Ein Luxustempel soll die Scientology-Krise kaschieren

Dank Immobiliengeschäften haben Mitglieder von Scientology für ein neues Zentrum in Basel Millionen aufgebracht. Tatsächlich aber geht es der Sekte schlecht.

Das neue Gebäude in Basel gilt Scientologen als «eine Investition in die Ewigkeit», mit der «der Planet gerettet» wird. Foto: Hans-Jörg Walter

Das neue Gebäude in Basel gilt Scientologen als «eine Investition in die Ewigkeit», mit der «der Planet gerettet» wird. Foto: Hans-Jörg Walter

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In der Liegenschaft an der Burgfelderstrasse 215 im Basler Iselinquartier herrscht in diesen Tagen emsiges Treiben. Scientologen schleppen Putzkübel und Aktenordner herbei und verleihen ihrem neuen Luxustempel den letzten Schliff, während phasenweise Securitas-Männer das Gebäude bewachten. Die Jünger des Sektengründers Ron Hubbard wollen verhindern, dass Anwohner vor der Eröffnungsfeier am Samstag nächster Woche Farbbeutel oder Eier an die frisch gestrichene Fassade werfen oder Scheiben zertrümmern. Denn im Quartier regt sich seit Wochen Widerstand; die Bewohner schauen der Eröffnung mit Misstrauen entgegen.

Das neue Superzentrum der Scientologen, intern Ideal Org genannt, ist primär ein Prestigeobjekt. Die Sekte putzt sich heraus, um die Krise zu kaschieren. Scientology-Sprecher Jürg Stettler sieht es indes anders: «Eine Ideal Org ist ein Ort, der nach den Vorstellungen von Hubbard aufgebaut ist.» Wer ein solches Zentrum errichten will, muss strenge Vorgaben der amerikanischen Mutterorganisation erfüllen. Basel ist nach Berlin und Hamburg erst das dritte Musterzentrum im deutschsprachigen Raum.

Ehemalige Scientologen beurteilen das neue Zentrum als überdimensionierte Fehlplanung. Das alte Zentrum am Herrengrabenweg 56 in Basel lag recht zentral und umfasste stattliche 2000 Quadratmeter. Doch das reichte nicht, um den Status einer Ideal Org zu erreichen. Das neue Gebäude weist stattliche 4600 Quadratmeter auf, liegt aber am Stadtrand unweit der französischen Grenze. Aussteiger vermuten, dass sich die Scientologen bald darin verlieren werden. Vizepräsident Rolf Moll widerspricht. Das bisherige Zentrum sei zu klein geworden. «Es gab kein Infozentrum, keine Versammlungshalle und viel zu wenig Räumlichkeiten für unsere Dienste.»

Die Idee, Ideal Orgs aufzubauen, ist bereits zehn Jahre alt. 2004 verkündete der amerikanische Sektenboss David Miscavige die Aktion. Bis 2010 sollten alle grösseren Zentren weltweit diesen Status erlangen. Der Sinn der neuen Luxustempel wurde den Scientologen so erklärt: «Diese Idealen Kirchen sind eine Verkörperung des Wissensschatzes von L. Ron Hubbard und dafür entworfen, ihren Mitgliedern und der Gemeinde den vollen Umfang der Scientology-Dienste zur Verfügung zu stellen.»

Was der oberste Scientologe Miscavige nicht hervorstrich: Finanzieren müssen die Superzentren die Scientologen an der Basis. Obwohl die Mutter­kirche in den USA milliardenschwer ist, leistet sie an die neuen ­Zentren keinen Cent.

Deshalb starteten die «Kirchen» ein beispielloses Fundraising. Weltweit brach in den grösseren Scientology-Zentren eine hektische Betriebsamkeit aus. Es begann ein Wettbewerb, der für manche Zentren ruinös wurde. Mitarbeiter beknieten Sektenanhänger bei jeder Gelegenheit, Geld zu spenden. Diese wurden mit Videos, Mails und Einladungen zu Sponsorenevents förmlich bombardiert. In einem internen Werbevideo beschwört eine Scientologin die Mitglieder: «Wenn du in eine Ideal Org investierst, ­investierst du in deine eigene Ewigkeit. Ideal Orgs retten den Planeten.»

Unterdrückung, Ausbeutung

Das Hauptquartier in den USA lancierte die weltweite Aktion vor allem auch aus strategischen Überlegungen. Nach einem Boom in den 1980er-Jahren begann der langsame Abstieg. Die «am schnellsten wachsende Kirche der Welt» (Originalton Scientology) schrumpfte. Anfang der Nullerjahre erschütterten ausserdem interne Skandale die Sekte. Kaderleute aus der Hauptzentrale verliessen Scientology fluchtartig und deckten die Machenschaften in Fernsehinterviews und Büchern auf: Unterdrückung, Ausbeutung, Strafaktionen.

