Ein Konservenglas Abfall – pro Jahr

Tara Welschinger bringt den «Zero Waste»-Trend aus den USA nach Zürich.

Schleppt täglich einen vollgepackten Rucksack mit sich herum: Tara Welschinger. Bild: Doris Fanconi

Schleppt täglich einen vollgepackten Rucksack mit sich herum: Tara Welschinger. Bild: Doris Fanconi

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Tara Welschinger packt in einem Zürcher Café ihre Ausrüstung auf den Tisch: drei Baumwollsäckchen, ein Joghurt-Glas, eine Thermos-Flasche, einen Kafffeebecher, eine doppelstöckige Sandwichbox, Besteck, eine Stoffserviette und ein Bienenwachstuch. Täglich schleppt sie in ihrem Rucksack mehrere Behälter mit sich herum. Die 41-Jährige ist Mitglied der Zero-Waste-Bewegung und hat gemeinsam mit ihrem Partner Schritt für Schritt ihren Abfall reduziert. «Zero Waste hat mir regelrecht den Ärmel reingezogen», sagt sie: «Es ist wie ein Rausch.»

Der Begriff Zero Waste stammt aus der Industrie. Er gehört zur sogenannten Kreislaufwirtschaft. Die Idee dahinter ist, wiederverwertbare Produkte zu entwerfen. Die amerikanische Umweltaktivistin Béa Johnson hat Zero Waste in den Privathaushalt gebracht und zur Lebensmaxime erhoben. Ihre Rezepte zu verpackungsfreien Alternativen – Haarspray aus Wodka und Zitrone – hält sie auf ihrem Blog «Zero Waste Home» und im Buch «Glücklich leben ohne Abfall» fest.

Johnsons Lebensstil wurde schnell bekannt. Auf der ganzen Welt formten sich Zero Waste-Gemeinschaften. Auch in der Schweiz, wo sich bisher 137 Mitglieder dem Credo verschrieben haben: Abfall ablehnen, Abfall reduzieren, Abfall wiederverwenden, Abfall recyclen, Abfall verrotten lassen.

Eine Reise als Auslöser

Was Welschinger und ihre Genossen stört: In der Schweiz fallen laut Bundesamt für Umwelt jährlich 24 Millionen Tonnen Abfall an. Ohne Bau- und Sonderabfälle sind das 730 Kilogramm pro Kopf. Nur Dänemark und die USA produzieren mehr Müll. Dank des Entsorgungssystems bekommt aber kaum jemand etwas von den riesigen Müllmengen mit. Die Abfallentsorgung in der Schweiz ist trotz boomendem Recycling nur bedingt nachhaltig. Bei der Verbrennung gehen Ressourcen verloren, und die daraus resultierende Schlacke stellt ein Umweltrisiko dar.

Vor der Zeit mit Zero Waste lebte Tara Welschinger gemeinsam mit ihrem Freund in einem 7-Zimmer-Haus. Eine Reise durch Südostasien brachte den Sinneswandel. «Ich dachte nur: Läck du mir! Was wir zuhause für unnötige Dinge angesammelt haben», sagt Welschinger. Drei Monate lang spendete, verkaufte oder verschenkte das Paar seine Habseligkeiten. Mit sieben Möbelstücken und 20 Umzugskisten zogen sie in eine 45 Quadratmeter-Wohnung in den Kreis 1 in Zürich. «Der Umzug war befreiend. Danach waren wir bereit, uns auf den neuen Lebensstil einzulassen.»

Zero Waste bedeutet vor allem: Verpackungen meiden und nach Alternativen suchen. Das ist zeitraubend. Statt zum Supermarkt geht die Co-Leiterin einer Kommunikations-Agentur wöchentlich auf den Markt. Den Käse holt sie in der Käserei, die auch das Joghurt in ein Glas abfüllt, das Fleisch gibt es beim Dorf-Metzger. Tara Welschinger isst Fleisch, bei dessen Produktion viel Abfall anfällt. Um Fleisch und Käse zu kaufen, braucht sie das gelbliche Bienenwachstuch. Es sei die «beste Alternative zu Aluminium und Cellophan».

Stoffbinden und Menstruationstassen

Abstriche gibt es auch im Hygienebereich. Anstelle von Tampons benutzt Welschinger teilweise Stoffbinden oder Menstruationstassen. Ein Problem waren allerdings Gäste. «Viele brachten Geschenke oder etwas zu Essen und zum Trinken mit, grösstenteils in Plastik verpackt. Wir mussten ihnen erklären, dass wir das in Zukunft nicht mehr wollen.» Auch Weihnachten feiert ihre Familie dieses Jahr anders: Anstatt Päckli werden Erlebnisse verschenkt. Die Eltern freuts: «Sie geniessen es, wenn wir etwas mit ihnen unternehmen.»

Mit dem neuen Lebensstil verzichtet Tara Welschinger zwar auf vieles, trotzdem gewinnt sie an Lebensqualität: «Der Zero Waste-Alltag ist spannend und entschleunigt. Ich investiere plötzlich viel mehr Zeit in mein eigenes Essen.» Oft verarbeitet das Paar gemeinsam die Reste vom Vorabend zu einem neuen Gericht. «Am Anfang war ich überrascht, was man aus Resten zubereiten kann. Nun spare ich damit Zeit und Geld beim Einkaufen.»

Ein Konservenglas Abfall pro Jahr

In den USA gibt es bereits zahlreiche Möglichkeiten, abfallfrei einzukaufen. Es gibt entsprechende Geschäfte und auch viele Menschen, die dem umweltfreundlichen Trend nachgehen. Auch in der West-Schweiz, vor allem in Lausanne, Sion und Genf boomen sogenannte Zero Waste-Geschäfte. In Zürich gibt es allerdings keines - bis jetzt. Tara Welschinger will mit dem eigenen Projekt «Foifi» das Zero Waste-Verständnis nach Zürich bringen. «Foifi» wegen der fünf Gebote von Zero Waste: Ablehnen, Reduzieren, Wiederverwenden, Recyclen, Verrotten.

Für das Projekt gibt Welschinger Ende Jahr ihren Job auf. Das Konzept steht: das Lokal soll Lebensmittelgeschäft, Café und Take-Away gleichzeitig sein. Sämtliche Waren werden regional produziert sein und unverpackt angeboten. Ausserdem sind Workshops und Vorträge zum Thema geplant. Finanziert wird das Geschäft grösstenteils durch Crowdfounding. Das Lokal hat Welschinger bereits gefunden, im März 2017 soll Foifi an der Schiffbaustrasse 9b öffnen.

Bis dahin wird Tara gemeinsam mit ihrem Partner noch mehr Abfall einsparen. Bislang füllen die beiden pro Monat einen 17 Liter-Abfall-Sack. Es soll noch weniger werden: Zero-Waste-Ikone Béa Johnson produziert mit ihrem Ehemann und den zwei Söhnen ein Konservenglas Abfall. Pro Jahr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.12.2016, 08:02 Uhr

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