Eigenlob gehört dazu

Im Bewerbungsgespräch prüfen Arbeitgeber die Kandidaten auf Herz und Nieren. Studienabgänger können diese Stresssituation im «Mock-Interview» üben. Ein Erfahrungsbericht.

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Nun weiss ich, wie sich Miss-Schweiz-Kandidatinnen auf dem heissen Stuhl fühlen. Am Ende meines Bewerbungsgespräches soll ich aus dem Stegreif einen Werbespot für mich selbst improvisieren. Darauf war ich nicht gefasst. Mit erhöhtem Puls ringe ich nach den besten Argumenten, warum ich die Richtige für die ausgeschriebene Stelle sein soll. Mireille de Marco scheint zufrieden zu sein. Sie ist Coach bei Career Services und simuliert mit Studentinnen und Studenten Vorstellungsgespräche.

Der Werbespot ist der Höhe- und Schlusspunkt eines dreissigminütigen Interviews, in dem mich Mireille de Marco auf Herz und Nieren prüft. Nach einer netten Begrüssung und ein paar unverfänglichen Fragen zu meinem Lebenslauf wird das Interview persönlicher. Ich versuche, möglichst locker zu bleiben – obwohl es ganz schön unangenehm ist, mein Innerstes vor einer wildfremden Person auszubreiten. Während ich erzähle, macht sich Mireille de Marco unablässig Notizen. Sie lächelt freundlich und lässt sich nicht anmerken, was sie von meinen Äusserungen hält.

Misserfolge positiv verkaufen

«Was sind Ihre bisher grössten Erfolge gewesen?», will sie wissen. Kein Problem, denke ich und berichte begeistert von meiner eben abgeschlossenen Lizarbeit. Ins Stocken gerate ich bei der anschliessenden Frage nach einem Misserfolg. Wer erzählt schon gerne von Schiefgegangenem? Ich erwähne mein nach einem Semester abgebrochenes Nebenfach Betriebswirtschaftslehre. Dabei betone ich, was ich aus dem kurzen Ausflug an die Wirtschaftsfakultät gelernt habe. So weiss ich seither ein für alle Male: Mirjam und Mathematik werden niemals Freundinnen, Sprachliches liegt mir besser.

Zum Glück geht Mireille de Marco nicht weiter auf meine Zahlenschwäche ein. Stattdessen will sie wissen, welche Eigenschaften meine Freunde an mir bewundern und welche sie bemängeln. In Tat und Wahrheit interessiert sie sich für meine Selbsteinschätzung. Ich krame gedanklich in meiner Checkliste: Vor dem Gespräch habe ich mir fünf meiner Stärken und Schwächen notiert und dabei überlegt, wie ich die Schwächen positiv verkaufen könnte. Locker erzähle ich von meiner Selbstdisziplin und meiner Zuverlässigkeit. Die Selbstbeweihräucherung geht eindeutig leichter über meine Lippen als das Eingestehen meiner Schwächen. Doch die Vorbereitung hat sich gelohnt: Meine Ungeduld stelle ich im selben Atemzug als Effizienz dar.

Führungserfahrungen aus dem WG-Leben

Sozialkompetenz ist als Nächstes dran. «Arbeiten Sie gerne im Team?» «Welchen Führungsstil wünschen Sie sich?» Ganz schön schwierig, darauf zu antworten – immerhin befinde ich mich seit gut 20 Jahren grösstenteils in Ausbildung. Ich kratze meine Erfahrungen aus Nebenjobs, Praktika und dem WG-Leben zusammen. Tatsächlich sind die Diskussionen über die «Putzämtli» ein wahrer Fundus für Aussagen über meine Kritikfähigkeit.

Nach dem dreissigminütigen Gespräch ist die anfängliche Anspannung der Neugierde gewichen. War ich gut? Mireille de Marco braucht zwei Minuten, dann verkündet sie ihr Urteil. Es fällt gnädig aus: Sie lobt mein Auftreten und macht mich auf verbesserungswürdige Kleinigkeiten aufmerksam. Mein Händedruck sei zu stark. Und meine Antworten zuweilen etwas überhastet. Ich dürfe mir ruhig etwas mehr Zeit zum Nachdenken nehmen und bei Unklarheiten nachhaken. Manchmal sei ich in meinen Antworten etwas zu sehr an der Oberfläche geblieben. Und war mein Werbespot nicht etwas zu dick aufgetragen? «Nein», sagt sie. «Der Sinn des Bewerbungsgesprächs ist es ja, sich zu verkaufen. Da gehört Eigenlob dazu.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.03.2011, 10:51 Uhr

«Der Sinn des Bewerbungsgesüräches ist es ja, sich zu verkaufen»: Studierende der ETH und der Uni Zürich während Bwerbungsgesprächen, anlässlich einer Messe. (Bild: Keystone )

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