Du bist unglücklich? Selber schuld

Immer häufiger wird das Glück zu einer messbaren Leistung erklärt. Dahinter steht die politische Hoffnung, über Datenströme Wünsche zu manipulieren.

Ein Einsamer, der zum Berserker wird: Joaquin Phoenix als Arthur Fleck im Film «Joker». Foto: Foto: Niko Tavernise/© 2018 Warner Bros. Entertainment Inc.

Ein Einsamer, der zum Berserker wird: Joaquin Phoenix als Arthur Fleck im Film «Joker». Foto: Foto: Niko Tavernise/© 2018 Warner Bros. Entertainment Inc.

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Sie sitzen einander in einem dunklen Bürozimmer gegenüber. Der Patient und die Therapeutin. Er raucht, sie fragt. «Sie hören mir gar nicht zu», sagt er dann; stattdessen stelle sie jede Woche dieselben Fragen. «Was macht Ihr Job? Haben Sie negative Gedanken?» Alles, was er habe, seien negative Gedanken. Er heisst Arthur Fleck. Er arbeitet als Clown, aber keiner lacht.

Als «Joker» von Todd Phillips in die Kinos kam, fielen die Reaktionen darauf so heftig aus, wie der Film die Widersprüche seiner Hauptfigur kollidieren lässt. Ganze Familien seien aus dem Kino geflohen, las man in der amerikanischen Presse, weil sie es nicht ertrugen, dass ein Opfer zum Täter wurde, eine gute Figur zur schlechten, ein Einsamer zum Berserker. Es war so, als könnten viele Zuschauer es nicht ertragen, einem dermassen traurigen Menschen beim Durchdrehen zusehen zu müssen.

Die Amerikaner halten sich für optimistisch. Also passt zu ihnen, dass sie nach Methoden forschen, das Glück des Menschen zu vermessen und durch Selbstoptimierung zu justieren. In den USA hat sich in den letzten zwanzig Jahren ein Trend abgezeichnet, der von der Psychologie in die Ökonomie übersprang, sich zu einer Ideologie der Wirtschaft und zu einer Multimillionenindustrie entwickelte. Eva Illouz und Edgar Cabanas, die israelische Soziologin und der spanische Psychologe, haben diese Verglückung untersucht und als «Glücksdiktat» problematisiert, wie ihr neues Buch in der deutschen Übersetzung heisst.

Apps messen das Glück der User

In weniger als einem Jahrzehnt hätten sich Umfang und Einfluss der akademischen Glücksforschung verzehnfacht, schreiben die Autoren. Diese Entwicklung habe nicht nur die Psychologie ergriffen, sondern auch Disziplinen wie die Wirtschaftswissenschaften, Bildungsforschung, Therapeutik, Politikwissenschaften, Kriminologie, Sportwissenschaften, den Tierschutz, die Designforschung, Neurowissenschaften, Humanwissenschaften, die Managementstudien der Unternehmen und dränge immer stärker in die Schulen.

Ausgehend von einem «flexiblen Kapitalismus», wie der Philosoph Richard Sennett ihn nennt, wird das Glücklichsein zu einer Leistung des Einzelnen erklärt. Apps messen den Glückszustand der User. Sportler benutzen immer genauer kalibrierte Geräte, um ihre Leistungssteigerung messen zu können. Ecstasy, Prozac, Benzodiazepine und andere Drogen hellen die Stimmung auf. Studenten dopen sich mit Ritalin, um noch mehr zu leisten. Filme wie «The Pursuit of Happyness» oder «Hector and the Search for Happiness» skizzieren Wege ins Glück. Dating-Apps verschmelzen Fremde zu glücklichen Paaren. Kurse, Bücher und motivierende DVDs fluten den Markt, selbst ernannte Coachs versuchen ihre Kunden zu Glücklichen umzuformen.

The Pursuit of Happyness Trailer. Video: MoviemanTrailers

Christliche Gruppierungen und Unternehmen wie Coca-Cola investieren Millionen in die Erforschung des Glücks. Selbst die US-Armee interessiert sich dafür, wie sie ihre Soldaten zufriedener und damit schlagkräftiger machen könnte. Die Glücksproduktion hat sich zu einem Milliardengeschäft entwickelt. Auch die UNO hat einen Bericht über das Glück veröffentlicht und einen weltweiten Glückstag installiert; es ist, falls Sie ihn feiern möchten, der 20. März.

Die erste konkrete Begründung dieses Glücksfaktors geht auf einen Essay des Verhaltenstherapeuten Martin Seligman von 1998 zurück. Darin entwickelte er die Grundlagen einer Positiven Psychologie, wie er sie nannte. Damit gelang dem Psychologen, der wenig später zum Präsidenten der American Psychological Association gewählt wurde, eine Neubewertung.

