«Ein Spezialist sagte, ich würde unter Wahnvorstellungen leiden»

Nenad Kovacic wurde vom fitten Mann zum erschöpften Wrack – doch die Ärzte nahmen ihn nicht ernst. Dahinter steckt das Chronic Fatigue Syndrom.

«Schliesslich bin ich ja noch da, oder?»: Der vom Chronischen Erschöpfungssyndrom betroffene Grafiker Nenad Kovacic (44). Foto: Urs Jaudas

«Schliesslich bin ich ja noch da, oder?»: Der vom Chronischen Erschöpfungssyndrom betroffene Grafiker Nenad Kovacic (44). Foto: Urs Jaudas

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Nenad Kovacic hatte ein gutes Leben. Und vor allem ein sehr aktives. Bereits mit 24 gründete der heute 44-jährige Schweizer mit kroatischen Wurzeln in Zürich mit Kollegen die Designagentur Raffinerie AG. Ihre kreativen Arbeiten wurden in den darauf folgenden Jahren vielfach ausgezeichnet.

Auch privat wusste Nenad das Leben zu geniessen. Seine Frau Isabelle – das Paar heiratete 2014 – wird mir später erzählen, dass Nenad, als sich die beiden kennen gelernt hätten, immer in Bewegung gewesen sei und dass sie auch als Paar sehr aktiv gewesen seien. Ob Reisen, Ausgehen oder das von beiden so geliebte Tanzen, alles sei ihr aus heutiger Sicht «unbeschwert und leicht» vorgekommen. Und nichts habe darauf hingedeutet, dass ihr damals so umtriebiger Freund in wenigen Jahren durch eine Krankheit schwer gezeichnet sein würde.

Als ich Nenad später auf die durchtanzten Nächte anspreche, erhellt sich seine Miene. Das Tanzen, die Musik, das Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit – all dies vermisse er schon. Sein Leben teilt er heute klar in zwei Hälften: vor und nach dem Ausbruch der Krankheit im Jahr 2008. Vorher hätten er und Isabelle viele Pläne und Wünsche gehabt. Dazu gehörte auch die Gründung einer Familie. Danach? Das könne er nicht in Kürze zusammenfassen, auch weil die Schmerzen und die Verzweiflung oft so heftig gewesen seien, dass er Mühe gehabt habe, überhaupt etwas Schönes zu erwähnen. Inzwischen habe sich dies glücklicherweise geändert, denn: «Schliesslich bin ich ja noch da, oder?»

Das Treffen

Ich war etwas zu früh zu unserem Treffen erschienen. Und so konnte ich aus einem Fenster des Restaurants beobachten, wie der hochgewachsene, sehr schlanke Nenad näher kam. Nichts deutete darauf hin, dass er krank oder sogar leidend war. Vielleicht war sein Gang etwas zu langsam und bewusst, aber das war mir sicher nur aufgefallen, weil ich wusste, dass Nenad oft unter Gliederschmerzen und Schwindel litt.

Vielleicht muss ich an dieser Stelle erwähnen, dass ich Nenad schon seit einigen Jahren kenne. Lange Zeit wusste ich nichts von seiner Erkrankung. Wenn wir uns hin und wieder privat trafen, war diese auch kein Thema. Mir fiel einfach auf, dass diese Treffen selten spontan waren, sondern geplant werden mussten, da Nenad gesundheitlich angeschlagen und oft müde war.

«Ich habe ein bestimmtes Energiepotenzial zur Verfügung, das sich allerdings jederzeit verändern kann.»Nenad Kovacic

Als unsere Beziehung zu einer lockeren Freundschaft wurde, fasste ich den Mut, Nenad nach dem Grund für seine Angeschlagenheit zu fragen. Und so begann er zu erzählen – abgeklärt, als würde er von sich in der dritten Person sprechen. Emotionaler wurde er nur, wenn er seinen langjährigen, zermürbenden Kampf für eine offizielle Anerkennung seiner Krankheit durch Ärzte und Versicherungen schilderte. Ein Kampf, den er bis heute (noch) nicht gewinnen konnte. Diese offensichtliche Ungerechtigkeit war sicher auch ein Grund, dass Nenad beschlossen hat, mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen. Denn sein Schicksal ist nicht einzigartig, sondern wiederholt sich in unzähligen anderen Geschichten von betroffenen Menschen.

