Ein Gott der Gottlosen

Der Jesus der Evangelien war anstössiger, als Kirche und Dogma es wollen: Zu diesem Schluss kommt der Theologe Hans Küng.

«Jesus wurde als politischer Revolutionär verurteilt, obwohl er es nicht war!»: Der Theologe Hans Küng hat ein Buch über Jesus geschrieben.

«Jesus wurde als politischer Revolutionär verurteilt, obwohl er es nicht war!»: Der Theologe Hans Küng hat ein Buch über Jesus geschrieben. Bild: Keystone

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Die Spitzenaussage in Hans Küngs Buch lautet: Jesus verkündete «den Gott nicht der Gottesfürchtigen, sondern den Gott der Gottlosen». Ein Gott nicht der Gesetzesfrommen, sondern der Gesetzesbrecher, und das bedeutet eine «ungeheure Revolution im Gottesverständnis». Jesus erregte Anstoss, weil er sich mit den Randexistenzen der Gesellschaft, mit den Verfemten, Diskriminierten und Deklassierten eingelassen und sich in «schlechte Gesellschaft» (Adolf Holl) begeben hat. Ganz und gar parteiisch stellte er sich auf die Seite der Armen und Zukurzgekommenen.

Umgekehrt sind Jesus die Frommen, die erbarmungslos gegen die versagenden Brüder vorgehen, die ärgsten Feinde geworden. «Ihnen, nicht den grossen Sündern, gelten die meisten Gerichtsworte der Evangelien.» Die Gesetzesfrömmigkeit der Pharisäer, so schreibt Küng, sei gerade nicht massgeblich für das Heil. Jesus war auch kein Gesetzgeber, der allgemeine moralische Prinzipien proklamierte. Indem er Gnade vor Recht stellte, stellte er das religiöse Establishment, Tempelliturgie und Gesetzesfrömmigkeit, radikal infrage. Insofern war «Jesu Botschaft zweifellos revolutionär». Ein Sozialrevolutionär oder politischer Agitator aber war er nicht.

Abgrenzung von Benedikt XVI.

Küng führt dem Leser einen unbequemen, unangepassten, aber auch kaum einzuordnenden Jesus vor Augen. Er bringt den konkreten Jesus von Nazareth und seine ursprüngliche Botschaft zum Vorschein. Und macht damit die Diskrepanz zu dem offensichtlich, was das Dogma aus ihm gemacht hat – und auch dazu, wie ihn die hierarchische Kirche repräsentiert. Damit wählt der Theologe einen diametral anderen Zugang zu Jesus als Benedikt XVI. in seinen beiden Jesus-Büchern von 2007 und 2011. Der Papst präsentiert einen verkirchlichten und vergöttlichten, also gewissermassen einen domestizierten Christus. In Ratzingers Zugang von oben erscheint Jesu Sein stets im Lichte Gottes.

Küng weiss, dass man sein Buch mit den Jesus-Büchern von Papst Benedikt vergleichen wird. Und er zieht im Vorwort ein selbstbewusstes Fazit: «Wer im Neuen Testament den dogmatisierten Christus sucht, lese Ratzinger, wer den Jesus der Geschichte und der urchristlichen Verkündigung, lese Küng.» Die beiden ehemaligen Tübinger Dogmatik-Professoren bedienen sich auch ganz verschiedener Methoden. Ratzingers Jesus-Bild von oben ist vom Dogma der hellenistischen Konzilien des 4. und 5. Jahrhunderts inspiriert. Er nimmt die Evangelien wörtlich und verdinglicht innere Heilswahrheiten zu objektiven Glaubensgegenständen.