Sie hat fast alle Varianten der Therapie ergriffen. Nicht mehr die Krankheit und ihre familiären oder gesellschaftlich Faktoren stehen im Zentrum der Behandlung. Stattdessen wird das Glück als Währung der psychischen Gesundheit gehandelt, flankiert von einem forcierten Individualismus, der dem Einzelnen die alleinige Verantwortung für sein Schicksal aufzwingen will. Wer nicht glücklich wird, ist selber schuld.

Glücksministerium im Folterstaat

Die Glücksschmiede seien aber weniger am Wohlergehen der Menschen interessiert, glauben die Autoren, als an der Realisierung einer politischen Agenda. Tatsächlich fällt auf, wie sehr sich Krankenkassen, Unternehmen und rechte Politiker für den Glückskoeffizienten interessieren. Wie Illouz und Cabanas befürchten, geht der Individualismus auf Kosten des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Zudem werde das Glücksgebot von Arbeitgebern als Ersatz für jene Beschlüsse missbraucht, die den Arbeitnehmern wirklich helfen würden – Budget- und Lohnerhöhungen zum Beispiel, mehr Ferien oder Anerkennung am Arbeitsplatz.

Die glückliche Begeisterung nimmt mitunter bizarre Züge an. Die Arabischen Emirate, berüchtigt für Menschenrechtsverletzungen, sklavenähnliche Arbeitsbedingungen und die Anwendung der Scharia, zu der die Steinigung für Ehebruch gehört, aber nur der Frauen, haben ein Ministerium für Glück geschaffen. Der ehemalige britische Premierminister David Cameron, bekannt für seine Austeritätspolitik, interessierte sich für das Glück als Lösung gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Probleme. In Indien hat sich die Glückssuche durch Selbsterschaffung zu einem kulturellen Merkmal des Landes entwickelt.

Der Einfluss von Big Data

Die Beispiele zeigen, welche Agenda die Positive Psychologie im Verbund mit der Ökonomie verfolgt: Sie will konservative Moral, Konsumanreize und westlichen Individualismus zu einem Messfaktor der Gesellschaft formen. Dahinter steht die Erkenntnishoffnung von Big Data. Man will herausfinden, was die Menschen positiv stimmt, um es ihnen dann anzubieten.

Glücksforscher und Datenanalytiker würden Facebook-Profile, Tweets, Instagram und Google auf positive und negative Konnotationen absuchen, schreiben Illouz und Cabanas. Ziel solcher Analysen sei, «das Glück zum besseren Verständnis und zur Beeinflussung der öffentlichen Meinung einzusetzen». Nach Auswertung dieser Datensammlung soll es möglich sein, Menschen zu suggerieren, welches Produkt, welche Meinung, welche politische Partei sie glücklicher machen wird. Ohne dass sie es merken.


Die Soziologin Eva Illouz über die Motive der Glücksverbreiter. Video: TV5MONDE

Die Positive Psychologie lässt sich auch als späte Reaktion auf die pessimistische Haltung verstehen, die Sigmund Freud den Menschen gegenüber vertrat. In «Das Unbehagen in der Kultur», seiner Spätschrift von 1930, beschrieb er die Fähigkeit der Menschen, «einander bis auf den letzten Mann auszurotten». Er, der Menschen helfen wollte, glaubte nie an das Gute in ihnen. Bis zuletzt stand er, was auch seine Kritiker anerkannten, zu seinen dunkelsten Überzeugungen. (Den Humor verlor er trotzdem nicht. Als die Nazis ihm einen Brief zur Unterschrift vorlegten, der die gute Behandlung durch sie behauptete, schrieb Freud darunter: «Ich kann die Gestapo jedermann aufs Beste empfehlen.»)

Sigmund Freud, der Amerika auf einer Vortragsreise flüchtig kennen gelernt hatte, mochte das Land nicht. «Es ist ein grosser Fehler», sagte er nach seiner Rückkehr. Die Amerikaner waren mit ihm ähnlich unzufrieden. Obwohl die Psychoanalyse sie faszinierte, fanden sie die Skepsis ihres Begründers zu düster, und die Sexualität als Grundmotiv des Menschlichen passte nicht zu ihrer puritanischen Grundierung. Die Psychoanalytikerin Lili Gast hat diese kulturelle Dissonanz als Konfrontation zwischen der jüdisch-europäischen Skepsis und dem amerikanischen Optimismus analysiert. Die nach Amerika geflohenen Juden, schreibt sie, hätten sich anpassen müssen. Und hätten unfreiwillig mitgeholfen, die Psychoanalyse zu pasteurisieren.

