«Eine Fähigkeit, die eher Frauen zugesprochen wird»

Liegts am Lohn? Oder am Feminismus? Christa Kappler von der Pädagogischen Hochschule über die Gründe, wieso so wenig Männer den Primarlehrer-Beruf wählen.

Geschlechterrollen an der Wandtafel: Szene aus der Schul-Komödie «Fack ju Göhte».

Geschlechterrollen an der Wandtafel: Szene aus der Schul-Komödie «Fack ju Göhte».

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Wann kippte das Geschlechterverhältnis bei Lehrern in der Primarschule?
Laut Statistik passierte dies Mitte der 60er-Jahre, als immer mehr Frauen berufstätig wurden und Mädchen höhere Ausbildungen machen durften. Ausserdem wurde 1962 das «Lehrerinnenzölibat» aufgehoben: Zuvor durften Primar- und Sekundarlehrerinnen nach einer Hochzeit ihren Beruf nicht mehr ausüben.

Hat auch der in den 70er-Jahren aufkommende Feminismus damit zu tun: Frauen, die über die Schule Gender-Politik betreiben wollten?
Natürlich haben sich damals gerade Frauenverbände für berufstätige Frauen starkgemacht. Aber diese These kann ich nicht bestätigen.

Was ist Ihrer Meinung nach der Grund?
Es gibt keine einfache Antwort. Es ist wie beim Huhn und dem Ei: Was war zuerst? Die Frauen, die in den Beruf drängten – oder die Männer, die sich zurückzogen? Es war und ist wohl eine Wechselwirkung. Fest steht, dass Berufe Geschlechter-Labels haben. Der Lehrberuf wurde früher mit Autorität und Wissen assoziiert, heute eher mit Empathie und dem verständnisvollen Umgang mit Kindern – Fähigkeiten, die eher Frauen zugesprochen werden.

Das würde erklären, wieso auf Gymnasiumstufe mehr Lehrer unterrichten: Es geht dort weniger um Erziehung, sondern um den Stoff.
Ja, auch dort greifen offenbar die alten Geschlechterbilder.

An Schweizer Primarschulen unterrichten derzeit 18 Prozent Männer. 1995 waren es 30 Prozent. Unter dem Dach des Vereins «Männer an die Primarschule» läuft in den nächsten Monaten deshalb eine Kampagne, um mehr männliche Lehrer für die Primarschule zu rekrutieren.

Vielleicht müsste man klären, wieso man Primarlehrer wird. Gibt es dazu Untersuchungen?
Zu den Berufswahlmotiven gibt es viele Studien. Auf der Primarstufe ist das meistens das pädagogische Interesse, die Arbeit mit den Kindern. Frauen betonen dies tatsächlich stärker als Männer. Auch bei Männern steht dieser Punkt an erster Stelle. Sie nennen allerdings öfter weitere Motivationen wie sichere Arbeitsbedingungen oder fachliches Interesse.

Fehlt Frauen bisweilen auch das Selbstvertrauen, um auf Sekundar- und Gymnasialstufe zu unterrichten?
Dazu kenne ich keine Studien. Aber es ist naheliegend, dass solche Mechanismen spielen, dass sich junge Frauen schwerer vorstellen können, vor einer Klasse Jugendlicher autoritär aufzutreten. An den beruflichen Voraussetzungen kann es jedenfalls nicht liegen. Es schliessen heute gleich viele Mädchen wie Knaben das Gymnasium ab.

Wie hoch ist die Abbrechquote bei männlichen Primarlehrern?
Allgemein ist es so, dass diese Quote bei Männern, die einen geschlechtsunspezifischen Beruf ergreifen, höher ist als bei Frauen. Wie das bei Primarlehrern ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Das Problem sind auch nicht die Berufsabbrecher, sondern die bescheidenen Anmeldezahlen von Männern für die Primarlehrerausbildung.

Liegts vielleicht am Lohn?
Wenn sich ein junger Mann nach dem Gymnasium für eine Lehrerausbildung entscheidet, hat er – aufs Leben betrachtet – gleich viel Einkommen wie in anderen beruflichen Laufbahnen. Frauen aber erzielen mit der Wahl des Lehrberufs rund 20 Prozent mehr Lebenseinkommen – weil sie in der Wirtschaft bezüglich Lohn, Karrierechancen und aufgrund von Teilzeitarbeit benachteiligt werden. Dazu kommen flexiblere Arbeitszeitenmodelle und Wiedereinstiegsmöglichkeiten. Auch das ist für Frauen ein Anreiz, Lehrerin zu werden. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 26.05.2016, 13:36 Uhr

Dr. Christa Kappler forscht an der Pädagogischen Hochschule Zürich. Sie ist die Autorin der Studie «Berufswahlprozesse und Motive angehender Lehrer».

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