Interview

Eine Basler Escort­-Dame erzählt

Die 22-jährige Studentin Mia verkauft ihren Körper in teuren Hotels. Im Interview spricht sie über Sex, Männer, ihre Grenzen und den Film «Elles».

Rauchen und Reden: Im Film «Elles» teilt sich Lola mit ihrem Kunden eine Zigarette nach den verrichteten Liebesdiensten.

Rauchen und Reden: Im Film «Elles» teilt sich Lola mit ihrem Kunden eine Zigarette nach den verrichteten Liebesdiensten. Bild: PD

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Es war nicht ganz einfach, eine Escort­-Dame zu finden, die bereit ist, zu reden. Über den Film «Elles» (siehe Box), der von Escort-Damen (Lola und Alicja) handelt und noch bis morgen im Kino läuft, über die Prostitution und über ihre eigenen Erfahrungen. Ungefähr 30 Chefs von 30 Escort-Agenturen nahmen den Anruf entgegen, viele legten nach den ersten paar Sätzen auf, ein paar sagten zu und dann wieder ab.

Im Untergeschoss des Starbucks an der Freien Strasse sitzen wir nun, Mia*, schwarzer Jupe, beiger Pullover, trinkt Mineralwasser, sagt, dass es ihr für Kaffee zu heiss sei. Die 22-Jährige ist Escort­-Dame bei «EscortBasel», sie hat eine ruhige Art, ist aufmerksam, sympathisch. Eine ganz normale junge Frau, die im September ihr Psychologiestudium in Zürich beginnen wird, sich für das einmalige Klingeln ihres Handys entschuldigt und ohne Umschweife sowie in aller Ausführlichkeit aus ihrem Beruf erzählt, obwohl Sonntag ist. «Wissen Sie, ich wünschte mir, dass die Arbeit der Escort-Damen nichts so Verwerfliches an sich hätte. Eigentlich ist doch gar nicht so viel dabei …», sagt sie, die nächste Frage abwartend.

«Elles» ist ein sehr erotischer Film. In manchen Szenen haben die Escort­-Damen sichtlich Freude am bezahlten Sex. Wie ist das bei Ihnen, Mia?
Mia: Das hängt immer vom Kunden ab und ist somit nicht anders als im Ausgang, wenn man jemanden mit nach Hause nimmt. Es ist ein Zusammenspiel, aber natürlich auch eine Einstellungsfrage. Wenn ich nur das Geld im Kopf habe und so schnell wie möglich wieder los möchte, spürt dies der Kunde. Das ist dann für beide nicht so toll. Aber wenn ich einfach mal hingehe und schaue, wie es kommt… Ich bin relativ offen und probiere gerne Neues aus. Man kann also auch Freude daran haben.

«Elles» wurde deshalb scharf kritisiert. Einige meinten, der Film sei eine Art Verherrlichung der Prostitution.
Ich habe generell nichts gegen Prostitution, vorausgesetzt, es geschieht in Einvernehmen mit der Frau, die sich prostituiert. Wenn sie es machen will – warum nicht. Und wenn sie sogar Spass daran hat, umso besser.

Also stellt der Film die Prostitution nicht in zu positivem Licht dar?
Nein, gar nicht. Es gibt ja auch einen Moment, in dem man die Zerrissenheit von Lola spürt, in der ihr der Sex vor dem Spiegel mit der Flasche zu weit geht… Daran sieht man, dass die Frau auch Zweifel hat, die sie zu verdrängen versucht.

Dann ist die Prostitution für Sie doch nicht nur etwas Positives, Freudiges?
Nein, es braucht immer auch Überwindung. Man verkauft auf eine Art und Weise seinen Körper, dessen muss man sich bewusst sein. Es darf einfach nichts Schreckliches für einen sein, sonst sollte man es besser lassen.

Lola sagt im Film, dass sich der Sex von jenem in einer Beziehung gar nicht gross unterscheide. Abgesehen davon, dass man als Escort-Dame mehr Macht habe, weil man sagen darf, wo es langgeht.
Das sollte so sein, jede Dame sollte ihre Prinzipien haben. Oft fragen die Männer und machen nicht einfach. Daneben sind sie aber auch sehr unvorsichtig. Viele haben das Gefühl, man sei absolut geschützt, wenn man beim Geschlechtsverkehr ein Kondom benutze. Es gibt aber auch andere Praktiken, in denen man sich schützen muss. Und da sollte man das Selbstbewusstsein haben, auf dem Kondom zu bestehen.

