Eine Beziehung im Schatten des Zölibats

Die Asylsuchende Manga hat zwei Kinder von einem afrikanischen Priester, der nicht zur Vaterschaft steht. Von der Kirche kann die 31-jährige Frau keine Hilfe erwarten. Im Gegenteil, sie hilft beim Wegschauen.

Will, dass der Mann die Kinder wenigstens finanziell unterstützt: Manga in ihrer Wohnung.

Will, dass der Mann die Kinder wenigstens finanziell unterstützt: Manga in ihrer Wohnung. Bild: Basile Bornand (13 Photo)

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Manga* wohnt mit ihren zwei Buben, 5 und 7 Jahre alt, in einem schmucklosen Block am äussersten Rand einer Gemeinde im Berner Jura. Tisch, Stühle, Polstergruppe, Fernseher – die Vierzimmerwohnung ist mit dem Nötigsten eingerichtet. Kein einziges Bild schmückt die Wände. Nur auf dem Vorhangbrett im Wohnzimmer steht ein Kruzifix, daneben eine Ikone, welche die Muttergottes mit dem Jesuskind abbildet.

Die 31-jährige dunkelhäutige Frau aus der Elfenbeinküste ist bekennend römisch-katholisch. In der Schweiz bisher ohne Arbeit, engagiert sie sich ehrenamtlich als Katechetin in der Pfarrei des Ortes. Sie ist nach wie vor gläubig – trotz dem, was sie mit einem Diener dieser Kirche erlebt hat.

Liebe in der Empfangsstelle

Vor acht Jahren war sie aus der Elfenbeinküste in die Schweiz gekommen. Mutter, Vater und Verwandte hatte sie im Bürgerkrieg verloren. Kaum war die Asylsuchende auf dem Schweizer Flughafen angekommen, kümmerte sich Abuu*, der Seelsorger der Empfangsstelle, rührend um sie. Der römisch-katholische Priester stammt wie Manga aus Afrika und erkundigte sich nach der Situation in ihrem Heimatland und nach ihrem Ergehen. Jeden Abend rief er sie an. «Allein und verlassen, wie ich war, tat mir dieser Kontakt sehr gut», erinnert sich Manga.

Bald waren sie ein Liebespaar. Kurze Zeit wohnten sie zusammen, bis Manga schwanger wurde. Sie habe sich das Kind gewünscht, sagt sie heute. Abuu ebenfalls, nur habe er als Priester nicht dazu stehen können. Er habe ihr versprochen, sie zu heiraten und mit ihr eine Familie zu gründen. Schliesslich könne er nicht mehr nach den Regeln der römischen Kirche leben. Nur brauche er Zeit. Er bat sie immer wieder, sich zu gedulden. Manga wartete jahrelang, ohne dass der Priester das Versprechen wahr machte – auch dann nicht, als sie den zweiten Jungen zur Welt brachte.

Einmal habe er ihr 50 Euro gegeben, dreimal einen Sack Reis mitgebracht. Das sei alles, erzählt die Frau. Obwohl er einen Job und ein Verdienst habe, habe er seine Kinder nie unterstützt. Manga und die beiden Jungen erhalten monatlich rund 1800 Franken Sozialhilfe von der Gemeinde. Sie, die in der Schweiz beim Roten Kreuz eine Ausbildung als Pflegerin absolviert hat, würde gerne 50 bis 80 Prozent in einem Spital oder Altersheim arbeiten. Doch bisher fand sie keine Stelle. Mit Ausweis F muss sie zudem jedes Jahr ihre Aufenthaltsbewilligung erneuern lassen.

«Der Priester schien einzulenken»

Manga hat den Priester Hunderte Male aufgefordert, seinen väterlichen Pflichten nachzukommen. Er vertröstete sie stets von neuem – mit schönen Worten, bisweilen aber auch mit Schlägen. «Er nötigte mich gewaltsam, eine weitere Schwangerschaft abzubrechen.» Seit Jahren hänge er das Telefon ab, wenn sie ihn anrufe. Insistiere sie, setze er sie unter Druck. Immer wieder habe er ihr gedroht, anonym bei den Migrationsbehörden in Bern zu intervenieren, damit sie ausgewiesen würde. Der Seelsorger hatte bei der Einreise der Flüchtlinge am Flughafen bisweilen deren Papiere an sich genommen.

Im Internet fand Manga schliesslich die Adresse des Vereins der vom Zölibat betroffenen Frauen Schweiz, Zöfra. In Sorge um ihre beiden Buben, die immer öfter nach dem Vater fragten, brach sie ihr jahrelanges Schweigen und vertraute sich Gabriella Loser-Friedli an. Die Mitbegründerin und Präsidentin von Zöfra traf Manga, später auch Abuu. Sie schlug ihm vor, dass er zur Gemeinde gehen und seine Vaterschaft anerkennen solle. «Wir versuchten es anfangs auf dem aussergerichtlichen Weg», sagt Loser-Friedli. «Der Priester schien einzulenken, er bekräftigte, er wolle heiraten und ein guter Papa sein.» Nur solle man ihm Zeit geben bis Juni 2013, bis er seine Zusatzausbildung abgeschlossen habe.

