Durch die rosarote Brille

Die Welt sei schön!, sagt Benjamin Bürge aus Seuzach. Seine Onlinezeitung «Happy Times» liefert den Lesern nur Good News.

Lebt in der schönsten aller Welten: «Happy Times»-Chef Benjamin Bürge.

Lebt in der schönsten aller Welten: «Happy Times»-Chef Benjamin Bürge. Bild: PD

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Am Anfang war der Kornkreis. Benjamin Bürge (41) hatte gehört, dass in einem Weizenfeld in Hörhausen TG über Nacht ein geometrisches Muster aufgetaucht war. Zusammen mit einer Kollegin fuhr er hin. Die Kollegin legte sich mit ausgestreckten Gliedern auf die niedergedrückten Halme, Bürge fotografierte. Die Bilder waren toll. So toll, dass er sie mit der Öffentlichkeit teilen wollte. Das Problem war nur: wie?

Benjamin Bürge aus Seuzach, kräftig gebaut, den Kopf kahl geschoren, zehn Jahre bei der Securitas, Betreiber von kleinen Onlineportalen für T-Shirts, Webdesign und Grafik, hatte eine Idee. Er würde eine Website ins Netz stellen, eine Onlinezeitung, und diese würde er – ausschliesslich! – mit erfreulichen, positiven Nachrichten füllen. Denn er hatte sich schon länger gefragt: «Tut es mir gut, von allen Seiten mit Mord, Totschlag und Katastrophenmeldungen berieselt zu werden? Tut das den Kindern gut? Die Medien und die Polizei bilden in einer unheiligen Allianz ein Leben voller Angst und Gewalt ab. Die guten Seiten werden ausgeblendet – dabei leben wir in der schönsten aller Welten, zum besten Zeitpunkt, den es je gab.»

Traurige News mit positivem Dreh

Er begann zu programmieren, arbeitete mehrere Nächte durch, bis er die Plattform endlich online brachte. Der Name: «Happy Times». Als erste Meldung lud er die im Weizenfeld geschossenen Fotos hoch und setzte den nüchternen Titel: «Kornkreis in Hörhausen TG». Es war der 8. August 2009.

Seither beliefert Benjamin Bürge die Welt mit News, die er für positiv und aufbauend hält. News wie: «Keine Schnapsidee: Steuerbefreiung für Fertigfondues und Kirschschokolade». Oder: «Asylunterkunft auf dem schönen Jaunpass statt in der Stadt». Oder: «Make love not war: Schweizer Armee zählt 5759 SoldatInnen weniger». Wer vor drei Wochen Happytimes.ch eintippte, las die Schlagzeile: «Steve Jobs ist von uns gegangen». Das sorgte für Verwirrung: Gibt es nun doch Ausnahmen vom Good-News-Prinzip, oder ist Bürge etwa ein Apple-Hasser, der Jobs’ Tod herbeisehnte? Nein, nein, sagt er. «Happy Times» müsse auch wichtige negative Meldungen bringen, um die Leser auf dem Laufenden zu halten. Er versuche aber, auch traurigen News einen positiven Dreh zu geben. Die Jobs-Überschrift erhielt die Ergänzung: «Sein Genie wird weiterleben».

Der scheue Chefredaktor

Ein Treffen in einem Café lehnte Benjamin Bürge ab, ebenso einen Fototermin. Ein virtuelles Gespräch per E-Mail ist das Maximum. Er sei sehr medienscheu, schreibt er gleich zu Beginn. Das überrascht, denn für «Happy Times» könnte er jedes bisschen Aufmerksamkeit brauchen. Obwohl die Website täglich vier Stunden seiner Arbeitszeit frisst und im September genau 21 520 Besucher anzog, bringen die Werbebanner zu wenig Geld ein. Bürge sagt: «Ich arbeite weitgehend unbezahlt. Ich versuche, den Aufwand zu reduzieren.»

Doch das ist gar nicht so einfach: Bürge ist Herausgeber, Programmierer und Chefredaktor in Personalunion. Eine Redaktion gibt es nicht. Trotzdem hat er allein im September 169 neue Artikel ins Netz gepumpt, eine Flut von Good News. Bei näherem Hinsehen entpuppen sich allerdings über 100 Artikel als Pressemitteilungen. Diese hat Bürge nicht selbst geschrieben, sondern nur gecopypastet. Auffällig oft vertreten: Toyota und Coop. Die beiden Firmen seien besonders aktiv im Verschicken von positiven Mitteilungen, sagt Bürge. Deshalb erschienen sie auch häufig auf «Happy Times». «Wir haben allerdings noch nie etwas dafür erhalten, obwohl ich Toyota und Coop schon öfter bat, ‹Happy Times› ein bisschen zu unterstützen oder Werbebanner zu buchen.»

Bürge glaubt nicht, dass er durch den lockeren Umgang mit PR-Communiqués die Glaubwürdigkeit seiner Plattform untergräbt: «Wir trennen durch die Autorenzeile ganz klar zwischen selbst geschriebenen und fremden Artikeln.» So liest man auf «Happy Times» Texte, die ins redaktionelle Layout abgefüllt wurden, aber von den Autoren «Postfinance», «Tierpark Dählhölzli» oder «Bundesrat» verfasst wurden. Journalist «Coop» berichtet vom Kampf gegen die Armut mittels Max-Havelaar-Schokolade, Journalist «SVP» freut sich über 120'000 gesammelte Unterschriften gegen Masseneinwanderung – und Journalist «Greenpeace» war bei der Taufe eines neuen Anti-Walfang-Schiffs dabei. Mit anderen Worten: Bürge hat einen Grossteil der Schreibarbeit an die Profis für Good News ausgelagert – an PR-Agenten, Pressebüros und politische Parteien.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.10.2011, 11:42 Uhr

«Happy Times»: News über Hunde machen stets gute Laune. (Bild: PD)

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