Die Krankheit

Die Myalgische Enzephalomyelopathie (ME/CFS), in der Umgangssprache auch Chronic Fatigue Syndrom genannt, ist eine chronische neuroimmunologische Erkrankung mit gravierenden Auswirkungen auf den Körper. Nach Schätzungen leiden rund 17 Millionen Menschen weltweit an dieser Krankheit, in der Schweiz rechnet man bis zu 34'000 Betroffenen. 70 Prozent der Erkrankten sind Frauen, rund 40 Prozent der Betroffenen werden arbeitsunfähig, 25 Prozent sind bettlägerig und auf fremde Hilfe angewiesen.

Neue Studien gehen davon aus, dass ME/CFS meistens durch (chronische) Infekte, körperliche Traumata oder schwere Belastungen ausgelöst wird. Auch das Epstein-Barr-Virus oder eine Borreliose-Erkrankung werden als mögliche Verursacher genannt. Viele der Erkrankten leiden unter schwersten chronischen Müdigkeits- und Erschöpfungszuständen, die es ihnen zunehmend schwermachen, den normalen Alltag zu meistern. Diese Beschwerden sind mit der normalen Müdigkeit, wie wir sie nach einem anstrengenden Tag spüren, nicht vergleichbar. Während uns ein tiefer Schlaf erquicken kann, bringt dieser ME/CFS-Kranken fast keine Erholung.

«Ich habe ein bestimmtes Energiepotenzial zur Verfügung, das sich allerdings jederzeit verändern kann», schildert Nenad seine Situation. «Wenn Isabelle und ich etwas Besonderes vorhaben, zum Beispiel wenn wir bei Freunden zum Nachtessen eingeladen sind, versuche ich bereits im Vorfeld, Kräfte zu sparen, indem ich stundenlang liege, um den Abend durchzustehen.» Trotzdem könne es sein, dass er die Einladung im letzten Moment absagen müsse, weil seine Erschöpfung zu gross oder die Gliederschmerzen zu heftig seien. Auch für seine Frau sind solch schwierige Planungen manchmal belastend, wie sie mir später erzählen wird. «Oft vermisse ich unsere frühere Spontaneität, als wir einfach raus in die Natur zum Wandern und Schwimmen gegangen sind.»

Gibt einen eindrücklichen Einblick in die Welt von ME/CFS-Kranken: Der amerikanische Dokumentarfilm «Unrest» (auf Netflix). Video: Youtube

Obwohl sie von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) offiziell anerkannt wurde, weigern sich die meisten Ärzte, ME/CFS als Krankheit anzuerkennen. Begründet wird dies unter anderem damit, dass es bis jetzt keine klinischen Daten wie Blutuntersuchungen gibt, mit denen man die Erkrankung beweisen könnte. Darum haben Erkrankte meistens auch keinen Anspruch auf Leistungen der IV.

Doch in letzter Zeit zeigt sich ein kleiner Hoffnungsschimmer: Es ist inzwischen möglich, einzelne körperliche Veränderungen zu messen. So wurde bei Patienten mit ME/CFS ein paradox herabgesetzter Sauerstoffgebrauch unter körperlicher Belastung gemessen sowie eine verminderte Durchblutung des Gehirns. Zudem lassen sich eine Reihe von Auffälligkeiten des Immunsystems erkennen. Diese Befunde unterscheiden sich klar von Patienten mit Burn-out, Depressionen oder anderen psychischen Erkrankungen. Natürlich entwickeln auch einige Menschen, die unter ME/CFS leiden, psychische Störungen. Diese sind aber eher eine Folge und nicht die Ursache der Erkrankung.

Der Wendepunkt

Was genau den ersten Schub seiner Erkrankung im Februar 2008 ausgelöst hat, kann Nenad rückblickend nicht mit Sicherheit sagen. Aber es gebe durchaus einige Indizien. Die Arbeit habe ihm zwar Spass gemacht, sei aber auch mit viel Verantwortung verbunden gewesen. Er habe sich gestresst gefühlt und «kränkelte» immer öfter. Vor allem Halsinfektionen hätten sich in dieser Zeit gehäuft. Auf einer Ferienreise nach Mauritius habe er gemerkt, dass sein Immunsystem schwerwiegend angeschlagen war. Zweimal erlitt er einen Kreislaufkollaps, den er zum damaligen Zeitpunkt aber auf das schwülheisse Klima zurückführte.

