Ein paranormales Mädchen ohne böse Absichten

Sie ist 17 und der neue Shootingstar der Schweizer Esoterikszene. Was steckt hinter den Worten der Christina von Dreien?

700 Menschen besuchten das Seminar des selbst ernannten Mediums. Foto: Susanne Keller

700 Menschen besuchten das Seminar des selbst ernannten Mediums. Foto: Susanne Keller

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Jeder Platz besetzt, der grosse Saal im Theater National in Bern ist voll. Frauen sind in der Überzahl. Manche haben Notizblöcke auf den Knien, andere ­Kaffeebecher in den Händen. Rund 700 Menschen sind an diesem Samstag gekommen, um einen Tag lang dem Shootingstar der Schweizer Esoterikszene zuzuhören: Christina von Dreien aus dem Toggenburg, 17 Jahre alt.

Die junge Frau sitzt am grossen Tisch auf der Bühne neben einem Mitglied ihres Teams, einem Mann im roten Hemd, der nun erklärt: «Christina wird über Dinge sprechen, über andere halt nicht.» Impuls nennt sich das. Ein wenig Struktur gibt es trotzdem: Die Pausen sind fix – und die Buchsignierung. Dann beginnt Christina von Dreien. Keine Notizen. Fliessen lassen.

Eine gute und traurige Geschichte

Christina von Dreien heisst eigentlich Christina Meier. Der adlige Nachname ist an ihren Wohnort angelehnt, den Weiler Dreien. Ihren bürgerlichen Namen legte sie ab, als sie sich von der Schulbank aus aufmachte, zur nächsten grossen Nummer in der Esoterikszene zu werden. Hinter ihr liegt ein Aufstieg, den man im Popmusik-Sprech «kometenhaft» bezeichnen würde. Und der viel mit ihrer Mutter zu tun hat: Bernadette Meier, früher mal Spitzenläuferin. Sie war es, die im Juli 2016 ein Buch über Leben und Wesen der Tochter schrieb. Es ist eine gute Geschichte und eine traurige.

Die Kurzfassung: Christina hat sich als Vorbotin einer neuen Stufe der menschlichen Evolution gemeinsam mit ihrer Zwillingsschwester Elena auf der Erde inkarniert. Ihre Mission: Licht und Frieden verbreiten. Elena starb als Baby, blieb aber als Lichtwesen bei ihrer Schwester. Die wiederum verfügt über eine dreidimensionale Wahrnehmung. Über paranormale Begabungen: Hellsicht, Jenseitskontakte, Tier- und Pflanzenkommunikation. Sie erkennt das ­Dasein als eine Komplexität aus Quantenphysik, Neuropsychologie und Spiritualität. Das Buch verkaufte sich tausendfach und führte wochenlang die Bestsellerlisten an.

Heute füllt Christina von Dreien mit ihren Seminaren Säle in Zürich, Wien, Bern. Ein Privatsender strahlt ihre Serie («Time to Be») aus. Die Mutter schrieb ein zweites Buch, ein drittes ist in Planung.

Bereits am Abend zuvor war im National vom Frieden die Rede. Dieselben Organisatoren hatten auch Daniele Ganser nach Bern eingeladen. Er sprach am Freitagabend während 90 Minuten über die UNO, die Medien und 9/11. Der umstrittene Historiker wird immer wieder heftig kritisiert für seine Ansichten zum 11. September. Am Samstag sitzt Ganser im Publikum. Aus persönlichem Interesse, wie er sagt. «Sie sagt, sie engagiere sich für den Frieden, darum bin ich da und höre mir das an.»

Hält ihre Tochter für eine evolutionäre Denkerin: Bernadette Meier mit Christina.

Nun spricht dieses angebliche Wunderkind also im National, wo die Stuhl­reihen eng sind und eine Wasserflasche 5 Franken kostet. Thema des Seminars: «Die Bedeutung bedingungsloser Liebe im Umgang mit Unlicht – global und individuell». Kurz nach zehn herrscht Unruhe im Saal. Christina – niemand nennt hier ihren vollen Namen – spricht zwar, aber nicht alle können folgen. Die Tontechniker am Mischpult machen einen gehetzten Eindruck. Unterbruch.

Zeit für einen Blick in den Flyer, den die nette Frau am Empfang mit auf den Weg gegeben hat. «We Are Peace» steht drauf und Christinas Friedensplan in 24 Schritten drin: Sag Ja zu deinem Leben. Begegne den Kindern auf Augenhöhe. Liebe dich selbst. Als der Ton wieder funktioniert, erklärt das selbst ernannte Medium auf der Bühne: «Krieg kann nur entstehen, wenn man im Verstand ist.» Oder: «Wir leben in einer Stressgesellschaft, das ist mir nach meinen Ferien aufgefallen.»

