Ein Leben für die Alp

Viele Städter träumen von einem Leben auf der Alp. Maria Müller hat hoch oben über Grindelwald ihre Erfüllung gefunden. Sie weiss: Eine stabile Psyche und körperliche Fitness sind für diese harte Arbeit Voraussetzung.

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«Tür zu, es zieht! Der Käse hat kalt.» Die Sennerin sagt das sehr entschieden, denn der junge Käse muss langsam abkühlen, sonst kommt nichts Gutes dabei heraus. Maria Müller (41) steht da in Gummistiefeln und Schurz und packt mit kräftigen Händen alte Wolldecken um die Käselaibe, die, frisch in Formen gefüllt, auf dem Hüttentisch stehen. Sie wird sie während der ersten Stunden immer wieder wenden, unter die Presse stellen – und warm einpacken. So möchte man bei der nächsten Grippe auch um­sorgt werden, denkt man.

300 Liter Milch pro Tag

Es ist 10 Uhr am Morgen, als wir nach dem halbstündigen Aufstieg von der Bus-Endstation Bussalp auf Oberläger ankommen. Maria Müller ist da bereits seit sechs Stunden auf den Beinen. Um vier Uhr ist Tagwacht, 26 Kühe zusammentreiben, mit der Maschine melken, dann von 7 bis 11 Uhr käsen – das ist jeden Tag so. Gerade zieht sie mit gebücktem Rücken wieder das Tuch durch den riesigen Kupferkessel neben der offenen Feuerstelle, wo sich bei 50 Grad das Käse­korn von der Molke trennt. Zwei Hände sind nicht genug, um die Masse herauszuschöpfen, die Hüttenkäse ähnlich sieht. Den dritten Zipfel des Tuchs nimmt sie zwischen die Zähne, das sieht abenteuerlich aus. Einem Nachbarn, so erzählt Maria Müller, fehlten vorne vier Zähne, «ausgerechnet die wichtigen», sagt sie, während sie den flüssigen Käse vom Tuch in die Form wuchtet und mit einem Metallstück beschwert. Ob ihm die Zähne bei dieser Prozedur ausge­fallen sind, ist nicht bekannt, jedenfalls ist es keine gute Voraussetzung für die Arbeit am Kessi.

Überhaupt muss man fit sein hier oben, auf 2000 Metern. Inzwischen steht der Raum fast unter Wasser, es flutet aus den Käseformen, ein archaisches Tun ist das. Die Besucher springen von einer trockenen Stelle zur anderen, und immer haben wir das Gefühl, im Weg zu stehen. 300 Liter Milch verarbeitet ­Maria Müller im Schnitt jeden Tag, das macht am Ende der Saison fast 3 Tonnen Alpkäse. Der lagert weiter unten in einem Speicher, wo er täglich mit Salz eingeschmiert wird. 20 Punkte ist die Höchstzahl, die ein Käse für seine Qualität von den Prüfern aus dem Tal erhält, «ich hatte bisher immer 20», sagt Maria Müller lakonisch. Die drei Bauern aus Grindelwald, deren Kühe sie hier von Juni bis September sömmert, schätzten den ausgewogenen Geschmack; sie will nicht angeben, aber stolz ist sie schon auf ihre Leistung. Für die Arbeit, die sie hier das sechste Mal zusammen mit einem sogenannten Zusenn macht, erhält sie 16 000 Franken.

Nebenbei hat sie von ihrem Adlerhorst den schönsten Ausblick, den man sich vorstellen kann: links Wetterhorn, Schreckhorn und Finsteraarhorn, dann Eiger, Mönch und Jungfrau – alle Hochkaräter der Berner Alpen auf dem Tablett. Unsereins würde sich eine Sonnenterrasse wünschen, doch das Bänkli vor der alten Sennhütte ist unbequem ­schmal, Zeit zum Faulenzen bleibt nicht.

«Die Arbeit ist streng, aber nirgendwo sonst ist das Leben so elementar wie auf der Alp», sagt Maria Müller, als sie am Mittag etwas Ruhe findet und sich in die kleine Küche setzt, wo zu unserer ­Begeisterung zwischen allerlei Gerät, Geschirr und in Pflümli eingelegten Aprikosen drei Kätzchen mit ihrer Mutter herumwuseln. «Auf der Alp werde ich als Person klein und weniger wichtig. Das Universum ist dafür umso grösser».

