Hintergrund

Ein Platzspitzbaby erzählt

Ende der 80er-Jahre verwandelte sich Zürichs idyllischer Platzspitz in eine Drogenhölle. Mittendrin war meine Mutter – als Kind erlebte ich ihre Selbstzerstörung aus nächster Nähe.

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Bald verbrachte ich die Tage mehrheitlich auf mich allein gestellt. Papas Idee, mich auf die Baustelle mitzunehmen und in den Unterkünften der Arbeiter unterzubringen, erwies sich nicht als dauerhafte Lösung, und manche Fragen forderten Antworten, die er nicht geben konnte: Wo ist deine Frau?

Nach wochenlanger Abwesenheit kehrte sie jeweils in desolatem Zustand zurück, den ich nicht zu deuten wusste, der für mich aber nichts mehr mit meiner Mutter zu tun hatte. Trotzdem liebte ich sie weiterhin und geriet – wie ich im Nachhinein sagen muss – in ein starkes Abhängigkeitsverhältnis, blieb ihren Manipulationen, den Drohungen, der Vernachlässigung machtlos ausgeliefert. Jahrelang glaubte ich, die Hauptschuld an einem Unglück zu tragen, von dem ich nicht wusste, ob es tatsächlich existiert, und hätte ich den Verrat begangen und meinen Kummer hinausgeschrien: Der Preis für mein Wohlergehen wäre der Tod derjenigen gewesen, die mich geboren hatte.

Schweizer Zeitungen berichteten schon früher regelmässig von den katastrophalen Zuständen auf dem Platzspitz, und nachdem ausländische Medien auf die offene Drogenszene mit Tausenden von verelendeten Schwerstsüchtigen aufmerksam geworden waren, sorgte der «Needle-Park» auch weltweit für Entsetzen. Mutter hatte in dieser Hölle gefunden, was sie zum Leben benötigte: Sämtliche Drogen waren rund um die Uhr erhältlich und konnten an Ort und Stelle sofort konsumiert werden.

Die Abgabe steriler Spritzen war von einem politisch bürgerlichen Lager indes heftig bekämpft worden. Einen solchen Akt betrachtete man als offizielle Anerkennung einer Problematik, der man überfordert gegenüberstand und mit Repression beizukommen versuchte. Mit schlimmen Konsequenzen für jene, die längst durch alle sozialen Raster gefallen waren. Die stumpfen Spitzen der hundertmal verwendeten Injektionsnadeln wurden an einem Schmirgelpapier angeschliffen, danach fanden sie Verwendung in Dutzenden von Armbeugen und Kniekehlen.

Einziges Bedürfnis: Heroin

Die Räumung des Platzspitzes fand 1992 in einer Nacht-und-Nebel-Aktion statt. Die Vertreibung der Schwerstsüchtigen geschah ohne die Schaffung eines entsprechenden Hilfsangebots. Vorübergehend entstand in Hinterhöfen und Häusern rund um das Zürcher Langstrassenquartier eine versteckte Szene, später formierte sie sich beim stillgelegten Bahnhofareal Letten, mit ähnlich desolaten Zuständen wie vorher auf dem Platzspitz.

Nebst dem Methadon konsumierte Mutter bald täglich Heroin oder Kokain, oft auch beides miteinander, und obwohl die Preise in der Zwischenzeit gefallen waren, bedeutete dies monatliche Ausgaben in der Höhe von rund 6000 Franken. Der Zerfall ihrer Schönheit schritt voran und brannte sich für immer in meinem Herzen ein: Ihr Gesicht verlor die scharfen Konturen von einst. Der Blick, den ich geliebt hatte, früher war er aufgeweckt und neugierig, dann aggressiv und nervös, war nun immer öfter von einer irritierenden Teilnahmslosigkeit.

Müsste ich sie heute mit einem Wort beschreiben, ich würde ihren Zustand als »leer« bezeichnen. Befreit von allen Gedanken und Gefühlen, nur noch einem einzigen Bedürfnis verpflichtet: dem Heroin. Ich verlor meine Mutter, erkannte in ihr den Menschen nicht mehr, dem ich als Zweijährige als Zeichen meiner ewigen Liebe ein selbst gepflücktes Blümlein überreicht hatte. Doch die Selbstzerstörung, der mangelnde Respekt dem eigenen Leben gegenüber, hatte den Tiefpunkt noch lange nicht erreicht. Im Nachhinein entpuppten sich diese frühen Jahre als harmloser Auftakt für alles, was noch kommen sollte.

