«Eben durfte ich ein Kindlein taufen»

Walter Meier, Seelsorger am Zürcher Flughafen, hat eine vielseitige Arbeit: Er hört sich Klagen des Personals über tiefe Löhne an, steht Leuten mit Flugangst bei, spendete schon Trost bei Katastrophen.

«Als Bub las ich Kartoffeln zwischen den Rollbahnen auf», sagt Walter Meier. Foto: Dominique Meienberg

«Als Bub las ich Kartoffeln zwischen den Rollbahnen auf», sagt Walter Meier. Foto: Dominique Meienberg

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Wie ist es, als Pfarrer eine normale Kirchgemeinde gegen den Flughafen Zürich einzutauschen?
Der Unterschied ist nicht gross, wie ich in 17 Jahren am Flughafen festgestellt habe.

Sie haben keine Kirche und keine Kirchenglocken zum Läuten.
Wir haben einen Andachtsraum und eine Glocke, auch wenn diese nicht läutet. Sie war 1964 Teil eines Glockenspiels an der Expo in Lausanne. Danach kaufte sie die Zürcher Flughafendirektion. Als in Kloten die grosse V-Piste gebaut wurde, kam ein Heer südeuropäischer Gastarbeiter. Sie lebten in einem Barackendorf, die Glocke lud sie am Wochenende zur Messe. Als wir 1997 einen Andachtsraum einrichteten, erinnerte sich jemand an die Glocke im Lager.

Wer kommt am Flughafen zu Ihnen?
In erster Linie Leute, die hier arbeiten. Für sie ist der Weg zu mir oft nicht nur räumlich, sondern auch emotional näher als zum Pfarrer ihrer Wohngemeinde. In ihrem Unterbewusstsein ist der Flug­hafenseelsorger Teil der Flughafenfamilie. Das tönt vielleicht romantisch oder kitschig, ist aber so. Nach dem Swissair-Grounding verflog das Gefühl, nun ist es wieder da. Zu den Gottesdiensten kommen mehrheitlich Pensionierte.

Und Leute auf der Durchreise?
Einmal merkte ich erst gegen Ende des Gottesdienstes, dass vier oder fünf Leute nicht viel verstanden. Amerikaner. Sie staunten, als ich zum Abendmahl aus dem Gesangbuch das Lied mit der Melodie von «Go, Tell It on the Mountain», aber einem anderen Text anstimmte. In Amerika ist es ein Weihnachtslied.

Kam schon jemand mit Flugangst?
Im Anliegenbuch im Andachtsraum taucht das Problem auf. Man zündet eine Kerze an, spricht ein Gebet: «Lieber Gott, behüte uns auf dieser Reise.» Einmal kam ein Geschäftsmann zu mir, outete sich als Vielflieger und sagte, das erste Mal im Leben habe er furchtbar Panik, er könne sich das nicht erklären. Er stamme aus dem Wallis und fliege normalerweise ab Genf. Diesmal habe er extra Zürich gewählt, um auf der Zugfahrt die Panik zu überwinden. Vergeblich.

Was wollte er von Ihnen?
Ich fragte ihn: «Soll ich beten?» Er sagte, er glaube nicht. Ich gab ihm den Tipp, zum ärztlichen Dienst des Flughafens zu gehen. Vielleicht könne man ihm ein Beruhigungsmittel verschreiben.

Und dann?
Er ging hin. In der Zwischenzeit fand ich per Computer heraus, wer auf seinem Flug der Maître de Cabine war. Mit dem vereinbarte ich, dass der Mann aus dem Wallis das Flugzeug vor den anderen Passagieren besteigen durfte. Als er aus Amerika zurück war, meldete er sich: Es sei alles gut gegangen, er bedanke sich herzlich.

An Ostern herrscht Riesenrummel im Flughafen. Was halten Sie davon?
Ich habe gemischte Gefühle. Für die Leute, die unter der Woche keine Zeit zum Shoppen hatten, ist das eine gute Sache. Und für den Flughafen und seine Aktionäre ist der Feiertagsrummel ein Geschäft. Der Flughafen generiert fast die Hälfte seines Umsatzes im nicht fliegerischen Bereich.

