Ein gefährlicher Satz

Zum Schutz vor Vergewaltigung rät ein Polizeipräsident: «Macht euch nicht wehrlos mit Alkohol oder Drogen». Das verkennt und verharmlost die Realität.

Der Freiburger Polizeipräsident Bernhard Rotzinger spricht während einer Pressekonferenz zu Journalisten.

Der Freiburger Polizeipräsident Bernhard Rotzinger spricht während einer Pressekonferenz zu Journalisten. Bild: Keystone

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Man muss es direkt nebeneinanderstellen, damit die ganze frustrierende Absurdität dieser Aussage sichtbar wird. In Freiburg (D) wird eine 18-jährige Studentin nach einer Nacht im Grossraumclub mutmasslich von acht Männern vergewaltigt. Und in einem Interview mit dem «Spiegel» gibt Bernhard Rotzinger, Polizeipräsident der Stadt, den Ratschlag: «Macht euch nicht wehrlos mit Alkohol oder Drogen.»

Dieser Satz ist Ausdruck eines gesellschaftlichen Reflexes. Es gibt ihn in diesem Land und eigentlich fast überall auf der Welt immer dann, wenn es um Fälle sexualisierter Gewalt und Vergewaltigungen geht. Dieser Reflex stellt immer zuerst dieselbe Frage: War das Opfer nicht vielleicht auch ein bisschen selbst schuld? Mit seinem leichtsinnigen Verhalten, seiner provokanten Kleidung? Dieser Reflex nennt sich victim blaming. Und er trifft in den allermeisten Fällen Frauen.

«Macht euch nicht wehrlos mit Alkohol oder Drogen.» Der Polizeipräsident von Freiburg im Breisgau will Sicherheit schaffen und Gewaltverbrechen verhindern, indem er zum Verzicht aufruft. Zwar spricht er Frauen nicht direkt an, aber der Kontext, in dem seine Aussage steht, macht klar, wer dieses «euch» ist. Das 18-jährige Opfer im Freiburger Fall hat Alkohol getrunken und offenbar auch andere Drogen konsumiert. Ob ihr diese von einem der mutmasslichen Täter gegeben wurden, ist noch unklar.

Der erste Reflex: Verhaltensregeln für die Frau

Es ist problematisch und frustrierend, wenn Argumentationen wie diese wieder und wieder in alltäglichen Diskussionen auftauchen. Es ist traurig, wenn Frauen selbst dieses Narrativ so sehr verinnerlicht haben, dass sie ihr eigenes Verhalten im Falle eines Übergriffs hinterfragen. Wenn aber ein Polizeipräsident einer grossen deutschen Stadt diese Argumentation bedient, dann ist es gefährlich.

Gefährlich, weil dieser anmassende Satz zeigt, wie wenig er das Problem in seiner gesamtgesellschaftlichen Tragweite begriffen hat. Frauen werden nicht vergewaltigt, weil sie sich selbst mit Alkohol oder Drogen wehrlos gemacht haben. Frauen werden vergewaltigt, weil Männer sie vergewaltigen.

Was in Freiburg passiert ist, ist schrecklich. Solche Taten aber lassen sich nicht durch die wohlfeilen Worte eines Polizeipräsidenten verhindern. Im Gegenteil: Sie verschlimmern die Situation, weil sie die Verantwortung auf die Frau abwälzen: Sie muss die Kontrolle bewahren, über sich und die Situation. Nur dann kann sie sich vor dem Mann schützen, der als unkontrolliertes und unkontrollierbares Wesen jederzeit über sie herfallen kann.

Es ist ungeheuerlich, dass auch im Jahr 2018 weiterhin unreflektiert auf solche patriarchalen Unterdrückungsargumentationen zurückgegriffen wird. Denn der erste Reflex bei sexualisierter Gewalt, das zeigt der Satz von Polizeipräsident Rotzinger deutlich, sind noch immer Verhaltensregeln für die Frau.

Es gibt kein Anrecht, wehrlose Menschen zu benutzen

Anders als Jungen werden Mädchen zu ständiger Vorsicht erzogen. Nichts herausfordern. Nie die Kontrolle verlieren. Keine Angriffspunkte bieten. Das führt zu einer konstanten Reflektion des eigenen Verhaltens: Kann ich dieses Outfit tragen oder ist es zu knapp? Kann ich diesen dunklen Weg entlanggehen? Die Sozialisation in Geschlechterrollen lädt die Hauptsorge um gewalttätige Übergriffe auf den Frauen ab.

Ein Satz wie «Macht euch nicht wehrlos mit Alkohol oder Drogen» verstärkt dieses Ungleichgewicht, denn er entlässt Männer aus der Verantwortung. Er verschiebt den Fokus vom Täter auf das Opfer.

Denn natürlich gibt es auch für Frauen ein Recht auf Kontrollverlust, Rausch und Exzess. Was es nicht gibt, ist ein Anrecht darauf, wehrlose Menschen zu benutzen. Die Würde eines Menschen, sie wird nicht antastbar, weil der Mensch betrunken ist. Sie wird antastbar, weil ein anderer sie antastet.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 03.11.2018, 18:09 Uhr

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