Vor der ersten Pause gibt es die erste praktische Übung: Sprich mit deinem Sitznachbarn. Christina: «Das solltet ihr hinkriegen.» Lächeln und zurücklächeln. Die Frau nebenan stellt sich vor, Akademikerin mittleren Alters, Stress auf der Arbeit, eigentlich ein Kopfmensch. Ja, Meditation helfe ihr. Nein, Christina gehöre nicht zu ihren Lehrern. Ob sich das eines Tages ändert? Mal schauen, wie das heute läuft.

«Einem zierlichen, sphärisch wirkenden Mädchen unterstellt man keine böse ­Absicht.»Susanne Schaaf, Infosekta

Bernadette Meier sagte einst in einem Interview, ihre Tochter gehöre zu einer jungen Generation von evolutionären Denkern. Kritiker wiederum sehen in ihr einfach eine weitere Esoterikerin: leeres Gerede für viel Geld. Der Journalist und Sektenexperte Hugo Stamm schrieb: Die Schuld trage nicht Christina. Ihre Mutter dränge sie in die Rolle der Heilsbringerin und stehle ihr die ­Jugend.

Kritisch ist auch die Psychologin Susanne Schaaf, auch wenn sie es weniger drastisch ausdrückt. Schaaf ist Leiterin der Fachstelle Infosekta. Das Ganze habe eine schlimme Vorgeschichte mit dem Verlust der Zwillingsschwester. «Dieses spirituelle Konzept kann als ein Weg gesehen werden, um mit diesem Verlust umzugehen – die Schwester bleibt als geistige Begleitung präsent.» Gleich­zeitig vermutet aber auch sie: «Es ist anzunehmen, dass das alles von der Mutter gepusht wird.»

Die Geschäftsidee von Christina von Dreien funktioniert offenbar bestens. «Ein zierliches, sphärisch wirkendes Mädchen hat einen anderen Effekt auf Aussenstehende als ein selbst ernannter Guru, der sich selber narzisstisch inszeniert. Man unterstellt ihr keine böse Absicht.» Laut Schaaf typisch für esoterische Angebote, die sich oft sehr frei gäben. «Nach dem Motto: Nimm dir aus dem Gesagten, was du brauchst.» Esoterik habe immer auch etwas Narzisstisches, sie bediene das Bedürfnis, anders zu sein, sich abzuheben. «Dabei werden Leute in eine Parallelwelt eingeführt, es entsteht das Risiko der seelischen Abhängigkeit.»

Christina von Dreien sowie ihre Mutter und die Organisatoren des Seminars wollten keine Fragen dieser Zeitung beantworten. Trotz mehrmaliger Anfrage. Der Fokus liege momentan auf anderen Dingen.

Ein Kind vor Erwachsenen

Am Mittag vor dem National. Baseballcaps und Birkenstöcke, Leinenstoff und Make-up. So etwas wie ein Stammpublikum, einen prototypischen Christina-Jünger, den gibt es nicht. Es sind Menschen mitten aus der Gesellschaft, die hier miteinander diskutieren.

Manche sagen, sie hätten alles verstanden, man müsse die Bücher des Mediums halt gelesen haben. Andere erwidern, die Stimme sei schon etwas monoton. «Viele müde Gesichter», sagt der junge Mann, den man optisch eher in einer Fankurve erwarten würde. Viele erklären, es gehe ihnen an solchen Anlässen nicht darum, belehrt zu werden. Sondern offen zu sein für alles. «Dankbar sein für all die Dinge, die funktionieren», erklärt ein Herr mit Ziegenbart. «Da unten.» Zeigefinger auf die Beine. «Und da oben.» Fingerspitze an die Schläfe.

In vielerlei Hinsicht hat Christina von Dreien etwas von einer anderen jungen Frau, die ebenfalls alleine auf der Bühne stand, 17-jährig, wallendes Haar, Engelsgesicht. Nicole gewann 1982 den Eurovision Song Contest mit ihrer Nummer: «Ein bisschen Frieden». Christina von Dreien, ein Kind vor erwachsenen Menschen, das über den Frieden spricht. Niemand prügelt diese Leute in den Saal. Diese Menschen aus der Mitte der Gesellschaft sind hier, weil sie das wollen.

An einem Punkt sagt das Medium: «Es muss nicht immer alles lange dauern, kompliziert und teuer sein.» Insgesamt liefert Christina von Dreien an diesem Tag mehr als 5 Stunden Frontalunterricht ab, für 180 Franken pro Person. Derweil liegen im Gang ein paar Leute und meditieren.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.09.2018, 10:12 Uhr

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