Die Aktion Ideal Org sollte auch dazu dienen, von den Skandalen abzulenken, über die Krise hinwegzutäuschen und die Reihen intern zu schliessen. Die Botschaft: Wir expandieren und werden mit den Ideal Orgs noch schlagkräftiger.

Für die Scientologen an der Basis begann damit eine Leidenszeit. Trotz intensiver Spendeaktionen verpassten es die meisten Organisationen, ihre Ideal Org bis 2010 zu realisieren. Obwohl die Basler schlechte Voraussetzungen hatten und besonders unter der Krise litten, erreichten sie verspätet das ambitiöse Ziel. Der Grund: Gleich mehrere Mitglieder sind im Immobilienhandel tätig. So kauften der Basler Scientology-Präsident Patrick Schnidrig und der Scientologe Heinrich Renggli Anfang 2011 das 4000 Quadratmeter grosse Grundstück im Iselinquartier. Dazu gehören zwei Bürogebäude, eine Werkstatt, eine Tankstelle, ein Wohnhaus und eine Transformatorenstation. Ein teures Projekt, denn allein das Grundstück wird auf 5,5 Millionen Franken geschätzt. Schnidrig gehört die Burgfelder Immobilien AG, Heinrich Renggli die Estaniola Immobilien GmbH.

Als Unterstützer und Spender engagierten sich weitere Scientologen, die ebenfalls mit Immobilien handeln. In erster Linie Rudolf Flösser, Leitender ­Direktor von Scientology Basel, dessen Treuhandfirma hauptsächlich Wohnhäuser kauft und Mietwohnungen in Stockwerkeigentum umwandelt. Involviert sind auch Swiss Immo Trust AG und die Welcome Home Immobilien. Die Basler «TagesWoche» formuliert es so: «Das Sektennetzwerk um Flösser kauft alte Liegenschaften, wirft die Mieter raus und veräussert den sanierten Bau als Stockwerkeigentum an Private.» Ein Businessmodell, mit dem auch deutsche Scientologen reich wurden. Es ist davon auszugehen, dass Schnidrig und Renggli eine Mischrechnung machen und Scientology Basel ihre Ideal Org zu günstigen Konditionen überlassen. Wie sie den Deal rechtlich abwickeln, ist nicht bekannt. Auf Anfrage sagte Renggli, er könne keine Auskünfte zu Firmeninternas geben.

Das alte Gebäude gehörte einer SK Basel GmbH, also der Scientology «­Kirche», die als Verein firmiert. Auch bei dieser spielte Patrick Schnidrig eine zentrale Rolle; er war für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Obwohl im Grundbuchamt die Burgfelder und Estaniola Immobilien eingetragen sind, sagt Sprecher Rolf Moll: «Das Gebäude gehört nicht zwei Immobilienfirmen, das Haus wird unserem Verein gehören.» Der Umbau des neuen Zentrums nach den Vorgaben der Mutterorganisation kostete schätzungsweise fünf Millionen Franken.

Neben den Finanzen gab es eine weitere Hürde: Eine Ideal Org von der Grösse Basels muss rund 150 Vollzeit-Mitarbeiter engagieren. Doch am Rheinknie sind höchstens ein paar Hundert Mitglieder aktiv. In seinem Dilemma suchte das Kader in der ganzen Schweiz und im nahen Ausland weitere Mitar­beiter – auch auf die Gefahr hin, damit andere Zentren zu schwächen.

Zürcher Scientologen fehlt Geld

Wie schwierig die Finanzierung einer Ideal Org ist, haben die Zürcher Scientologen erfahren. Obwohl sie mit Abstand das erfolgreichste Zentrum in der Schweiz sind und eines der erfolgreichsten weltweit führen und seit zehn Jahren ein intensives Fundraising betreiben, sind sie noch weit vom Ziel entfernt. In ihrer Projektkasse klafft auch heute noch ein Loch. Nach Auskunft von Scientology-Sprecher Jürg Stettler haben sie noch nicht einmal eine geeignete Liegenschaft gefunden.

