Ein Souvenir, das keiner will

Asienreisende gehen ein hohes Risiko ein, sich mit antibiotikaresistenten Keimen anzustecken.

Eine hohe Bevölkerungsdichte und die Nähe zu Tieren sind Risikofaktoren: Marktplatz im nordindischen Allahabad. Foto: Sanjay Kanojia (AFP)

Eine hohe Bevölkerungsdichte und die Nähe zu Tieren sind Risikofaktoren: Marktplatz im nordindischen Allahabad. Foto: Sanjay Kanojia (AFP)

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Sobald kühles Wetter aufs Gemüt drückt, zieht es viele nach Südasien – auf Inseln im Indischen Ozean, an Thailands Küsten oder nach Afrika und Lateinamerika. Nach der Rückkehr allerdings sind die Ferienerinnerungen womöglich getrübt durch Einzeller, von denen sich Ferienmachende im Krankheitsfall nicht so schnell erholen. Es handelt sich um multiresistente Keime, gegen die fast keine Antibiotika mehr etwas ausrichten können.

So kommen aus Indien heute bereits bis zu 90 Prozent der Reisenden mit multiresistenten Darmbakterien nach Hause, wie jüngst eine Metastudie aus Frankreich ergab. Der auf Infektionskrankheiten spezialisierte Berner Arzt Andreas Kronenberg stimmt dem Befund insofern zu, als er sagt: «Unser jüngster Fall betraf eine Frau, die nach einem Indienaufenthalt wegen einer Blasenentzündung unsere Praxis aufsuchte.» Verursacht von multiresistenten Darmbakterien, die offensichtlich vom Darmausgang in die Blase gelangten. Sie hatte Glück, da gegen Blasenentzündungen noch mehrere Antibiotika wirken, wie Kronenberg sagt.

Kombinationstherapie hilft

Massgebend war zudem die sofortige effiziente Behandlung. Denn Blasenentzündungen sind in solchen Fällen keine Bagatellen. Von der Blase können die Keime auch ins Nierenbecken vorstossen, von dort in die Blutbahn gelangen und eine lebensgefährliche Blutvergiftung auslösen. Dies erlebte unlängst ein 70-Jähriger, der nach einem Unfall aus einem ausländischen Spital mit einem Oberschenkelhalsbruch ins Berner Inselspitalgeflogen wurde. Vier Tage nach der Operation entwickelte er eine Blasen- und Nierenbeckenentzündung, verursacht durch Darmbakterien, die sogar resistent gegen Carbapeneme waren. Das sind Reserveantibiotika für den Fall, dass andere Antibiotika nicht mehr wirken.

Vorausschauend hielten die Ärzte eine Kombinationstherapie mit einem älteren und einem neueren Antibiotikum bereit, welche den Keim innert zwei Wochen abtötete. So erläutert Hansjakob Furrer, Chefarzt der Infektiologie des Inselspitals: «Alle eintretenden Patienten werden heute automatisch auf resistente Keime abgestrichen, falls sie während der letzten sechs Monate ausserhalb der Schweiz ein Spital oder eine andere Gesundheitseinrichtung aufsuchen mussten.» Seit 2011 erfolgen diese Abstriche nach Keimen im Stuhl, an der Haut und den Schleimhäuten.

Dieses automatische Screening nach resistenten Keimen ist auch im Universitätsspital Zürich Standard. Barbara Hasse, leitende Ärztin der Infektiologie, bestätigt, dass die meisten Ansteckungen aus den asiatischen Ländern stammen. Mit Indien an prominenter Stelle, seien doch NDM-1-Carbapenemasen 2008 in Delhi erstmals entdeckt worden. Das sind Enzyme, die Bakterien gegen neuere Antibiotika resistent machen, darunter eben auch die Carbapeneme-Reserveantibiotika. Wird man in Ländern mit hohem Antibiotikaresistenz-Risiko in ein Spital eingeliefert, läuft man schnell Gefahr, sich mit solchen Keimen anzustecken.

