Ein Mann von gestern

Mario Waser hat sich ganz dem Stil der 1940er-Jahre verschrieben – von der Einrichtung seiner Wohnung bis zur Haltung gegenüber Menschen und Werten. Das Montagsporträt.

Das Leben so einzurichten wie in den 1940er-Jahren ist für ihn Ausdruck einer philosophischen Überzeugung: Dazu hört Mario Waser Bigband-Swing.

Das Leben so einzurichten wie in den 1940er-Jahren ist für ihn Ausdruck einer philosophischen Überzeugung: Dazu hört Mario Waser Bigband-Swing. Bild: Herbert Zimmermann

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Wer eine Zeitreise für Sciencefiction hält, sollte Mario Waser treffen. Ein Besuch bei ihm ist ein Schritt in eine vergessene Epoche: Der Mann lebt, als wäre die Zeit 1945 stehen geblieben. Waser (41) wohnt im ehemaligen Ökonomiegebäude des Hotels FloraAlpina in Vitznau, wo er Musikbrunch-Organisator und Mann für alles ist. Schon der Vorplatz mit prächtigem Blick auf den Vierwaldstättersee macht klar, dass hier kein Dutzendmensch haust: Pflugscharen aus der Anbauschlacht vor 70 Jahren, Gartenstühle wie aus einem Heimatfilm, apart aufgereihte Velos mit riesigen Lampen.

Das Haus ginge als Museum oder private Brockenstube durch: Alles ist eingerichtet wie vor 70 Jahren, von Omas Sofa und Opas Karabiner im Gang bis hin zur WC-Zugspülung, zum Sammelband «Fürs Schweizer Haus» mit illustrierten Wochenblättern von einst und zu einer Unzahl von Hüten. Die Küche ist voller verchromter Hilfsgeräte, mit denen die Industrie nach dem Krieg zukunftsfrohe Hausfrauen beglückte.

Waser will Werte bewahren

Mitten drin sitzt hemdsärmlig Waser, der nie über 14 Grad heizt – eine galante Erscheinung. Er könnte selber einem Filmset von 1945 entsprungen sein: weite Hose, kariertes Hemd, graublaue Augen, zurückgekämmte Haare und ein Clark-Gable-Schnäuzchen. Oft trägt er Knickerbocker, Hosenträger, Gilets und grosse Krawatten. Zahlreiche Tattoos symbolisieren Ereignisse in seinem Leben, die unter die Haut gingen – etwa in der Form von Finsteraar-, Lauteraar- und Schreckhorn, die er bestieg, um die Trennung von seiner schwedischen Frau und zwei Töchtern zu verarbeiten. Im Hintergrund läuft Bigband-Swing. Waser sitzt am Kirschbaumtisch, der einst im Luzerner Château Gütsch als Anrichte kalter Teller diente. Er steckt sich eine Mary-Long an und erklärt seine Eigenart.

Früher wurde alles geflickt

Das Leben so einzurichten wie in den 1940er-Jahren, ist für Waser kein Spleen, sondern Ausdruck einer philosophischen Überzeugung. Als Sohn eines Polsterers in einem stilvollen Haushalt in Luzern aufgewachsen, entwickelte er als Handlanger seines Vaters früh «ein Gschpüri für handwerkliche Büez mit alten Sachen». Mit dem ersten Lohn, den er als Kellner- und Kochlehrling verdiente, kaufte er sich «schöne Sachen» für seine eigenen vier Wände, «und mit der Zeit ging es übers Mobiliar hinaus».

Waser verbindet die handfeste Ästhetik von Produkten der 1940er-Jahre mit Werten, die seine Lebenshaltung prägen: «Damals wurde vom Automotor bis zur Gangschaltung am Velo und zu einer Stabelle Qualität hergestellt. Alles war so gemacht, dass man es flicken konnte, wenn es kaputtging.»

Warum die Nachhaltigkeit preisgeben?

Die Menschen hätten damals mehr Sorge getragen zu den Dingen. «Das isch amtlich», sagt Waser immer, wenn er einer Wahrheit Nachdruck verleihen will. Heute aber trete die Konsumgesellschaft diese Werte mit Füssen. «Ich will das Erbe unserer Vorfahren bewahren», sagt Waser. Das hänge auch mit seiner politischen Einstellung zusammen: «Der Verlust dieser Werte ist der Hauptgrund, warum die Schweiz nicht in die EU soll.»

Mit Fremdenfeindlichkeit habe diese Überzeugung nichts zu tun. Er sei als Kellner auf Kreuzfahrtschiffen dreimal um die Welt gereist und habe mit Leuten aus 55 Nationen zusammengearbeitet. Aber es will ihm nicht in den Kopf, warum die rasende Einwegwelt die Nachhaltigkeit überhaupt je preisgegeben hat. Das gilt für Waser auch im übertragenen Sinn – etwa für Sitten und Gebräuche der alten Schule.

Dann platzt ihm der Kragen

Beim Tanzen ist es für ihn selbstverständlich, dass er Anzug, Krawatte und zweifarbige Schuhe trägt und eine Frau nach dem Lindy Hop wieder an ihren Platz geleitet. Tänzer mit nackten Oberarmen und in Turnschuhen findet er «eine Beleidigung für jede Bigband und schlicht dekadent». Und wenn der legendäre Luzerner Tourismusförderer Kurt H. Illi sich erdreistet, auf der Kapellbrücke in einem Nidwaldner Hirtenhemd Chinesen anzuwerben, platzt Waser, der ursprünglich aus Wolfenschiessen stammt, der Kragen. Denn das mit Gold durchwirkte schwarze Gewand sei Nidwaldnern vorbehalten und werde nur an Festtagen getragen.

«Ich verpasse gar nichts»

Ganz epochentreu zieht Waser seine 1940er-Jahre dann doch nicht durch. Er hat ein Handy, einen CD-Player und sogar eine eigene E-Mail-Adresse – aber keinen Computer. Seine Erinnerungen, die schon 1100 Seiten füllen, hält er auf einer revidierten Continental-Schreibmaschine fest, oder mit kalligrafischer Sorgfalt von Hand. Dass er mit der Verweigerung der Gegenwart etwas verpassen könnte, ist für ihn unvorstellbar: «Im Gegenteil, ich verzichte nur zu gerne darauf.» Mit Playstations könne er nichts anfangen, und einen Fernseher hat er nur, um DVDs zu schauen – «am liebsten Filme, in denen es ein bisschen chlöpft».

Erstellt: 11.10.2010, 06:36 Uhr

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