Küng wirft Ratzinger vor, bei allem Lippenbekenntnis zur historisch-kritischen Methode deren für die Dogmatik unbequeme Ergebnisse zu ignorieren. Für ihn sind diese indessen bei der Lektüre des Neuen Testaments von unten unabdingbar. Küng unterscheidet stets zwischen dem historisch Gegebenen und der gläubigen Interpretation durch die biblischen Autoren. Die Evangelien sind keine Biografie Jesu, sie beschreiben keine Entwicklung und kein Charakterbild. Sie sind keine Dokumentarberichte, sondern engagierte Glaubenszeugnisse. So ist für Küng etwa die physische Gottessohnschaft eine nachösterliche Interpretation. Im Unterschied zu Ratzinger ist er der Meinung, dass sich Jesus selber keinen einzigen Hoheitstitel – wie Sohn Gottes, Christus, Messias – zugelegt hat. Auch wenn sein ganzes Tun und Lassen einen messianischen Anspruch erhoben habe. Für Küng ist klar: Jesus verkündete nicht sich selber, sondern das nahende Reich Gottes.

Metaphorische Auferweckung

Freilich sind dies nicht Küngs alleinige Erkenntnisse, sondern Ergebnisse der 300-jährigen Jesus-Forschung. «Das Neue Testament ist das bestuntersuchte Buch der Weltliteratur», das weiss auch Küng. So trägt er zu einem stimmigen Jesus-Bild zusammen, was allgemein an den theologischen Fakultäten gelehrt wird. Darüber hinaus ist sein Jesus-Buch eine aktualisierte Version des 1974 veröffentlichten Werkes «Christ sein», das er selber als Zentrum seiner Theologie bezeichnet. Indem er diesmal auf Anmerkungen, exegetische und theologische Erklärungen verzichtet, präsentiert er ein gut lesbares Jesus-Buch.

Eindrücklich arbeitet Küng Jesu dramatischen Grundkonflikt mit der religiösen Hierarchie und der pharisäischen Frömmigkeit heraus. Jesus hat in dieser Sicht seinen Tod provoziert: «Seine Passion war Reaktion der Hüter von Gesetz, Recht und Moral auf seine Aktion.» Er wurde wegen messianischer Anmassung angeklagt und als Irrlehrer verurteilt, «der das Gesetz und die gesamte religiös-gesellschaftliche Ordnung vergleichgültigte». Auch als Gotteslästerer, der «den hohen und gerechten Tora- und Tempelgott zu einem Gott der Gottlosen und Hoffnungslosen erniedrigte». Küng zeigt, wie dann die römische Besatzungsmacht Jesu messianischen Anspruch in einen politischen Herrschaftsanspruch verdrehte. Der politische Konflikt mit der römischen Autorität ist nur eine Konsequenz des religiösen Konflikts mit der jüdischen Hierarchie: «Jesus wurde als politischer Revolutionär verurteilt, obwohl er es nicht war!»

Behutsam nähert sich der Theologe dem, was die Evangelien als Auferweckung voraussetzen, aber nicht beschreiben. Der Osterglaube, dass der Gekreuzigte «als Verpflichtung und Hoffnung für uns» für immer bei Gott lebt, sprengt den Welt- und Denkhorizont. Die Auferweckung ist ein metaphorischer Terminus. Küng zufolge meint Auferstehung gerade «kein Weiterleben» und «keine Fortsetzung des raumzeitlichen Lebens», sondern neues Leben und Neuschöpfung, Aufnahme in die letzte Wirklichkeit, in Gottes Herrlichkeit. An diese Wirklichkeit des Auferweckten aber vermag allein der Glaube heranzukommen.

Erstellt: 16.03.2012, 14:34 Uhr

Hans Küng: «Jesus.», Piper Verlag, 304 Seiten, ISBN: 3492054986

Jesus.

Hans Küng live sehen

Hans Küng tritt am Sonntag, 25. März, 20 Uhr, im Zürcher Schauspielhaus am Pfauen auf. In der von Lukas Bärfuss gestalteten Redereihe «Warten auf die Revolution» spricht er über wirtschaftliche und politische Veränderung.

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