«Ein neuer Papst, aber keine neue Kirche»

Kardinal Kurt Koch über Papst Franziskus, volle Beichtstühle und eine Kirche, die nicht nur um sich selbst kreisen soll.

«Die Wirtschaft muss im Dienst der Menschen stehen»: Kardinal Kurt Koch.

«Die Wirtschaft muss im Dienst der Menschen stehen»: Kardinal Kurt Koch. Bild: Keystone

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Kardinal Koch, mit Blick auf Ostern: Befindet sich die Kirche selber näher beim Tod oder bei der Aufer­stehung?
Kardinal Kurt Koch: In der Mitte. Die Kirche hat natürlich immer auch mit dem Tod zu tun, aber sie geht auf die Auferstehung zu. Insofern ist der Karsamstag die zentrale Situation, in der sich die Kirche befindet, und ­dieser Tag ist ein hoffnungsvolles ­Zeichen. Alles, was am Karfreitag ­geschieht, ist voller Lärm. Es wird ­geschlagen und genagelt. Die Osternacht ist dagegen still. Das neue ­Leben entsteht unbemerkt von der Öffentlichkeit. Aber an Ostern ist es da.

An welchem Punkt befindet sich die ­Kirche unter Papst Franziskus?
Auch in einer Zeit des Übergangs. Der Papst will die Kirche neu beleben.

Wie macht sich der Aufbruch bemerkbar? Wandelt sich die katholische Kirche?
Wir haben einen neuen Papst, aber keine neue Kirche. Die Botschaft ist dieselbe, verändert hat sich vor allem der Stil, wie Franziskus das Papsttum ausübt. Die Menschen fühlen sich ­angesprochen, weil der Papst auf sie zugeht und ihnen zuhört. Dazu gehört auch, dass Papst Franziskus viele Themen ansprechen kann, ohne dass es gegen ihn ausgelegt wird, ja, es wird sogar positiv aufgenommen. Nehmen Sie als Beispiel die Deutlichkeit, mit der er vom Teufel spricht. Hätte Papst Benedikt dasselbe gesagt, wäre das negativ aufgefasst worden.

Sie kritisieren das als ungerecht?
Es wird ganz stark ein Schwarz-Weiss-Bild zwischen dem jetzigen Papst und seinem Vorgänger gezeichnet. Dabei haben wir doch alle einen Farbfernseher.

Was verändert sich konkret durch Franziskus?
Im Mittelpunkt seiner Botschaft steht die Barmherzigkeit Gottes. Der Ort, wo sie erfahrbar ist, ist für Papst ­Franziskus vor allem die Beichte. Er selbst ging nach einem Bussgottesdienst zur persönlichen Beichte und er ermutigt dazu. Ich habe gehört, dass die Beichtstühle hier in Rom ­seither mehr frequentiert werden.

Das ist der Aspekt des Vorbilds. Was wird dieses Pontifikat grundsätzlich prägen?
Dieser Papst ist erst ein Jahr im Amt. Die Kirche steht mit Franziskus heute für viele Menschen wieder unter ­einem positiven Vorzeichen, zuvor war sie eher negativ geprägt. Es ist aber noch zu früh, die inhaltlichen Akzente im Detail zu beurteilen.

Sie leben im Kirchenstaat. Dort sind viele Reformschritte angestossen worden, sei es bei der Vatikanbank, sei es durch die Arbeit einer Kardinalskommission zur Erneuerung der Kurie. Was hat sich im letzten Jahr effektiv verändert?
Eine Kurienreform ist ein grosses ­Unternehmen. Diese Institution, die sehr alt und von Geschichte geprägt ist, völlig neu zu organisieren, das braucht viel Zeit. Von einer Umorganisation der Kurie ist noch nicht viel zu spüren. Das kann der Papst auch nicht alleine machen. Was sicher neu ist, ist ein neuer Umgang, den der Papst pflegt. Er lässt sich stark beraten und telefoniert, wenn er ein Anliegen hat.

Registrieren Sie Widerstände gegen die Reformbemühungen?
Ich spüre keine Widerstände gegen den Papst. Natürlich gibt es verschiedene Meinungen unter den Kardi­nä­len, aber es existiert kein Widerstandsnest gegen den Papst im Vatikan.

Verfällt, wer so denkt, in Schwarz-Weiss-Malerei?
Eher in eine gewisse Schizophrenie. Auf der einen Seite kritisiert man die Kirche als zu eintönig und monoton, aber wenn dann die Kardinäle verschieden argumentieren, wird dies als Alarmzeichen wahrgenommen.