Mutter verschwand immer häufiger. Zu Fuss oder per Autostopp, entschied sie, bei Wind und Wetter, auch in tiefster Nacht, wegzugehen. Wenn sich meine Eltern erbitterte Kämpfe lieferten, fiel nun öfter der Begriff Letten. Ich kannte die Bedeutung nicht, ahnte aber, dass Mutters Abwesenheit – und ihre Rückkehr – mit diesem magischen Wort verbunden sein musste.

Vater suchte sie. Nacht für Nacht. In den frühen Morgenstunden kehrte er zurück, arbeitete zehn Stunden auf dem Bau, versuchte am Abend für mich zu sorgen, um Stunden später erneut wie eine Marionette aus dem Haus zu laufen und wegzufahren: Richtung Zürich. Richtung Letten. Die offene Drogenszene und die dort herrschenden unvorstellbaren Zustände wurden zu einem Teil seines Lebens. Was er hasste und fürchtete, musste er genau beobachten, weil es sich bei jeder dieser Gestalten um seine Frau hätte handeln können.

Die erzwungene Konfrontation mit den Details einer Hölle, die an Verwahrlosung und Grausamkeit nicht zu überbieten war, veränderte auch sein Wesen für immer. Die Aktionen verliefen fast immer erfolglos, und im Gegenzug begann die verzweifelt Vermisste ihren ganzen Hass auf jenen Menschen zu lenken, der ihr Tun nicht kritiklos akzeptierte, ihre Raserei nicht einfach in Kauf nahm, sich ihrem kompletten Zerfall mit allem, was er zu bieten hatte, entgegenstellte, sie kontrollierte, ihr nachspionierte und das offenbar Unmögliche – die Abstinenz – forderte.

Die blinden Polizisten

Im Rausch entwickelte Mutter unglaubliche Aggressionen, und die Handgreiflichkeiten arteten immer häufiger aus. Unter meinem Hochbett versteckt, hielt ich mir die Ohren zu, doch die Schreie der Eltern hallten tagelang in meinem Innern nach, als wäre meine Seele der Resonanzboden eines Instrumentes. Mehr als einmal gerieten gewalttätige Kämpfe ausser Kontrolle: Durch die verzweifelten Hilferufe meines Vaters alarmiert, lief ich eines Nachts ins Elternzimmer und verständigte auf sein Geheiss die Polizei.

Als die Beamten endlich auftauchten, flaute der Streit bereits ab, doch das verwüstete Zimmer sprach Bände, und Vater lag übel zugerichtet auf dem Bett. Mutter lamentierte tränenreich, tischte den Polizisten unglaubliche Lügengeschichten auf und verlangte – ohne dass sie ein gekrümmtes Haar vorweisen konnte – die sofortige Inhaftierung des Gewalttäters. In Erinnerung an die eindeutige Geräuschkulisse während meines Anrufes wurde sie dieses eine Mal in die Schranken gewiesen.

Bei allen anderen Gelegenheiten gaben die Ordnungshüter dem gepeinigten Geschlechtsgenossen zu verstehen, er sei selbst schuld, wenn er eine solche Furie geheiratet habe. Vater wollte sich auf keinen Fall auf das Niveau seiner süchtigen Frau einlassen, dies auch im Wissen, dass eine einfache Ohrfeige sofort zu einer erfolgreichen Strafanzeige gegen ihn geführt hätte.

Meine ganze Kindheit hindurch machte ich die Erfahrung, dass manche Behörden und Helfer einer Frau, die behauptet, es sei ihr Unrecht geschehen, blind Glauben schenken und im Mann ebenso kritiklos den Schuldigen sehen.

In jener Nacht verschwand Mutter einmal mehr und kehrte erst Tage später zurück. Verdreckt, nach Urin stinkend, die Haare verfilzt, das Gesicht aufgedunsen, konnte sie sich kaum auf den Beinen halten, wankte ins Bett und schlief zehn Stunden am Stück.

Die folgende Woche verbrachte sie – mit einem gebunkerten Drogenvorrat und einer Familienpackung Joghurt – im abgedunkelten Schlafzimmer. Unansprechbar. Sie nahm nichts mehr wahr, und wenn sie mich bei seltenen Gelegenheiten anschaute, glaubte ich in ihrem Blick eine grösser werdende Abneigung wahrzunehmen. Ich wurde zu einem Übel, das bereits Dankbarkeit empfand, wenn es ignoriert wurde. Denn genauso unbegründet und masslos, wie ihr Missfallen über mich hereinbrach, fielen ihre Liebesbezeugungen aus. Sie küsste mich ab, hielt mich mit eisernem Griff umschlungen, flüsterte Koseworte in mein Ohr. «Du bist mein Liebstes, und wenn du nicht mehr bei mir bist, gibt es für mich keinen Grund mehr, zu leben.»