In der Szene mit der Flasche, die der Kunde Lola gegen ihren Willen einführt, zeigt sich dann aber doch, dass die Frau dem Mann körperlich unterlegen ist und er ihre Grenze überschreiten kann.
Es kann zu weit gehen, deshalb würde ich auch nicht sagen, dass man mehr Macht als in einer Beziehung hat. Wenn man aber mit einer Agentur zusammenarbeitet, kann man sich nach einem solchen Erlebnis an sie wenden, und je nachdem wird dann die Polizei eingeschaltet. Das kam bisher aber noch nie vor.

Haben Sie nie Angst?
Nein. Ich bin meistens ein wenig nervös… Bis anhin hatte ich alle Dates in Hotels, das gibt mir eine gewisse Sicherheit, ohne es jetzt schönreden zu wollen. Ich versuche auch, mit einer positiven Einstellung hinzugehen.

Sie haben also keine Angst, dass jemand Ihre Grenzen überschreitet?
Nein, ich würde sonst «Stopp» sagen.

Das hat aber in diesem Moment im Film nichts gebracht…
Sie hatte das Geld wohl schon im Voraus erhalten und dachte, sie müsse es nun durchziehen. Deshalb hat sie sich auch nicht mehr gewehrt.

Wissen die Männer denn im Voraus, wie weit Sie zu gehen bereit sind?
Das ist unterschiedlich: Spezifische Dinge stehen in der Setkarte, zum Beispiel, ob eine Frau Analverkehr haben möchte oder nicht. Anderes ist situationsabhängig. Es kann schon vorkommen, dass man sich trotzdem auf etwas einlässt, zu dem man anfangs Nein gesagt hat, weil man sich das bei diesem Herrn gut vorstellen kann.

Die Escort-Damen gehen im Film ziemlich weit: In einer Szene uriniert ein Kunde auf Alicja. Entspricht das Ihrer erlebten Realität?
Ich fand die meisten Szenen nicht so speziell. Ob das Urinieren für einen okay ist, muss jede Frau für sich entscheiden. Das steht ebenfalls in der Setkarte. Das Küssen gehört bei Escort­-Damen, die die Dienstleistung des sogenannten «Girlfriend-Sex» anbieten, dazu. Wollen sie aber darauf verzichten, können sie das auch angeben.

Empfinden Sie Ihre Arbeit nie als de­­mütigend?
Teils, teils. Die Frage ist mehr, ob man sich demütigen lässt oder den Stolz zu bewahren versucht. Ich habe schon ein oder zwei Mal Dinge erlebt, die ich nicht wiederholen möchte.

Die Ihnen zu weit gingen?
Ja, ich versuche noch herauszufinden, wo meine Grenzen sind. Einmal hatte ich ein Pärchen aus der Sadomaso-­Szene. Ich war sozusagen im Mittelpunkt und musste alles mit mir machen lassen. Wir hatten aber ­vorher abgemacht, dass ich etwas ­sagen muss, sobald es mir zu weit geht.

Und Sie haben doch nichts gesagt?
Nein, aber ich merkte, dass das meine Grenze war. Es war eine interessante Erfahrung, nur möchte ich es nicht nochmals machen.

Wo ist denn Ihre Grenze?
Ich möchte nachher nicht wochenlang ein Hinterteil haben, das in allen Regenbogenfarben leuchtet.

Und beim Sexuellen?
Das Urinieren ginge für mich überhaupt nicht, es wäre zu demütigend. Ich verstehe nicht wirklich, was ein Mann daran findet. Ansonsten gibt es Dinge, die ich nur mit meinem Freund machen möchte, als Escort biete ich die normalen Girlfriend-Dienste an, also keinen Analverkehr.

Ihr Freund weiss davon? Lola sagt ja im Film, dass die Sache, die ihr an ihrem Job am schwersten falle, das ewige Lügen sei.
Mein Freund weiss es, und mit ihm rede ich auch darüber. Zudem habe ich es meinen engsten drei Freunden erzählt, aber die sagten, dass sie nichts darüber wissen möchten, weil es ihnen sonst wehtäte, dass ich mich für so etwas hingebe. Das ist eben das Problem, das viele mit der Prosti­tution haben… Dabei prostituieren sich doch viele Frauen irgendwie, auch die, die sich in einer Bar ­abfüllen und dann abschleppen lassen.