Und was stört Sie am Osterrummel?
Für Familien ist es ein Nachteil, wenn die Mutter oder der Vater über die Feiertage arbeiten muss, an der Kasse eines Grossverteilers etwa.

Was kann eigentlich der Pfarrer, was der Sozialarbeiter nicht kann?
Ein Gebet sprechen. In meiner Zeit als Flight-Attendant gab es ab und zu einen sogenannten Medical Case. Einem Passagier ging es schlecht, man rief einen Arzt aus. Ich ging in solchen Fällen zu den mitreisenden Angehörigen, zum Beispiel zum Ehepartner, und stellte mich vor: «Ich bin Pfarrer, wenn Sie möchten, bin ich bei Ihnen und kann auch für Sie beide ein Gebet sprechen.»

Sie haben Trauriges erlebt, Stichwort: Swissair-Absturz Halifax.
Ich war Teil des Careteams. Kurz nach dem Unglück, am 4. September 1998, flogen wir mit gut 80 Angehörigen der Verunglückten und der Crew nach Kanada. Pro Einzelperson oder Familie gab es eine Betreuerperson.

War das nicht sehr bedrückend?
Es brachte mich an die Grenze der seelischen und auch körperlichen Leistungsfähigkeit. Man isst und schläft dann nicht mehr richtig.

Wen betreuten Sie?
Zwei Männer aus Saudiarabien, offenbar Angehörige des Königshauses. In Halifax wurden sie von Vertretern ihrer Botschaft abgeholt, danach sah ich sie nicht mehr. Der eine sagte mir auf dem Hinflug, er sei nahe daran, den Verstand zu verlieren. Sein Bruder sei unter den Verunglückten, sie hätten sich in der Schweiz verabredet, um den Vater zu treffen, der in Genf im Sterben liege. Der Mann sagte: «Das Einzige, was ich tun kann, ist, dass ich die Sache meinem Gott überlasse.»

Er war gewiss Muslim, spielte das keine Rolle?
Man redet in solchen Fällen von Mensch zu Mensch. Die Konfession verblasst.

Aus Kanada gibt es Pressebilder von Ihnen mit Angehörigen am Unglücksort. Wie erlebten Sie das?
In Halifax widmete ich mich den An­gehörigen der Crew, die ich teilweise kannte. Sie klagten, die Masse von Menschen sei schwer zu ertragen. Bei den Informationsveranstaltungen im Lord Nelson Hotel kamen Hunderte zusammen. Ich erwirkte, dass wir in ein kleineres Hotel wechseln und die Unglücksstelle als kleine Gruppe besuchen konnten. An der Unglücksstelle sprach ich ein Gebet und las einen Psalm. Dabei fotografierten mich Presseleute von weitem mit Teleobjektiven.

Welcher Psalm war es?
Der 139. Nach meinem Verständnis enthält er die Worte eines Menschen, der Gott als einen wahrnimmt, der entrückt und geheimnisvoll ist oder gar willkürlich. Doch auch wenn ich ihn nicht kenne, kennt er mich, und ich bin ihm nicht gleichgültig. Das führte ich aus.

Und als Sie aus Kanada heimkamen, waren Sie ausgelaugt?
Mir liefen nur noch die Tränen herunter. Die Arbeit ging aber weiter. Gleichentags hielten wir einen firmeninternen Trauergottesdienst in der katholischen Kirche Kloten ab, für beide Konfessionen.

Sie mussten sich zusammenreissen?
Ja. Es macht aber nichts, wenn die Leute merken, dass der da vorn auch mit den Tränen kämpft.

Geht der Pfarrer auch zum Pfarrer?
Es gibt den Ausdruck «consolatio fratrum», Trost unter Brüdern. Wir können uns gegenseitig helfen. Auch die Familie ist in solchen Situationen wichtig – und die Pflege der persönlichen Spiritualität. Ich finde Kraft im Gebet. Zudem hatten alle Helfer nach Halifax das Angebot, bei einem Psychiater ein Debriefing zu machen. Ein verarbeitendes Gruppen­gespräch. Es half mir.