Hier oben gehöre sie einem Gefüge an, in dem das Wetter, die Tiere und alle Umstände gleichermassen eine Rolle spielten. «Das Wetter ist einfach da, ob es nun blitzt oder hagelt; und wenn eine Kuh lahmt, kann man nicht einfach nach Hause gehen. Man kann niemanden ­verantwortlich machen ausser sich selbst», sagt sie. Anders als in einem Büro­job, wo sich immer jemand oder ­etwas finde, das einem die Laune verderbe.

Maria Müller ist eine klare Denkerin, sie kann ausgezeichnet formulieren, ­sodass man sich insgeheim fragt, weshalb sie nicht andernorts Karriere ­gemacht hat. Aber die Frage ist obsolet, wenn sie sagt: «Ich lebe hier mit den Jahreszeiten, und es ist intensiv. Die Ex­treme – Glück und Angst, Himmel und Hölle – liegen ganz nahe beieinander.» Wenn sie in einen Hagelsturm kommt und nur mit letzter Not die Kühe in Sicherheit bringen kann, dann ist das Angst pur. «Es gibt Tage, da könnte ich mit der Zehe in die Wand treten, bis sie blau wird. Doch wenn dann am Morgen aus dem Dunkel das Sonnenrot aufsteigt, kommen mir manchmal die Tränen.»

Gänsehaut beim Glockenläuten

Aber romantisch ist es auf der Alp nicht. Sie weiss von vielen, die auf der Alp ihre Sinnkrise kurieren wollen, sich aus der multioptionalen Welt ausklinken und Naturnähe als Selbsttherapie missverstehen, nach einem Burn-out oder einer zerbrochenen Partnerschaft. «Das funktioniert nie», sagt sie. «Probleme, die man mitbringt, bäumen sich hier oben zu Monstern auf. Hier begegnet man ­immer wieder nur sich selbst.»

Geahnt hat sie immer, dass die Alp ihre Berufung ist, schon als sie in Teufen in Appenzell Ausserrhoden aus dem Schulfenster schaute, wenn die Kuhglocken beim Alpaufzug läuteten und sie Gänsehaut bekam. Gewusst hat sie es dann erst viel später, nachdem sie als Glasmalerin, Störköchin und Schreinerin unterwegs gewesen war und das Heim für schwer erziehbare Jugendliche schloss, wo sie als Sozialarbeiterin wirkte. «Das war genau der richtige Moment», sagt sie. Vier Sommer auf der anderen Talseite, auf der Alp Grosse Scheidegg, sollten folgen, und seit 2009 nun also Bussalp. Vor kurzem hat sie noch eine landwirtschaftliche Ausbildung draufgesattelt; im Winter wird sie am Skilift arbeiten.

Schön ist jeweils auch der Abschied von den Kühen. Maria Müller darf die Tiere schmücken und mit ihnen durch ganz Grindelwald ziehen. Sie selber voran, müde, aber dankbar, dass alles gut gegangen ist. Inzwischen muss sie während des Winters nicht mehr wie eine Nomadin ins Unterland zügeln, sie lebt jetzt in einem Haus etwas ausserhalb von Grindelwald, «in einer Partnerschaft», wie sie sagt.

Bevor um 23 Uhr Lichterlöschen ist, wird sie «ihre» Kühe einsammeln und nochmals melken. Sie kennt sie alle, und jede ist anders. Da gibts die schlauen und vorwitzigen, die energischen und die etwas dummen, die immer im Weg stehen. «Es ist verrückt», lacht Maria Müller, «aber die hübscheste ist die dümmste.» Schade ist Trix, das Schlitz­ohr, nicht mehr da. Sie hat sich von ­einer Hufentzündung nicht mehr erholt. «Trix wusste genau, was mich aufregt und amüsierte sich über mich. Einmal hat sie meinen Faserpelz aufgefressen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.08.2014, 07:10 Uhr

Maria Müllers Geschichte sowie die anderer Älplerinnen sind im Buch «Traum Alp» von Daniela Schwegler versammelt (Rotpunktverlag, 2013).

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