Dreimal nicht pariert – schon wird er kastriert

Sexuell intakte Rüden passen nicht in unsere Gesellschaft – in Hundekreisen ist Kastration gang und gäbe. Oft nur wegen der Bequemlichkeit oder falscher Erwartungen der Besitzer.

In der Schweiz dürfen Hunde wegen unangenehmen Verhaltens kastriert werden: Ein Hund wartet auf seine Präsentation an der Animalia-Messe in St. Gallen.

In der Schweiz dürfen Hunde wegen unangenehmen Verhaltens kastriert werden: Ein Hund wartet auf seine Präsentation an der Animalia-Messe in St. Gallen. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Noch vor 15 Jahren suchte man sich als angehende Hundebesitzerin aus einem Wurf den dynamischsten und stämmigsten Rüden aus, denn schliesslich hatte man sich für einen «männlichen» Hund entschieden, mit allem Drum und Dran. Ihm die Hoden herausnehmen? Entmannen? Undenkbar. Das wurde nur gemacht, wenn er später, im erwachsenen Alter, ein sexuell abnormes Verhalten zeigte und alles bestieg, was sich 20 Zentimeter über Boden befand. Dass ein intakter Hund wegen seines Testosteronhaushalts eine starke Hand brauchte, war klar. Doch es wurde akzeptiert, dass sich ein Rüde anders, angriffslustiger verhält als eine Hündin; es herrschte Common Sense darüber, bei Hündelern wie bei Nicht-Hündelern.

Heute ist das anders. «Hundemässig leben wir inzwischen in einer Null-Toleranz-Gesellschaft», sagt die bekannte Tierpsychologin und Trainerin Sonja Doll. «Es reicht, dass ein Hund bellt, wenn ein Velofahrer an ihm vorbeifährt, und schon heisst es, er zeige aggressives Verhalten!» Oder ein Kind läuft auf den Hund zu, und die Eltern sind schockiert, wenn der Hund das als Angriff versteht und knurrt. Wenig Grosszügigkeit und viel Nichtwissen ortet Sonja Doll bei Leuten, die keinen Hund besitzen. Auf der anderen Seite sind viele Hundebesitzer mit ihrem Hund überfordert. Die häufigsten Klagen sind: Er ist aggressiv, dominant, und er jagt Joggern hinterher. Sonja Dolls Eindruck: In der urbanen Schweiz ist es eng geworden für lebhafte Hunde. Dies, obwohl ihre Anzahl in den letzten Jahren nicht zugenommen hat: In rund 10 Prozent der Haushalte lebt ein Hund. Doch vielen Besitzern fehlen heute schlicht die Zeit und die Nerven, einem heranwachsenden Rüden die nötige geistige und körperliche Beschäftigung zu bieten.

Eine fatale Entwicklung

Immer mehr Hundehalter, kräftig unterstützt von den Tierärzten, die am Eingriff verdienen, sehen in der Kastration das Allheilmittel für ihren nervösen oder rauflustigen Rex. Genaue Zahlen sind bisher nicht erfasst worden, aber die Anzahl der Rüden, die nicht mehr im Vollbesitz ihrer sexuellen Kräfte sind, nimmt zu. Susi Arnold, die in Hünenberg ZG eine tierärztliche Klinik für Fortpflanzungsmedizin leitet, findet diese Entwicklung fatal. «Da viele Welpen als Familienhunde platziert und leider sehr früh kastriert werden, scheiden sie als mögliche gute Vererber aus.» Doch damit aus der Zucht keine Inzucht wird, müssten immer wieder auch gute Familienhunde eingekreuzt werden: «Heute stehen nur noch 3 bis 5 Prozent der Tiere einer Generation als Vererber für die nächste zur Verfügung – für eine gesunde genetische Basis viel zu wenig.»

Diese lästigen Bedürfnisse

Im Gegensatz zu Deutschland, wo die Kastration nur aus medizinischen Gründen erlaubt ist, darf in der Schweiz auch wegen unangenehmen Verhaltens kastriert werden. René Rudin, Mitglied der Zuchtkommission des Schweizerischen Schäferhunde-Clubs, bringt es etwas polemisch auf den Punkt: «Ein Rüde muss nur dreimal nicht folgen, und schon wird die Kastration empfohlen.»

Die meisten Tierärzte raten den Besitzern zum Eingriff. Denn dieser ist relativ einfach und gefahrlos, kostet aber rund 400 Franken. Für die Tierärzte ist er auf jeden Fall ein Geschäft. Interessant ist, dass vor allem Männer Mühe bekunden, ihrem Hund die Hoden entfernen zu lassen, dies wird in Tierarztkreisen unisono festgestellt. Eine gewisse Identifikation ist da wohl spürbar. Bei einer Hündin gibt es solche Bedenken kaum, dieser Eingriff hat in der Hundewelt geradezu «Tradition». Probleme wie Blutung und Scheinträchtigkeit lassen sich so erfolgreich unterbinden.

Beim Rüden ist die Situation anders. Auf der Internetplattform Tierärzte Schweiz heisst es zwar: «Kleiner Eingriff, grosse Wirkung». Doch gerade die Wirkung fällt oftmals nicht so aus, wie sich der Halter das vorgestellt hat. Durch den Eingriff werden vor allem solche Verhaltensweisen korrigiert, die sexuell bedingt sind wie ständiges Aufreiten. «Angstaggression hat aber rein gar nichts mit Sexualhormonen zu tun», sagt János Komáromy, Professor der Tiermedizin und langjähriger Tierarzt der Kantonspolizei Zürich.

