Ehe kaputt – wo landen die Ringe?

Beim Ex, im Müll, auf Ebay: Ein Blick ins Internet zeigt, wo Geschiedene ihre Eheringe entsorgen.

Der schönste Moment des Lebens hält für 40% der Schweizer nicht ewig. Foto: Tyrone Siu (Reuters)

Der schönste Moment des Lebens hält für 40% der Schweizer nicht ewig. Foto: Tyrone Siu (Reuters)

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Der Ehering ist, man muss es so sagen, Einwegschmuck. Im Vergleich zu anderen Ringen hat er den Nachteil, nur aus einem Grund zu existieren: Weil sich ein Mensch verheiratet. Der Ehering hat deshalb in der Regel ein Pendant - am Ringfinger des Ehepartners. Doch sobald die Ehe des Besitzers endet, hat der Ring ein Problem: Was wird aus ihm?

Für Eheringe ist das eine relativ neue Frage. Den Ringtausch zum Zeichen des Paarbundes gab es zwar bereits zu Zeiten des Römischen Reiches, im Vergleich dazu ist die Scheidung aber ein modernes Phänomen. Heute geht es oft schnell: Wer gerade noch verliebt ist, kann sich morgen schon trennen – statistisch betrifft das immerhin vier von zehn Schweizer Paaren.

Das Dumme für den Ring ist, dass man bis dahin häufig eine Menge Symbolik, einen Haufen Gefühle auf ihn projiziert hat. Er ist voll mit Erinnerungen an eine Zeit, die im Normalfall von Optimismus und Hoffnungen geprägt war. Die sich im schlimmsten Fall allerdings als Trugschluss, als Irrtum oder Ärgernis herausstellte. Entsprechend selten kommt es vor, dass Getrennte und Geschiedene ihren Ring einfach weiter tragen. Oder gar für die nächste Ehe nutzen. Meistens geht die Sache für den Ring also ziemlich blöd aus.

Rache, Müll, Vergessen

In Internetforen findet man Inspiration: Dort tauschen sich Geschiedene – zumeist Frauen – darüber aus, was sie mit ihrem Pech-Schmuck angestellt haben. (Männer machen das offenbar alleine mit ihrem Ring aus.)

  • Da gibt es zum einen den rituellen Lösungsansatz: Eine Frau entsorgte etwa den Ring umgehend im Müll, als sie von der Affäre ihres Mannes erfuhr. Und fühlte sich danach ziemlich erleichtert. Eine andere warf ihn bei einer Scheidungsparty in den Fluss. Manche begraben ihren Ring während einer Zeremonie. Ein symbolhafter Akt, der die Symbolik des Rings aus ihrem Leben verscheuchen soll.
  • Dann gibt es die Rache-Fraktion: Die Betroffenen geben ihren Ring dem Ex-Mann zurück, weil der ihn schliesslich damals gekauft hatte. Dann hat der auch das Problem der Entsorgung am Hals.
  • Die grösste Gruppe machen die Verdränger aus, bei denen der Ehering irgendwo in einem Schmuckkästchen landet und dort in Vergessenheit gerät. Womöglich wollen ihn die Besitzer später einmal herausholen, wenn sie auf ihr Leben zurückblicken. Oder den Ring ihren Enkeln vererben. Doch ob ihnen das Glück bringt?

Das Verzwickte am Ehering ist und bleibt die diffuse Gefühlslage, die ihn umgibt. Dabei kann die Frage nach seinem Schicksal ganz einfach beantwortet werden: Das Schmucktück ist fast immer aus Gold, Silber oder gar Platin gefertigt – und damit, in einer durch und durch auf Konsum ausgerichteten Welt, eine schnöde Wertanlage. Darauf baut schliesslich die Kapitalisten-Fraktion.

Der Fall Terenzi

Die in der Schweiz abgelegten Stücke sind praktisch ein eigener Wirtschaftsfaktor: Im Jahr 2016 liessen sich nach Angaben des Bundesamtes für Statistik 16'777 Paare scheiden, bei einer vorausgesetzten hundertprozentigen Ringquote ergibt das 33'554 Eheringe, die somit ihren Arbeitsplatz verloren haben. Und ziemlich viele von ihnen landen auf dem Markt der Goldaufkäufer.

Für den Ring ist diese Option natürlich existenzvernichtend. Denn wer will sich schon die in die Brüche gegangenen Hoffnungen eines anderen Menschen an den Finger stecken. Ein noch mieseres Image hat wohl nur der öffentliche Verkauf eines Alt-Eherings. Im Oktober tauchte bei Ebay eine Anzeige auf mit dem Titel: «Feiner Diamant Ring aus Platin 950 - prominenter Vorbesitzer!» Innen eingraviert war: «Sarah 29.02.2004». Preis: 3450 Euro. Die Öffentlichkeit einigte sich bald, dass der Besitzer nur Marc Terenzi sein könne, der Ex-Ehemann von Sängerin Sarah Connor. Und fragte sich vermutlich: «Geht es ihm finanziell so schlecht?» Wer für alle einsehbar seinen Ehering bei Ebay verkauft, der muss ziemlich am Ende sein. Ob der mutmassliche Terenzi-Ehering einen Käufer fand, ist unbekannt. Womöglich hat ihn ein Fan erworben. Für einen Schmuckhändler hingegen wäre selbst dieses edle Stück unbrauchbar.

Daher wird ein Ex-Ehering normalerweise in Zahlung gegeben und vom Juwelier weitergeschickt in die – wie könnte es anders sein – Scheideanstalt. So heisst der Ort, wo der Ring mittels einer Säuremischung nun auch materiell geschieden wird: Dabei trennen sich die Edelmetalle von etwaigen Legierungen, zurück bleibt reines Gold, Silber oder Platin. Daraus macht der Goldschmied wieder neuen Schmuck.

Die Scheideverfahren finden in grossen Behältnissen statt, in denen sich viele Schmuckstücke miteinander mischen. Dennoch bleibt zumindest die theoretische Möglichkeit, dass das Edelmetall des alten Eherings – mit ein bisschen Glück – zu einem neuen Ehering wird. Und sich eines Tages neu verheiratet. (Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 19.05.2017, 11:12 Uhr

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