Hat Papst Franziskus Sie selbst schon überrascht?
Die grösste Überraschung ist, dass sich mit ihm neue Türen in der Ökumene öffnen. Bisher war der Dialog mit den pentekostalischen Bewegungen (Pfingstbewegungen, A. d. R) nicht ganz leicht. Papst Franziskus hat hier einen ganz anderen Umgang und sucht persönlich das Gespräch auch mit diesen Bewegungen. Ich werde immer wieder gefragt, ob das kein Problem für mich ist. Das ist es nicht. Der eigentliche Ökumene-­Minister ist der Papst und ich bin nur sein Diener. Wenn er uns hilft, neue Wege in der Ökumene zu gehen, dann kann ich nur froh sein.

Vor wenigen Wochen sind Sie als ­Ökumene-Minister oder, wie es offiziell heisst, als Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen bestätigt worden. Was hat Ihnen Franziskus gesagt?
Über eine eventuelle Bestätigung ­haben wir nie gesprochen. Aber ich hatte auch keinen Zweifel, da der Papst in persönlichen Begegnungen auch von zukünftigen Projekten gesprochen hat. Die Bestätigung wurde mir offiziell vom Staatssekretariat mitgeteilt.

Wie erleben Sie Franziskus persönlich?
Er ist sehr zuvorkommend und sehr freundlich, schon wenn er anruft, um einen Termin für ein Gespräch zu vereinbaren. Dann holt er einen beim Lift im Gästehaus St. Marta, wo er lebt, ab, und wenn man geht, begleitet er einen wieder zum Lift und wartet, bis man nach unten verschwunden ist. Er lacht gern und man kann auch Spass mit ihm machen.

Was für Scherze macht der Papst?
Er hat einmal in der Begegnung mit neu ernannten Bischöfen gesagt, dass sie in ihren Diözesen bleiben und keine Bischöfe sein sollen, die sich viel auf dem Flughafen aufhalten, also keine Flughafen-Bischöfe. Als er mich wegen zwei Terminen angefragt hat, habe ich zu ihm gesagt, dass ich dann in Indien sei und dass ich eben so ein Flughafen-Bischof sei. Da hat er ­lächelnd geantwortet, ich sei kein Flughafen-Bischof, sondern ein Flug­hafen-Kardinal, und das sei gut so.

Franziskus als Superman, als Favorit für den Friedensnobelpreis, als Man of the Year für das Time Magazine – hält diese Begeisterung um seine Person ewig?
Ich glaube, dass man dem Papst mit dem Kult um seine Person nicht gerecht wird. Diese Konzentration will er gewiss nicht. Für ihn steht Christus im Mittelpunkt, nicht der Papst. Auch die Zeichen, die er setzt, wollen sichtbar machen, was ein Christ ist. Solche Zeichen werden heute eher angenommen als Enzykliken.

Ist die Kirche politischer geworden?
Das würde ich so nicht sagen. Die Botschaft, die von Paul VI. ausgegangen ist, war sehr politisch – gerade im Blick auf Lateinamerika. Das Pontifikat von Johannes Paul II. war ein äusserst po­litisches. Selbst Michail Gorbatschow sagte, dass ohne dieses Pontifikat der Zusammenbruch der kommunistischen Diktaturen nicht möglich gewesen wäre. Der starke Akzent bei Papst Franziskus liegt in der besonderen Hinwendung zu den Armen und den Leidenden – auch in politischer Hinsicht. Das geht so weit, dass man ihn wegen seines apostolischen Schreibens «Evangelii Gaudium» schon als Kommunisten abqualifiziert hat, weil man nicht unterscheiden kann zwischen dem Kommunismus und der grundlegenden Option für die Armen, die im Evangelium enthalten ist.

Ist das Vorbild des charismatischen Kirchenmannes auch eines für die katholische Kirche in der Schweiz?
Auch aus der Ferne kann ich feststellen, dass die Erwartungen an den Papst auch in der Schweiz sehr gross sind. Unter Papst Johannes Paul II. und Benedikt XVI. sind die Bischöfe manchmal danach beurteilt worden, ob sie nicht zu nahe beim Papst ­stehen. Heute werden sie eher überprüft, ob sie auch wirklich nahe genug beim Papst sind. Was das Charisma von Papst Franziskus betrifft, ist natürlich vieles in seinem persönlichen Charakter begründet, was man nicht einfach auf andere übertragen kann.

Kann die Kirche in der Schweiz von der Begeisterung profitieren?
Soweit ich dies von Rom aus beurteilen kann, habe ich den Eindruck, dass die Begeisterung auch in der Schweiz vorhanden ist. Welche Konsequenzen sie für das Leben des einzelnen und das kirchliche Leben hat, kann ich nicht abschätzen. Darauf freilich kommt es dem Papst an.