Komáromy ist einer der wenigen Ärzte, die der Kastration skeptisch bis ablehnend gegenüberstehen: «Ganz so weit wie in den USA sind wir hier Gott sei Dank noch nicht, dort wird flächendeckend kastriert.» Denn eine solche Operation verhindere nicht, dass der Rüde aggressiv sei oder dass er andere Hunde oder Menschen anbelle. «Hierzu muss man sein Verhalten ändern, ihn umerziehen», sagt Komáromy, «aber das ist vielen zu aufwendig und zu anstrengend.»

Gehen die Besitzer dann mit ihrem operierten Hund spazieren, erleben sie nicht selten, dass andere Rüden ihn besteigen, weil er durch den Hormonwechsel ähnlich wie eine Hündin riecht, was wiederum zu Raufereien führt. Oft wird die OP noch vor dem Abschluss der Wachstumsphase durchgeführt, wenn der Hund anfängt zu «machöle». Für die Knochenbildung kann das gefährlich sein. «Viele haben krumme Beine», sagt Komáromy, «und die meisten werden durch den Hormonwechsel fett.» Barbara Hollenstein vom Schweizerischen Schäferhunde-Club geht noch weiter: «Sie können sich auch geistig nicht voll entwickeln, lernen zum Beispiel nicht, die Mimik von anderen Hunden zu lesen – sie bleiben einfach kleine Idioten.»

Ein massiver Eingriff

Ob vor oder nach der Pubertät – eine Kastration ist ein grober Eingriff in die natürliche Entwicklung eines Hundes, finden die Kastrationsgegner. Die Befürworter hingegen führen den sexuell «angeleinten» und somit leidenden Rüden ins Feld, der nie aufhocken darf.

Christina Sigrist von der Schweizerischen Kynologischen Gesellschaft in Bern meint: «Die allerwenigsten Hunde dürfen ihre Sexualität ausleben. Ich denke, es ist wesentlich schlimmer, ständig am Stillen von elementaren Bedürfnissen gehindert zu werden, als diesbezüglich keine Bedürfnisse zu haben.» Eine Meinung, die unter Hündelern derzeit heiss diskutiert wird. «Schliesslich leben wir nicht mehr in der wilden Natur, wo das Tier noch rammeln darf», heisst es dann jeweils.

Aber ist das wirklich so? Ein Hirsch in der freien Wildbahn darf ja auch nicht jede x-beliebige Hirschkuh decken. Teilweise muss er sogar jahrelang warten, bis der alte Bock abdankt. Ob er in all den Jahren des Wartens leidet, kann er uns leider nicht erzählen.

Erstellt: 29.06.2011, 13:45 Uhr

Kastration bei Katzen

In der Schweiz gibt es keine streunenden Hunde, wohl aber Katzen, die sich unkontrolliert fortpflanzen. 1,4 Millionen von ihnen leben in Schweizer Haushalten, viele sind Freigänger. Hinzu kommen die zahlreichen Bauernhofkatzen, Streuner und verwilderten Katzen.

Der Schweizer Tierschutz fängt jährlich rund 10'000 Katzen ein, um sie kastrieren zu lassen, schrieb die «NZZ am Sonntag» in ihrer letzten Ausgabe. Wegen der extremen Fruchtbarkeit ist die Kastration von Katzen weitgehend akzeptiert, bei Hunden hingegen stark umstritten. Eine strikte Gesetzesgrundlage gibt es nicht, die geltende Verordnung verlangt vom Halter lediglich «zumutbare Massnahmen», um eine übermässige Vermehrung seiner Tiere zu verhindern.

Nachdem in Österreich und in deutschen Städten bereits Gesetze vorliegen, welche die Vermehrung unterbinden sollen, wird auch in der Schweiz diese Forderung gestellt. Der Genfer CVP-Nationalrat Luc Barthassat hat eine Petition eingereicht, in der er anregt, alle Katzen ohne erkennbaren Halter kastrieren zu lassen. Tierschützer gehen noch weiter und möchten alle Katzen mit Auslauf kastriert sehen. Die Kontrolle einer solchen Vorschrift wäre schwierig durchzusetzen, denn für Katzen gibt es keine Pflicht zur Registrierung. Auch darum zieht das Bundesamt für Veterinärwesen zurzeit kein Kastrationsgebot in Betracht.

Artikel zum Thema

Ein elend kurzes Hundeleben

Eine Familie verguckt sich in einen jungen Hund und nimmt ihn bei sich auf. Was sie nicht ahnt: Der herzige Mischling hat eine dunkle Vergangenheit. Mehr...

Der Flamenco-Chihuahua

«Dogdancing» gilt als neue Trendsportart für Hunde. Dieser kleine Vierbeiner macht auch auf zwei Beinen keine schlechte Figur. Mehr...

Kommentare

Die Welt in Bildern

Auf Händen getragen: Eine handgeschnitzte Statue der Jungfrau Maria wird anlässlich des Fests zu Ehren der «Virgen del Carmen» durch die andalusische Stadt Málaga geführt. (16. Juli 2019)
(Bild: Daniel Perez / Getty Images) Mehr...