Sind Sie als einstiger Flight-Attendant ein Fan des Fliegens?
Nicht speziell. Ich wuchs in der Flughafengemeinde Winkel auf. Aber als Bub wollte ich nicht Pilot werden – ich erinnere mich zumindest nicht daran. Meine Eltern waren Posthalter, wir hatten Bauern in der Verwandtschaft. Der Flughafen war damals noch nicht gross gesichert. Es gab ein Tor im Zaun. Meine Onkel hatten den Schlüssel: Wir fuhren mit dem Traktor aufs Gelände, lasen Kartoffeln zwischen den Rollbahnen auf, sahen dabei die Flugzeuge aus der Nähe und fanden das interessant. Mehr nicht.

Wieso wurden Sie Flugbegleiter?
Um Geld zu verdienen während des Studiums. Als ich zum Steward ausgebildet wurde, wie der Beruf damals hiess, führte mein erster Flug nach New York. Ich fuhr aufs Empire State Building, genoss die Stadt in vollen Zügen. Man durfte pro Person zweieinhalb Kilo Rindfleisch in die Schweiz einführen; bestes Beef war fast so billig wie bei uns Cervelat. An der Kirchgasse in Zürich, im Theologischen Seminar, gab es zuoberst eine kleine Küche mit zwei Rechauds. Meine Frau …

… die auch Theologie studierte …
und später Medizin … – meine Frau kochte für ausgewählte Mitstudenten US-Beef mit Spätzli. Ich genoss diese Nebenerscheinungen des Fliegens.

Hören Sie als Pfarrer Klagen über den Kostendruck im Flugbusiness?
Frühere Belastungen waren eher privater Natur: ein Todesfall in der Familie, schwere Krankheit, Eheprobleme. Heute sind es mehr und mehr Leute, die zum Beispiel sagen: «Herr Pfarrer, können Sie helfen, ich kann sonst die Betreibung nicht mehr abwenden?» Viele der Leute von den Zulieferbetrieben, am Check-in, im Catering und so weiter sind nicht mehr festangestellt. Werden einem Familienvater oder einer alleinerziehenden Mutter zum Monatsende nur noch die effektiv gearbeiteten Stunden ausbezahlt, geht das nicht mehr auf.

Welches war Ihr traurigster Tag als Flughafenpfarrer?
Nach dem Massaker von Luxor 1997 hatte ich wochenlang Albträume. In den Tagen danach holten wir immer wieder Menschen beim Flugzeug ab, die aus Ägypten zurückkehrten, Überlebende. Wir brachten sie in Sonderbussen in eine abgeschirmte Lounge und betreuten sie. Was ich in jenen Tagen hörte, brannte sich mir tief ein. Ich schaute bewusst nicht fern, aber die Gespräche riefen schlimme Bilder hervor. Einer meiner Albträume spielte in Obersaxen im Kanton Graubünden, wo wir ab und zu Ferien machen. Kühe und Schafe wurden von einer Gruppe von Irren gejagt und abgeschlachtet.

Und was war Ihr schönster Tag?
Eben gerade durfte ich ein Kindlein taufen. Es kommt immer wieder vor, dass ich am Abend das Gefühl habe, ich hätte etwas Sinnvolles gemacht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.04.2014, 07:27 Uhr

Walter Meier

Autor von «Flughafengeschichten»

Mit einer Katholikin und einer Christkatholikin versieht Walter Meier das Zürcher Flughafenpfarramt. Meier (62), Vater zweier Söhne, studierte in Zürich evangelische Theologie. Er war Pfarrer in Gossau, Dietlikon und Bülach und arbeitete auch als Flight-Attendant. Im Büchlein «Flughafengeschichten», letztes Jahr im Jordan-Verlag erschienen und soeben zum zweiten Mal aufgelegt, erzählt er Erlebnisse aus seinem Berufsalltag. (tow)

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