Wissen es Ihre Eltern?
Nein, sie wissen nichts davon, das möchte ich ihnen nicht antun. Sie sind zwar offen, aber für mich als Mutter wäre es ein Schock zu erfahren, dass meine Tochter auf diese Weise Geld verdient. Und vom Finanziellen her bin ich gerade so auf dem Tiefpunkt, dass sie es noch eine Weile lang nicht merken werden. Bis ich mir ein bisschen etwas leisten kann, wird es noch dauern.

Ist Ihr Freund nicht eifersüchtig?
Nein. Er ist eher stolz darauf, dass es Männer gibt, die Geld dafür bezahlen, mit mir ins Bett zu gehen. Ich habe ihn auch um Erlaubnis gefragt davor. Wäre er dagegen gewesen, ­hätte ich es nicht gemacht, weil mir die Beziehung wichtig ist. Er meinte, ich müsse das selber entscheiden, es müsse einfach für mich stimmen.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, als Escort­-Dame zu arbeiten?
Vor zwei Jahren interessierte ich mich bereits für diesen Job. Ich habe ein Buch gelesen, in dem Escort-Damen von ihren Erlebnissen erzählten, ich fand es spannend, hielt mich aber ­damals noch zu jung dafür. Vor fünf Monaten dachte ich, ich versuche es mal – aus finanziellen Gründen, aber auch, weil mich interessiert, was für Geschichten diese Menschen haben.

Es gäbe auch andere Jobs…
Es ist natürlich auch eine Lohnfrage: Im Service bekommt man 20 Franken die Stunde, hier rund 300 Franken (eineinhalb Stunden kosten 650 Franken), das ist verlockend. Weiss man ein bisschen etwas darüber, merkt man, dass es wenig mit der «untersten» Prostitution gemein hat.

Was sind denn die Unterschiede?
Das beginnt beim Auftreten der Frau – ich trete sehr selbstbewusst auf. Ich mache mich vorher zurecht, sogar mehr, als wenn ich in den Ausgang gehe (lacht). Und dann geht man nicht einfach in ein Schlafzimmer, sondern in ein Hotel, vielleicht zuerst noch gut essen oder ins Theater. Die Männer behandeln einen zuvor­kommend – es ist wie ein ganz ­normales Date, ausser, dass halt ein Preis dahintersteht.

Alicija meint im Film, dass dieses Zuvorkommende etwas Anziehendes hat.
Das würde ich nicht sagen. Es ist ­einfach ein angenehmes Gefühl: Man kennt es aus dem Alltag nicht, dass jemand einem die Türe aufhält und den Stuhl zurechtrückt. Man erlebt es heute nicht mehr so oft, dass man wie eine Dame behandelt wird.

Was sind Ihre Kunden für Männer?
Grösstenteils Manager, Firmeninhaber, so zwischen 55 und 65, die Geld haben und viel herumkommen in der Welt. Wenn man oft unterwegs ist und in Hotels lebt, will man nicht ­immer alleine sein – das kann ich gut verstehen. Es geht immer auch um das Zwischenmenschliche, um Gespräche, und irgendwann kommt es dann zum Sex. Aber das ist nicht ­u­nbedingt die Hauptsache…

Im Film heisst es, die Männer wollten vor allem reden – über die Arbeit und über ihre Ehefrauen.
Viele erzählen mir ihre Lebensgeschichte, ich habe schon manch Spannendes gehört, das ich nie vergessen werde. Sie schätzen es, mal reden zu dürfen, und dass ihnen jemand ­zuhört, weil ihren Frauen dafür ­vielleicht die Zeit fehlt. Sobald es aber ums Private geht, werden einige wortkarg, andere reden frei von der Leber weg. Bei diesen wissen die ­Ehefrauen davon und haben kein ­Problem damit, weil sie ehrlich und offen damit umgehen.

Also kommt der Sex bei Ihnen auch kürzer als das Reden?
Ich würde sagen, es steht etwa fünfzig zu fünfzig.