Die Achtsamkeits-AG

Als Reaktion auf Freuds illusionslose Ansichten entwickelten sich in den USA Therapien wie die Gesprächstherapie von Carl Rogers als Teil einer grösser gefassten Humanistischen Psychologie, ferner die Ich-Psychologie und weitere, bis heute praktizierte Behandlungsmethoden, die ein Motiv gemeinsam haben: Sie meiden das Negative und empfehlen die Selbstoptimierung. Diese wird in immer neuen Ratgebern, Körperübungen Selbsthilfebüchern, Gruppentherapien und Kursen angeboten. Blogs, Websites und Coachs verbreiten tausendfach Ratschläge zur Selbsthilfe, versprechen Achtsamkeit als Weg zum inneren Frieden. Allein dafür gibt es über 1000 Apps. Illouz und Cabanas sprechen von einer Achtsamkeits-AG.

Es fällt auf, dass der verschriebene Optimismus nach der grossen Finanzkrise von 2008 besonders starken Zulauf bekam. Die Krise löste einen weltweiten Konjunkturabschwung aus und führte zu verschärfter Armut, Ungleichheit und politischem Vertrauensverlust.

Die Politaktivistin Barbara Ehrenreich hat das Verhältnis zwischen Positiver Psychologie und schlechten Lebensbedingungen in ihrem einflussreichen Buch «Smile or Die: How Positive Thinking Fooled America and the World» analysiert. Wenn der Einzelne sein Glück allein modellieren müsse, seien bessere Schulen, sichere Quartiere oder gerechter verteilte Einkommen gar nicht nötig, um das Leben vor allem der ärmeren Menschen zu erleichtern. Dabei hätten Krankheiten wie Depressionen, Ängste auch mit schlechten Lebensbedingungen oder Zukunftsängsten zu tun.

Das Streben nach Glück als Maximierung des Egoismus.

Zahlreiche soziologische Langzeitstudien sehen einen Zusammenhang zwischen dem egozentrischen Individualismus, den die Positive Psychologie feiert, und den steigenden Depressions- und Selbstmordraten in manchen Industriegesellschaften. Weil das Glücklichsein zu einer Leistung deklariert wird, schämen sich viele Menschen, die nicht glücklich sind oder nicht glücklich genug. Und sie entwickeln Schuldgefühle.

Sigmund Freud hatte seinen Patienten kein Heil versprochen, nur Bewusstheit. Es sei schon viel damit gewonnen, schrieb er in der berühmten Passage zur Psychotherapie der Hysterie, «wenn es uns gelingt, hysterisches Elend in gemeines Unglück zu verwandeln». Von diesem aufrichtigen Satz hat sich die moderne Psychologie weit entfernt.

Zwar hätten sich keine der von Martin Seligman formulierten Glücksfaktoren empirisch belegen lassen, schreiben Illouz und Cabanas, trotz Zehntausenden von Studien seien kaum wissenschaftstheoretisch glaubhafte Resultate herausgekommen. Dennoch wird die Freude am Glück weiterverbreitet. Sie vernachlässigt den sozialen Wandel und ersetzt das Engagement «durch eine rein narzisstische Beschäftigung mit sich selber». Diese obsessive Selbsterforschung aber mache nicht glücklich, sondern isoliere die Menschen, sie verlören sich in der Einsamkeit.

Wunschloses Unglück

Für Arthur Fleck, den schrecklichen Clown, ist das Glück eine Farce. Seine negativen Gedanken fressen ihn auf. Erst verliert er die Kontrolle und dann den Verstand. Er greift Menschen an, die ihn gedemütigt haben, erschiesst sie, ersticht sie mit einer Schere. Vor seinen Mordtaten malt er sein Gesicht weiss, rot und blau an, in den Farben der US-Flagge.

Die amerikanische Unabhängigkeitserklärung verspricht ihren Bürgern «Liberty, Egality and the Pursuit of Happiness». Das spätere «Fraternité» der Französischen Revolution war in der amerikanischen nicht vorgesehen. An die Stelle der Brüderlichkeit trat das Streben nach Glück, damals gedacht als Hoffnung des amerikanischen Siedlerkolonialismus, im riesigen Land sein Glück zu finden. Aber es lässt sich auch als Aufruf zum Kapitalismus verstehen. Das Streben nach Glück als Maximierung des Egoismus.

Arthur Flecks Streben nach Glück bleibt hoffnungslos. Seine Adoptivmutter nennt ihn «Happy» und rät ihm, ein glückliches Gesicht aufzusetzen. Er wird sie in ihrem Spitalbett ersticken.

Edgar Cabanas und Eva Illouz: «Das Glücksdiktat und wie es unser Leben beherrscht.» Suhrkamp (242 Seiten, 18.30 Fr.).

Barbara Ehrenreich: «Smile or Die. How Positive Thinking Fooled America & The World». Granta Books (260 Seiten, 22 FR.).

Martin Seligmann: «Der Glücks-Faktor: Warum Optimisten länger leben.» Bastei Lübbe (479 Seiten, 20 Fr.).

Erstellt: 22.12.2019, 12:16 Uhr

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