ablehnung, die Betroffene bei Krankenkassen und Ärzten erfahren hatten. 370'000 Menschen unterzeichneten eine Petition. Seit Monaten werden Alfie und der zwölfjährige Billy Campbell als Beispiele genannt für Hunderte von Epileptikern, deren Leben durch eine Therapie, die anderswo längst selbstverständlich ist, deutlich verbessert werden könnte.

Hoffnung für Zehntausende

Am Dienstag lenkte Innenminister Sajid Javid endlich ein. «Es ist an der Zeit, die Einstufung von Cannabis zu überdenken», sagte er im Parlament. «Die derzeitige Situation ist unbefriedigend für Eltern, unbefriedigend für Ärzte und unbefriedigend für mich.» Allerdings musste Javid seinen konservativen Parteikollegen zusichern, dass dies kein erster Schritt zur Legalisierung von Cannabis sei: «Wir werden unsere Fähigkeit, gefährliche Drogen von der Strasse zu verbannen, nicht schwächen.» Dem Vorbild von Kanada, das gerade beschlossen hat, Cannabis auch als Genussmittel zu legalisieren, will diese britische Regierung nicht folgen.

Für Zehntausende von Kranken besteht nun Hoffnung – Cannabis wird auch in der Schmerztherapie oder bei multipler Sklerose angewandt. Und für Alfie Dingley wurde eine Sonderregelung angekündigt: Die Regierung erteilte den Ärzten die Genehmigung, Alfie mit der verbotenen Substanz Cannabis zu behandeln.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.06.2018, 22:31 Uhr

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