Die grippeartigen Beschwerden, verbunden mit Gliederschmerzen und konstanter Abgeschlagenheit, besserten sich nach der Rückkehr in die Schweiz nicht. Mehrere Konsultationen beim Hausarzt und danach bei verschiedenen Spezialisten brachten keine Erklärung. Die Beschwerden kamen jetzt schubweise. Zudem stellten sich Lähmungen ein, die neurologisch abgeklärt wurden – ohne Resultat.

«Die Ängste, was mit meiner beruflichen und privaten Zukunft passieren würde, erdrückten mich fast.»Nenad Kovacic

«Ich bekam immer wieder zu hören, ich sei gesund. Aber tief in meinem Inneren wusste ich: Irgendetwas stimmte nicht mit mir. Es konnte doch nicht sein, dass ich mich innert weniger Wochen von einem fitten, jungen Mann zu einem von Schmerzen gebeutelten, erschöpften Wrack entwickelt hatte. Und dass man keinen Grund dafür fand. Man nannte mich einen Simulanten oder einen Hypochonder. Letzthin sagte mir ein Spezialist sogar, ich würde unter Wahnvorstellungen leiden. Solche Aussagen sind wie Ohrfeigen für mich. Vor dem Ausbruch meiner Erkrankung führte ich ein Leben, das ich sehr mochte. Ich hatte eine erfolgreiche Firma und konnte meiner Leidenschaft, kreativ tätig zu sein, nachgehen. Ich hatte eine Freundin, Isabelle, mit der ich das Leben genoss und Pläne schmiedete. Warum sollte ich mich in eine ‹eingebildete› Krankheit stürzen, die mich nicht nur körperlich in die Knie zwang, sondern auch immer grössere Existenzängste auslöste?»

Die Monate vergingen und Nenads Zustand wurde nicht besser. Im Gegenteil. Und der anfängliche Optimismus des Paares, alles gemeinsam zu meistern, stagnierte immer wieder. Aufgeben war aber nie eine Option – auch wenn gemeinsame Zukunftspläne und die Gründung einer Familie mittlerweile in weite Ferne gerückt waren. Vor allem auch für Isabelle war es schwer, sich von ihrem Kinderwunsch zu verabschieden. Doch sie betont immer wieder, wie sehr sie ihren Mann für seinen Willen, wieder gesund zu werden, bewundert.

Die Odyssee

Natürlich hatte sich Nenad in den Jahren seiner Erkrankung nicht nur auf die klassische Medizin verlassen. Nach seinen negativen Erfahrungen mit Ärzten betrat er jahrelang keine Praxis mehr, sondern begann, selber aufwendige Recherchen zu betreiben. Schon bald war er überzeugt, dass ME/CFS die Ursache seiner vielfältigen Beschwerden sein musste. Die Beschreibung der Krankheit passte genau zu seinen Symptomen. So suchte er stetig nach neuen Erkenntnissen und medizinischen Studien sowie nach erfolgversprechenden Behandlungsmöglichkeiten.

«Ich versuche, das Beste aus jedem Tag zu machen»: Nenad Kovacic in seiner Wohnung. Foto: Urs Jaudas

«Obwohl ich beinahe jede alternativmedizinische Behandlung ausprobiert hatte, von Akupunktur über Kinesiologie, Shiatsu, Homöopathie, Bioresonanz, verschiedene Ernährungsumstellungen bis zu Diäten, Fastenkuren und hoch dosierten Nahrungsergänzungsmitteln, verbesserte sich mein Zustand nicht wirklich. Die Ängste, was mit meiner beruflichen und privaten Zukunft passieren würde, wenn ich es nicht schaffte, wieder gesund zu werden, erdrückten mich fast. Und sie führten dazu, dass ich noch schlechter schlief und mich in einem andauernden Erschöpfungszustand befand, der mich lähmte.»

In dieser Zeit sei ihm auch bewusst geworden, warum sich viele Menschen, die schwer unter ME/CFS litten, das Leben nähmen. Weil es für sie einfach nicht mehr erträglich ist. Doch war das je ein Thema für ihn selbst? Nenad schüttelt den Kopf. «Nein, das war für mich keine Option, denn ich wollte ja wieder gesund werden.» Selbst in den schwierigsten Phasen seiner Erkrankung habe er «den Lebensmut nie ganz verloren».