Schwere Infektion

Die Gefahr besteht nicht nur in Asien. «Es kann durchaus Patienten betreffen, die etwa in Europa nach einem Autounfall hospitalisiert werden mussten», sagt Andrea Endimiani, leitender Forscher am Institut für Infektionskrankheiten der Universität Bern. Dies passierte vor kurzem einem 63-jährigen Aargauer, der in Brüssel bei einem Unfall einen Waden- und Schienbeinbruch erlitt. Vor dem Rückflug in die Schweiz fixierte man ihm in einem Quartierspital das Wadenbein mittels Schiene, das Schienbein mit einer äusseren Fixation. Im Kantonsspital Aarau wurde ihm auch das Schienbein mit einer Platte fixiert, offenbar ohne vorgängigen Abstrich nach resistenten Keimen. Zwei Monate danach wurde er mit offener Wunde erneut hospitalisiert. Zwischen Platte und Knochen hatten resistente Darmbakterien und Spitalkeime eine schwere Infektion ausgelöst. Nach einer Antibiotikabehandlung erhielt er erneut eine Platte, doch der bakteriell verseuchte Knochen hielt der Belastung nicht stand. 20 Monate nach dem Unfall musste er Anfang 2018 erneut an beiden Knochen operiert werden.

«Implantate sind immer sehr schwierig zu behandeln, da sie nicht durchblutet sind und damit weder Antibiotika noch natürliche Abwehrzellen an den Ort der Infektion gelangen können», begründet Kronenberg das hohe Komplikationsrisiko. Zahlen von Patienten, die an der Infektion mit multiresistenten Keimen in der Schweiz sterben, existieren nicht. Kronenberg, der am Institut für Infektionskrankheiten das Überwachungszentrum für Antibiotikaresistenzen Anresis aufbaute, geht von wenigen 100 Todesfällen pro Jahr aus. Beunruhigend sei die exponentiell ansteigende Ansteckungsrate: «Früher war die Antibiotikaresistenz vorab ein Problem älterer, schwer kranker Patienten, heute behandeln wir auch junge, ansonsten gesunde Personen wegen Infekten mit multiresistenten Keimen.»

Keine neuen Antibiotika

Andrea Endimiani nennt folgende Gründe für den rasanten Anstieg: erstens die explosive Vermehrung in idealer Umgebung. Ein Bakterium verdoppelt sich so alle 20 Minuten. Aus 18 Bakterien werden in einem halben Tag 262 144. Zweitens der hohe, unkontrollierte und unsachgemässe Verbrauch von Antibiotika beim Menschen und in der Landwirtschaft. Drittens in Schwellenländern die hohe Bevölkerungsdichte in naher Gemeinschaft mit Tieren.

Neue Antibiotika, die dringend nötig wären, entwickeln Pharmafirmen nicht, weil sie damit bei einer Kur von zwei Wochen viel weniger verdienen als etwa mit einem Bluthochdrucksenkungsmittel, von dem ein Patient nicht selten jahrzehntelang Tabletten schlucken muss.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 03.12.2018, 17:08 Uhr

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Wo gefährliche Keime lauernTipps & Infos

Gegen Ansteckung mit resistenten Keimen auf Reisen im Ausland hilft ein gesundesImmunsystem, insbesondere eine gesunde Darmflora.

Ein besonderes Risiko besteht während einer Antibiotikakur. Gefährdet sind auch Diabetiker.

Dichtestress und unhygienischen Kontakten soll man nach Möglichkeit aus dem Weg gehen. Ein Beispiel: Vor dem Flug nicht in der gedrängten Kolonne stehen, lieber etwas Abstand halten und als Letzter einsteigen.

Vorsichtiges Reiseverhalten ohne Verwicklung in Unfälle, die einen Spitaleintritt, womöglich noch mit Antibiotikabehandlung, nötig machen.

Fürs Essen gilt: Kochen, sieden, schälen oder vergessen.

Bei einem Spitaleintritt zu Hause soll man die Ausland­aufenthalte des letzten halben Jahres unbedingt melden, damit zum Eigenschutz und zum Schutz der anderen ein Abstrich nach resistenten Keimen durchgeführt werden kann.

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