Vater versuchte zu retten, was zu retten war, eine Trennung kam für ihn nicht infrage. Er wusste, Mutter würde alles daransetzen, um mich in ihre alleinige Obhut zu bringen. Nachdem er sich eines Nachts – Mutter hatte den erneuten Gang in die Szene angekündigt – mit seinem Armee-Sturmgewehr im Badezimmer verschanzt und, einem Nervenzusammenbruch nah, damit gedroht hatte, er schiesse sich eine Kugel in den Kopf, wenn sie gehe, realisierte ich zum ersten Mal bewusst, dass ein Leben ohne meinen Vater zu einer Gefahr für mich wurde. Schluchzend und bettelnd sass ich vor der Tür, versprach ihm sogar den Plüschbären und war auch nicht zu beruhigen, als er unversehrt in den Korridor trat, mich in den Arm nahm, mich zu trösten versuchte.

Mein Vater nahm nun seine Suchaktionen erneut auf, und eines Tages beschloss er, mich mitzunehmen. Über den mit dieser Entscheidung verbundenen Erziehungsversuch kann man sich streiten. Andererseits trug der Schock, den ich als Neunjährige erlitt, vielleicht dazu bei, dass ich im Gegensatz zu vielen anderen Kindern, die bei abhängigen Elternteilen aufwachsen, nie in die harten Drogen abgestürzt bin. Schweigend rasten wir die Autobahn entlang, vorbei an Wäldern, die sich schemenhaft im Regen abzeichneten, und beinahe unvermittelt tauchten wir in den Glanz der Grossstadt ein. Vater kannte den Weg blind. Ich hörte das Rauschen des Flusses.

Wir blickten nach unten: Auf dem mir riesig scheinenden Brachland herrschte emsiges Treiben. Zerlumpte Gestalten bahnten sich murmelnd und schimpfend den Weg durch Müll und Dreck. Menschen, die in meiner Wahrnehmung wie Bettler aussahen, stachen sich Nadeln in die Arme, andere starrten mit leerem Gesicht in ein Feuer. Später fiel mein Blick unvermittelt auf einen Mann und eine Frau. Mein Vater zwang mich, genau hinzusehen: Seltsam verrenkt lagen die beiden im Dreck, und zu meinem Entsetzen liefen zwei Ratten zögerlich schnuppernd über die besinnungslosen oder toten Menschen, die niemanden zu interessieren schienen.

Im ewigen Fegefeuer

Schwindel und Übelkeit ergriffen mich. Hatte ich mein eigenes Sterben verpasst und befand mich nun bereits im ewigen Fegefeuer, das den Menschen unsägliche Qualen auferlegt, wie ich es in der Sonntagsschule gelernt hatte? Die Antwort längst wissend, fragte ich: »Macht Mama das auch?« Vater nickte. Er weinte. Er sagte, ich dürfe niemals so enden und müsse mit ihm über alles sprechen, sollte ich jemals in Versuchung geraten. Ich versprach es. An diesem Tag fanden wir Mutter. Mein inständiges Flehen und Betteln bewog sie dazu, ins Auto zu steigen und mit uns nach Hause zurückzukehren.

Erstellt: 19.11.2013, 17:45 Uhr

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Beim Text auf dieser Seite handelt es sich um einen Auszug aus «Platzspitzbaby. Meine Mutter, ihre Drogen und ich» von Michelle Halbheer (28). Ihre Lebensgeschichte aufgezeichnet hat die Journalistin Franziska K. Müller. Das Buch (Wörterseh-Verlag, 208 Seiten, Fr. 39.90) kommt übermorgen Freitag in die Läden.

Buchvernissage: Montag, 2. Dezember, 19.30, Tamedia, Saal beim Haupteingang, Werdstr. 21, Zürich. Eintritt mit Carte Blanche 10, ohne 20 Franken. Es liest die Schauspielerin Dorothee Roth. Podiumsdiskussion mit Michelle Halbheer, Peter Burkhard (Die Alternative, Verein für umfassende Suchttherapie) und Ulrich Lips (Dr. med., Kinderschutz-Experte).Moderation: Res Strehle, Chefredaktor «Tages-Anzeiger».

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