Die Therapieversuche

Ein Rat, den Nenad immer wieder hörte, war: «Beweg dich, treibe Sport!» Und zwar nicht in Form eines erholsamen Spazierganges, sondern mit einem straffen Trainingsprogramm, das ihn körperlich fordern sollte. Denn: Es gilt heute als erwiesen, dass sich regelmässige Bewegung bei Ängsten und Depressionen positiv auswirkt. Dies unter anderem durch die hormonelle Ausschüttung, die während der Aktivität passiert und so die Stimmung von Erkrankten verbessert. Doch Nenad erlebte genau das Gegenteil. Je mehr er sich sportlich betätigte, desto heftiger litt er danach unter den Krankheitssymptomen. Es hat allerdings eine Zeit gebraucht, bis er zugeben konnte, dass es ihm nach intensiver körperlicher Betätigung oft so schlecht ging, dass er am Tag danach unfähig war aufzustehen. Geschweige denn, um Hausarbeit zu verrichten. Erst später habe er erfahren, dass eine körperliche Überforderung bei ME/CFS Gift sei.

Besonders einschneidend war für Nenad in dieser Beziehung ein Kuraufenthalt in einer Höhenklinik. Hier sollte er sich zusammen mit Herzkranken und Burn-out-Patienten erholen. Natürlich wurde dem «jungen und körperlich gesunden Mann» – so die damalige ärztliche Diagnose – ein leichtes Bewegungsprogramm verschrieben: Rauf auf den Ergometer und danach raus in die Natur! «Zu Beginn meines Aufenthaltes war ich krank», erinnert sich Nenad. «Aber mit jedem Tag, an dem ich das verordnete Trainingsprogramm durchführte, ging es mir noch schlechter.» Kurz danach, an seinem 40. Geburtstag, hatte er einen Tiefpunkt erreicht: «Ich ‹feierte› das neue Lebensjahrzehnt mit starken Schmerzen, Schüttelfrost und Erbrechen.» Sieben Jahre waren zu diesem Zeitpunkt seit dem Ausbruch der Krankheit vergangen, sieben Jahre, in denen Nenad keinen Schritt weitergekommen war. Und in denen er unglaublich viel Kraft und Energie verloren hatte. Die Hoffnung auf ein «normales» Leben war in weite Ferne gerückt.

Der Alltag

Es dauerte zwei weitere Jahre, ohne dass sich sein Zustand nachhaltig verbessert hätte. Vor anderthalb Jahren war es Nenad trotz der Aufbietung all seiner Kräfte nicht mehr möglich, das bereits stark reduzierte berufliche Pensum zu schaffen. Nach langem Abwägen verkaufte er seine Anteile an der Raffinerie AG an seine Geschäftspartner. «So schwer mir dieser Schritt gefallen war, ich musste ihn tun. Ganz einfach, weil ich die Anforderungen, die meine Tätigkeit verlangte, nicht mehr erfüllen konnte. Ich wäre sonst zugrunde gegangen.»

«Kein Tag ist bezüglich Erschöpfung und Schmerzen wie der andere.»Nenad Kovacic

Obwohl es für Nenad auch heute noch immer keinen Tag ohne Schmerzen und Erschöpfung gibt, hat sich sein Blick auf das Leben verändert. Er habe gelernt, auch die kleinen Dinge des Alltags zu schätzen: «Ein Tag ohne starke Schmerzen, ein gutes Gespräch mit Freunden, ein Spaziergang oder hin und wieder eine Reise ans Meer.» Und obwohl er nicht im klassischen Sinne religiös sei, habe er sich im Laufe der letzten Jahre mit spirituellen Fragen und verschiedenen Glaubensrichtungen auseinandergesetzt. Was er dabei gelernt hat? «Ich versuche, das Beste aus jedem Tag zu machen.» Diese Antwort hört man immer wieder, wenn Menschen schwere Schicksalsschläge, einen lebensbedrohenden Unfall oder eine schwere Krankheit überlebt haben. Für viele scheint dies ein Weckruf zu sein, das Leben nicht mehr als selbstverständlich, sondern als Geschenk zu schätzen. Offenbar braucht es diese Erfahrung, um sich der eigenen Vergänglichkeit bewusst zu werden.