In der Schweiz dominiert mit dem Churer Bischof Huonder ein Mann, gegen den seine Kritiker auf die Strasse gehen. Ein Kritikpunkt war jüngst, dass Huonder vorschlägt, Menschen nicht an der Kommunion teilhaben zu lassen und ihnen stattdessen einen Segen zu spenden, wenn diese aus kirchenrechtlicher Sicht in einer irregulären Situation leben, etwa weil sie geschieden und wiederverheiratet sind. Wäre das ein gangbarer Weg?
Die Frage der wiederverheirateten Geschiedenen ist sehr komplex und drängend. Sie muss vor allem an der Bischofssynode im kommenden Herbst behandelt werden, und dort sollte die Diskussion auch ausgetragen werden. Deshalb möchte ich mich zu Vorschlägen von einzelnen Bischöfen jetzt nicht äussern.

Vor zwei Jahren haben Sie in einem Gespräch gesagt, dass Sie sich für die Katholische Kirche in der Schweiz wünschen, dass sie einen Mittelweg findet zwischen dem einstigen Triumphalismus und dem heutigen Minderwertigkeitskomplex. Sehen Sie Fortschritte?
Die Begeisterung für den Papst wird gesamthaft einen Aufbruch ermög­lichen. Er wünscht sich vor allem eine missionarische Kirche, die nicht um sich selbst kreist, sondern zu den Menschen geht, das Evangelium verkündet und sich vor allem um die Armen und Leidenden sorgt. Diesbezüglich sehe ich in der Kirche in der Schweiz durchaus noch Nachholbedarf.

In der Hinwendung zu den Armen drückt sich auch die Aufforderung aus, die eigene Haltung zu Geld zu überdenken. In Deutschland machte der Fall des früheren Limburger Bischofs Tebartz-van Elst Schlagzeilen. Spricht Franziskus auch die Bischöfe und die Kurie an?
Die Vision des Papstes ist so klar, dass jeder Grund hat, sein Leben zu überprüfen. Die Botschaft, die wir zu verkünden haben, und der Lebensstil, den wir führen, müssen kohärent sein. Die Automarke musste ich aber nicht überprüfen, da ich gar kein Auto habe.

Die Begrenzung einer ungezügelten Wirtschaft ist ebenfalls ein Thema dieses Papstes, das auch politisch viele Menschen bewegt. In der Schweiz wurde und wird immer wieder über wirtschaftliche Fragen wie die Abzocker-Initiative abgestimmt. Demnächst wird über den Mindestlohn entschieden.
Der Papst kann uns helfen, auf die eindimensionale Sicht der Wirtschaftlichkeit einen kritischen Blick zu werfen. Die beschränkte monetaristische Sicht muss aufgebrochen werden, und die Wirtschaft muss im Dienst der Menschen stehen – nicht umgekehrt!

In der Schweiz haben sich im Dezember eine Abordnung der Bischöfe und die CVP getroffen. Haben Sie Hoffnung, dass sich die Partei wieder stärker für christliche Werte starkmachen könnte?
Ich finde es gut, dass man miteinander im Gespräch ist und nicht übereinander redet. Doch die aktuelle ­Debatte verfolge ich nicht im Detail.

Weihnachten und das Osterfest sind mittlerweile wieder im Lehrplan 21 verankert. Sie hatten sich als einer der kirchlichen Vertreter dafür eingesetzt.
Der Entscheid freut mich, weil die beiden Feste zentrale Elemente unseres gesellschaftlichen Lebens sind. Es ist für mich auch eine Bildungsfrage, dass die jungen Menschen mit unserer christlichen Tradition vertraut sind. Wenn ein junger Mensch den Unterschied zwischen Golgota und Colgate nicht mehr kennt, verrät dies einen alarmierenden Bildungsnotstand.

Wie erklären Sie Ostern?
Ostern ist, ganz kurz gesagt, der Sieg des Lebens über den Tod. Zwar ist der Tod eine harte Realität im Leben eines jeden Menschen. Aber Ostern verkündet, dass Gott dem Tod nur das zweitletzte Wort zugesteht. Das letzte Wort gehört dem Leben. Das hat Gott gezeigt, indem er seinen Sohn aus dem Tod erlöst und in das ewige ­Leben hineingeholt hat.

Verbringen Sie die Ostertage in Rom?
Ja, ich zelebriere selbst einige Gottesdienste, und wenn ich frei bin, nehme ich an den Feiern des Papstes teil. Das ist ein sehr schönes Erlebnis, weil hier in Rom in diesen Tagen Christen und Christinnen aus der ganzen Welt ­versammelt sind.

Erstellt: 19.04.2014, 09:37 Uhr

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