Kurz vor einem für den November vereinbarten Versöhnungstreffen erfuhr Manga dann aber, dass ein anonymer Absender ihre vermeintlichen Papiere den Migrationsbehörden in Bern geschickt hatte. Die Behörden sollten aus den Dokumenten schliessen, dass sie aus Burkina Faso in die Schweiz eingereist sei und deshalb auch wieder dorthin zurückgeschickt werden könne.

Andere Frauen ermutigen

Nun zögerte Manga nicht länger: Sie konsultierte einen Anwalt und deponierte eine Vaterschaftsklage beim Gericht im Berner Jura. Das Gericht hat Abuu bereits aufgefordert, Stellung zu beziehen und einen Plan vorzulegen, wie er die Familie zu unterstützen gedenke. Er wiederum macht geltend, wegen der Ausbildung bis Juni in der Sache nichts unternehmen zu können. Vom TA kontaktiert, lässt der Priester durch seinen Anwalt mitteilen, punkto Vaterschaft sei nichts bewiesen. Solange die Vaterschaftsklage hängig sei, sage er nichts.

Schon vor zwei Jahren hatte Manga via Fernsehen erfahren, dass Abuu vom Schweizer Bischof, in dessen Diözese er als Priester tätig war, suspendiert und von Rom in den Laienstand zurückversetzt worden war, weil er seine neue Geliebte zur Abtreibung gezwungen hatte. Inzwischen arbeitet er für eine andere Kirche, deren Priester nicht an den Zölibat gebunden sind und von den Gläubigen mit Spenden entlöhnt werden. Manga hält an der Forderung fest, dass er die beiden gemeinsamen Söhne finanziell unterstützen muss. Ironischerweise sammelt Abuu seit Jahren via Internet Geld für sein kleines Hilfswerk, das bedürftige Kinder in der afrikanischen Heimat unterstützt.

Manga, die ihre Beziehung während Jahren völlig geheim gehalten hatte, macht ihre Geschichte öffentlich, weil sie andere Frauen in ähnlicher Situation ermutigen will, «nicht länger in der Ohnmacht zu verharren, sondern ihre Rechte einzufordern». Sie kennt mehrere Frauen in der Schweiz, die ein Kind von einem afrikanischen Priester haben. Sie will sie auffordern, sich bei Organisationen wie Zöfra Hilfe zu holen.

Zuwendung von professionellen Tröstern

Loser-Friedli bestätigt, dass Zöfra immer häufiger Geliebte von afrikanischen Priestern beraten und begleiten muss. Aufgrund des akuten Priestermangels engagierten die Schweizer Bischöfe in ihren Diözesen seit einigen Jahren Priester aus Osteuropa, Lateinamerika und eben auch aus Afrika. Die Migrantenpriester, überhaupt die Migration beschere Zöfra spürbare Mehrarbeit. «Mit der Migration multiplizieren sich die Probleme von Priesterbeziehungen.» Von der ganzen Heimlichtuerei einmal abgesehen, müssten Fragen des Status, des Asylrechts und der Finanzen geklärt werden.

Wie in den afrikanischen Herkunftsländern nehmen es die Priester laut Loser-Friedli auch in Europa mit dem Zölibat nicht so genau. In der Fremde sei es dann häufig das Heimweh und die Einsamkeit, die sie in die Arme einer Frau treiben. Umgekehrt seien die Frauen, die sich in einen Priester verliebten, oft in einer Krise oder Notlage: Nach einer Scheidung, dem Verlust des Partners oder der Flucht aus einem kriegsversehrten Land seien Frauen besonders empfänglich für die Zuwendung von professionellen kirchlichen Tröstern.

Zermürbende Ungewissheit

Fast immer aber seien in solchen Beziehungen dann die Frauen die Leidtragenden. Sie müssten sich verstecken, während die Priester dank ihrem Job und Status weiterhin in der Öffentlichkeit eine Rolle spielten. «Nicht selten predigen sie am Sonntag auf der Kanzel ewige Liebe und Treue, stehen aber nicht zu ihrer Geliebten und erfahrungsgemäss schon gar nicht zu den gemeinsamen Kindern.» Die Kirche ihrerseits helfe solchen Priestern beim Wegschauen.

Manga lebt seit Monaten in der zermürbenden Ungewissheit, ob sie die Schweiz verlassen muss. Burkina Faso, wohin sie die Behörden ausweisen könnten, kennt sie überhaupt nicht. Nur zu gerne würde sie in der Schweiz bleiben, wo sie und ihre Söhne sich wohl- und akzeptiert fühlen. Zu den geordneten Verhältnissen, die sie sich wünscht, würde aber auch gehören, dass der Vater ihrer zwei Söhne diese wenigstens finanziell unterstützt.

* Namen von der Redaktion geändert. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.02.2013, 11:04 Uhr

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