Was ist für Sie das Schwierigste an Ihrer Arbeit, wenn es nicht das Lügen ist?
Vielleicht der Anfang. Wenn ich noch nicht weiss, wie ein Kunde ist, wie ich ihn begrüssen werde. Ja, die ersten 15 Minuten sind die unangenehmsten. Man ist halt ein bisschen nervös, wie wenn man zu einem Date geht… Das geht den Männern oft genauso, sie geben sich Mühe mit ihrem Äus­seren und bereiten sich auf das Date vor. Und dann natürlich das Ansehen meiner Arbeit in der Gesellschaft – das beschäftigt mich schon auch, ­obwohl der Escort-Dienst für mich eigentlich eine ganz normale Arbeit ist.

Finden Sie den Spielfilm «Elles» gelungen, kommt er der Realität nahe?
Er ist interessant – und Juliette Binoche hat mir in ihrer Rolle sehr gut gefallen. Es gibt aber schon Unterschiede zwischen dem Film und dem, was ich kenne. Die Damen organisieren die Termine selber und verdienen wahrscheinlich auch weniger als wir.

Manche Kritiker taten den Film als zu ­klischiert ab. Anne, die Journalistin, die über die Mädchen schreibt, hat ein genaues Bild von den Escort­-Damen im Kopf und sieht sie als Opfer…
…ja, aber dieses Bild verändert sich im Laufe des Films. So weit, dass sie die Mädchen sogar vor ihrem Mann, der sie abschätzig «Huren» nennt, in Schutz nimmt. Nein, ich finde, im Film wird sehr gut dargestellt, wie es eigentlich ist.

Gibt es etwas, das Sie als Regisseurin anders gemacht hätten?
Das Durchschnittsalter der Kunden ist ein bisschen zu tief, die meisten sind schon über 50. Und ich kenne den Rahmen ein bisschen nobler, ich treffe die Kunden meist in schickeren Hotels und Zimmern. Aber vielleicht liegt das auch an Frankreich…

Irgendwann zum Schluss des Films sagt Lola, dass es schwierig sei, diese Arbeit wieder aufzugeben – so wie das Rauchen. Wann wollen Sie aufhören?
Wenn ich finanziell wieder besser dran bin, werde ich darüber nach­denken. Vielleicht geht es dann aber auch noch weiter… Ich kann mir gut vorstellen, dass einem danach etwas fehlt. Die charmante Behandlung vielleicht, oder der Kick, sich immer ­wieder auf Neues einzulassen, es gibt halt schon auch Bestätigung.

Auch wenn Sie wissen, dass Sie dafür bezahlt werden?
Irgendetwas muss man ja doch richtig machen, dass sie einen so behandeln.

Sie glauben, dass Sie wieder einen gewöhnlichen Studentenjob für 20 Franken die Stunde machen ­könnten?
Ja, doch. Ich denke schon.

Und wo möchten Sie denn in zehn ­Jahren stehen?
Das ist eine schwierige Frage (überlegt lange). Ich möchte auswandern und im Feld der Psychologie arbeiten.

* Name von der Redaktion geändert

Erstellt: 31.07.2012, 11:54 Uhr

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Elles – ein Film über den Neid auf Escort-Damen

Da ist die Journalistin Anne (Juliette Binoche), die für das Magazin «Elle» eine Reportage über Escort-Damen schreibt. Und da sind Lola (Anaïs Demoustier), eine Französin aus der Unterschicht, und Alicja (Joanna Kulig), eine mittellose polnische Migrantin. Mit ihrem Job als Escort-Damen finan­zieren sie ihr Studium und ein bisschen Luxus. Es sind zwei Welten, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Da Anne in ihrer schicken Pariser Wohnung, mit Mann und Söhnen an der Seite, dort die Studentinnen mit ihren Kunden, in Hotelzimmern und Büros, auf sich gestellt und ihre Eltern belügend. Und doch gibt es etwas, um das Anne sie beneidet: ihr Sexualleben als Escort-Damen, das ihnen bisweilen Spass bereitet, ihre Offenheit, ihre Lebenslust. Immer stärker stellt Anne ihr Leben und Lieben infrage und entfremdet sich zunehmend von ihrem Mann. Der Film «Elles» von Malgorzata Szumowska basiert auf Gesprächen und bleibt doch ein Spielfilm über zutiefst menschliche Themen – Schein und Sein, Freiheit und Zwang, ­Sehnsucht und Anpassung – und einer, der inte­ressante Fragen stellt: Wie bleibt man sich selbst treu und ab wann verkauft man sich eigentlich?

«Elles» läuft in ausgewählten Schweizer Kinos.

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