Das Engagement

Seit dem Schlussstrich unter die unternehmerische Tätigkeit setze er sich selber weniger unter Druck, lebe mehr aus dem Bauch heraus als vom Kopf her, sagt Nenad. Sein Körper brauche immer noch sehr lange Ruhephasen, und er könne immer noch nicht längerfristig planen, «denn kein Tag ist bezüglich Erschöpfung und Schmerzen wie der andere». Da ihn die Krankheit licht- und geräuschempfindlich gemacht habe, liege er am Nachmittag oft stundenlang allein im abgedunkelten Schlafzimmer. Kopfhörer und eine Schlafbrille sollen helfen, ihn von der Aussenwelt abzuschirmen.

An Tagen, an denen er leichter aus dem Bett kommt, widmet sich Nenad unter anderem dem Kampf um die Anerkennung seiner Krankheit. Nicht nur die Invalidenversicherung (IV), auch seine Rechtsschutzversicherung sei nicht bereit gewesen, ihn zu unterstützen. Für Letztere ist er ein «hoffnungsloser Fall», wie ihm im letzten Jahr in einem kurzen Gespräch telefonisch zweimal mitgeteilt wurde. Dafür sei man ihm beim RAV «mit Verständnis» entgegengekommen. Dies führt Nenad auch darauf zurück, dass er sich, im Rahmen seiner Möglichkeiten, immer arbeitswillig gezeigt habe.

Um seine «nicht existente Krankheit» sichtbar zu machen, engagiert sich Nenad Kovacic für die Aufklärung und die Rechte von ME/CFS-Erkrankten. Natürlich ist ihm bewusst, dass sein «Outing» ein Tropfen auf den heissen Stein ist. Aber wenn es gelinge, die Menschen für ME/CFS zu sensibilisieren, sei schon «ein wichtiger Schritt» getan.

Wie nötig das ist, zeigte sich auch bei der Recherche für diese Geschichte. Als ich während des Schreibens in meinem Umfeld nachfragte, wer jemals etwas von einer Krankheit namens Chronic Fatigue Syndrom gehört habe, wusste niemand nur im Entferntesten Bescheid. Natürlich wurde die Verbindung zu übermässiger Müdigkeit gemacht. Aber ist dieser Zustand denn eine Krankheit? Praktisch jeder von uns kennt ja länger andauernde Ermüdungs- und Erschöpfungszustände. Erst als ich zu schildern versuchte, wie sich diese Krankheit anfühlen müsse, nämlich wie eine nie endende, schwere Grippe oder wie ein konstanter, übler Kater, wuchs das Interesse bei den Befragten.

Menschen, die unter ähnlichen Symptomen leiden, wie sie bei ME/CFS beschrieben werden, rät Nenad, rechtzeitig Hilfe zu holen und nicht aus Scham zu schweigen, auch wenn sie vielleicht schon einmal gehört hätten, die Krankheitssymptome seien «psychisch» bedingt. Selbst wenn viele Ärzte die Krankheit noch nicht ernst nehmen, ist bei gewissen ganzheitlich arbeitenden Medizinern und Therapeuten die Sensibilität bezüglich des Syndroms gewachsen. Eine weitere Möglichkeit, sich zu informieren, ist der Verein ME/CFS Schweiz. Er ist nicht nur eine Anlaufstelle für Betroffene, sondern fordert auch eine Förderung des öffentlichen Bewusstseins, politische und soziale Massnahmen sowie die Einrichtung eines schweizerischen Kompetenzzentrums für ME/CFS.

Das Gespräch mit Nenad geht dem Ende entgegen. Zu Hause wird er sich ausruhen müssen. Gesellschaft leistet ihm dabei neuerdings Milo, sein kleiner Vierbeiner. Einen eigenen Hund zu haben, war ein grosser Wunsch des Paares, den es sich unlängst erfüllt hat. Und weil dies in ihrer Wohnung nicht möglich war, sind Isabelle und Nenad in einen anderen Stadtkreis gezogen. Dass das neue Zuhause im zweiten Stock liegt und keinen Lift hat, sieht Nenad «als Herausforderung». Obwohl sich sein Alltag und sein Leben von Grund auf geändert haben, zählt sich Nenad zu den «Glücklichen», die es jeden Tag schaffen, «selbstbestimmt und unabhängig» zu leben. Sein grösster Wunsch ist in all den Jahren der Krankheit der Gleiche geblieben: gesund zu werden.