Stettler will nichts von einer Krise oder von Problemen bei der Ideal Org in Basel wissen. Bei 5500 aktiven Scientologen in der Schweiz liessen sich 150 Mitarbeiter finden. Doch für Aussteiger und Beobachter sind die Angaben viel zu hoch, sie gehen von höchstens 1000 Schweizer Anhängern aus. Zählt man die 120 Mitarbeiter aus dem Zürcher Zentrum und die rund 50 aus den übrigen «Kirchen» hinzu, ist beinahe jeder dritte Scientologe vollamtlich beschäftigt. Da sie keinen Lohn erhalten, fallen sie auch weitgehend als Spender aus. Somit tragen vermutlich etwa 700 Anhänger die ganze finanzielle Last.

Manche Basler Scientologen hielten den jahrelangen Spendenaufruf und den Tanz um das neue Zentrum nicht mehr aus und verliessen die Sekte. «Der Druck wurde unerträglich», sagt einer der Aussteiger. Er vermutet, dass sich die Basler «Kirche» finanziell übernommen hat. Das ehemalige Mitglied will anonym bleiben, denn es habe erfahren, wie Kritiker mundtot gemacht würden. «Scientology kann einem Aussteiger das Leben zur Hölle machen.»

Dass die Ideal Orgs ein finanzielles Risiko eingehen, zeigt das Beispiel Berlin. In der deutschen Hauptstadt eröffneten die Scientologen 2007 ihr sechsstöckiges Gebäude. Ein ehemaliger Mitarbeiter zeichnet ein düsteres Bild. Der durchschnittliche Wochenlohn habe 20 Euro betragen, manchmal seien es nur ein oder zwei Euro gewesen, sagt er. Zwischen 2008 und 2012 hätten die wöchentlichen Einnahmen lediglich 3500 Euro betragen. Um Strom zu sparen, durften die Mitarbeiter den Lift oft nicht benützen. Manchmal seien die ­Telefonleitungen tot gewesen, weil die Rechnungen nicht bezahlt worden seien. Um die erforderlichen Quoten zu erfüllen, hätten sie Leute von der Strasse als Mitarbeiter rekrutiert, ohne ihnen zu sagen, dass sie keinen Lohn erhal­ten würden.

Was motiviert eine Organisation, die sich Kirche nennt, ihre Mitarbeiter für Gotteslohn bis zu 60 und mehr Stunden pro Woche arbeiten zu lassen? Scientology-Sprecher Jürg Stettler vergleicht sie gern mit Mönchen. Doch der Scientology-Sprecher vergisst, dass Klöster ihre Mitglieder lebenslang betreuen. Die Scientologen hingegen müssen für ihren gesamten Lebensunterhalt selbst aufkommen und haben eine minimale Altersvorsorge. Wer die Ausbeutung satt hat und die Sekte verlässt, steht meist vor dem Nichts und leidet unter einer Schuldenlast.

Krise hin oder her: Die Schweizer Scientologen sind momentan in Festlaune und können die Eröffnung der ersten Ideal Org kaum erwarten. Der Sprecher der Basler Scientologen erwartet 1000 bis 1500 Gäste für die Einweihungsfeier. Öffentlichkeit und Medien haben keinen Zutritt. Ob der oberste Scientologe, David Miscavige, aus den USA anreist, will Moll nicht verraten. Auszuschliessen ist es nicht, denn der Boss erwies seinen Anhängern schon bei verschiedenen Eröffnungen von Ideal Orgs die Ehre.

«Alles, was Krach macht»

Sicher anwesend sein werden Thomas Erlemann und seine Mitstreiter. Die Quartierbewohner haben die «Gewaltfreie Aktion gegen eine Scientology-Zentrale» gegründet und proben seit mehreren Monaten den Aufstand. «Es ist ein Skandal, dass Scientology sich in einem Wohnquartier einnistet», sagt Erlemann. «Wir stellen uns auf einen langfristigen Widerstand ein.»

Von einem Widerstand im Quartier will Rolf Moll nichts wissen. «Wir haben viele positive Gespräche mit Quartierbewohnern und sind sicher, dass das Interesse, uns zu besuchen, nach der Eröffnung wachsen wird», sagt der Scientology-Sprecher. «Wenn zwei bis drei Personen mit zum Teil illegalen Methoden agitieren, heisst dies nicht, dass das Quartier Scientology ablehnt. Es kursieren zum Teil immer noch alte Falschinformationen, die wir mit der Eröffnung dieses Gebäudes abbauen werden.»

Zu einer Versöhnung wird es aber bei der Eröffnungsfeier nicht kommen. Erlemann und seine Mitstreiter wollen die Scientologen lautstark empfangen. Die Devise des Widerstandes der «Gewaltfreien Aktion»: «Alles, was Krach macht.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.04.2015, 23:44 Uhr

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