Da es bis jetzt keine international geltenden Diagnosekriterien für ME/CFS gibt, wurden auch keine spezifischen Medikamente gegen die Krankheit entwickelt. Das Chronic Fatigue Syndrom ist bis heute für die Pharmaindustrie nicht interessant. Dies zeigt sich auch in den USA bei der bisherigen Verteilung von Forschungsgeldern. Während für die Forschung im Bereich von Nahrungsunverträglichkeiten laut dem National Institute of Health immerhin noch 36,4 Dollar pro Person investiert werden, sind es bei ME/CFS gerade mal 5,6 Dollar pro Person und Jahr. Doch es gibt auch Licht am Horizont. In den USA arbeitet eine Forschungsgruppe unter Leitung des Biochemie-Professors Ron Davies und dreier Nobelpreisträger daran, Milliarden von Daten zu sammeln, um ME/CFS zu entschlüsseln.

Erstellt: 22.08.2019, 07:21 Uhr

Die Symptome für ME/CFS


  • Verlust der Aktivität: Selbst um gewohnte Aufgaben zu verrichten, braucht es eine überdurchschnittliche Willenskraft – es fehlt schlicht die Energie.

  • Postexertionelle Malaise: Verzögert auftretende und lang anhaltende Verschlechterung der Symptome nach früher unproblematischen Aktivitäten. Typisch ist etwa, dass man an einem Tag gerade noch knapp arbeiten könnte, den nächsten Tag aber mit grippe- oder vergiftungsähnlichen Symptomen im Bett verbringen muss.

  • Unerholsamer Schlaf: Schmerzen, Erschöpfung oder Müdigkeit werden, wenn überhaupt, nur kurz gemildert.

  • Orthostatische Intoleranz: Die Durchblutung lässt einen im Stich. Im Stehen, Gehen oder bei Aktivität kommt es rasch zu Entkräftung, Schwindel oder zum überwältigenden Bedürfnis, sich hinzulegen.

  • Kognitive Einbussen: Diese äussern sich in oft beschriebenen «Hirnvernebelungen», vermehrter Reizbarkeit und einem verlangsamten Gedankengang. Das Orientierungs- und Erinnerungsvermögen lässt nach.

  • Zahlreiche weitere Beschwerden: Die Betroffenen bezeichnen ihren Zustand oft als «Dauergrippe», «Dauerkater» oder «Dauervergiftung». Sie klagen sehr oft vor allem über Muskelschwächen, chronische Schmerzen, Verdauungsprobleme, Schüttelfrost und Stimmungsschwankungen.

Weitere Informationen


  • ME/CFS Schweiz, Hotline +41 78 616 96 80 (tagsüber), www.mecfs.ch, info@mecfs.ch.

  • Die internationale Bewegung «Millions Missing» dient als Netzwerk für Betroffene und Angehörige und organisiert weltweit Protestaktionen. An der Bahnhofstrasse in Zürich fand diesen Mai das erste Mal eine «Millions Missing»-Aktion statt, um auf die Erkrankten aufmerksam zu machen.

  • Der amerikanische Dokumentarfilm «Unrest» (auf Netflix) gibt einen eindrücklichen Einblick in die Welt von ME/CFS-Kranken. Gedreht wurde er von zwei ehemaligen Harvard-Absolventen, dem Ehepaar Jennifer Brea und Omar Wasow. Schonungslos wird der Verlauf der Krankheit, welche die junge, gesunde Wissenschaftlerin zu einer schwerkranken Frau machte, gezeigt. Dabei kommuniziert sie weltweit über FaceApp mit anderen Betroffenen und deren Angehörigen und erzählt deren Schicksal in ungeschönten Bildern.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blogs

History Reloaded Die erste Frau im britischen Parlament

Mamablog Wem nützen Hausaufgaben eigentlich?

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

In allen Farben: Die Saint Mary's Kathedrale in Sydney erstrahlt in ihrem Weihnachtskleid. (9. Dezember 2019)
(Bild: Steven Saphore) Mehr...