Eine Lanze für den Mann

Einmal mehr behauptet ein neues Buch, das männliche Geschlecht sei am Ende. Zeit, ein Loblied auf die männlichen Eigenschaften anzustimmen.

Männer überschlagen in jeder Situation Aufwand und Ertrag und gehen so in der Summe entspannter durchs Leben.

Männer überschlagen in jeder Situation Aufwand und Ertrag und gehen so in der Summe entspannter durchs Leben. Bild: Keystone

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Als die Journalistin Hanna Rosin während der Recherchen für ihr Buch «The End of Men» mit jenen sprach, deren Abschaffung sozusagen kurz bevorsteht – also mit Männern –, schlug ihr zu ihrer eigenen Verblüffung kein Hass entgegen. Im Gegenteil. Die Männer waren einverstanden, als sie ihnen unterbreitete, ihr Geschlecht sei ein Auslaufmodell und die Zukunft weiblich. Harte Kerle nickten genauso wie Wallstreet-Banker, sagten «Yeah» und attestierten Rosin, dass sich die Männlichkeit in der Tat in einer Krise befinde.

So weit ist es heute mit der Wahrnehmung des Maskulinen – selbst die Betroffenen sind sich einig, dass mit ihnen nicht mehr viel Staat zu machen sei. In den USA ist diese Sicht deutlicher ausgeprägt als hier, weil dort die Zahlen (anhand derer Rosin ihre These glaubwürdig stützen kann) eindeutig sind: Die Frauen sind häufiger die Ernährerinnen als je zuvor, zum ersten Mal in der Geschichte der USA sind mehr Frauen als Männer berufstätig, und Frauen überflügeln Männer bei der Ausbildung. Es ist eine gewisse und in gewissen Bereichen auch nicht zu leugnende weibliche Überlegenheit zu spüren, die darin gipfelt, dass im Buch Frauen zitiert werden, die trotz Kindern einen Mann in ihrem Leben für überflüssig halten, da er in seiner grossen Unfähigkeit und Stumpfheit ohnehin nur ein Klotz am Bein sei.

Unsentimentaler Pragmatismus

Was Rosin beschreibt, erkannte der Basler Soziologe Walter Hollstein bereits 2008. «Was vom Manne übrig blieb» hiess sein Werk, das soeben neu aufgelegt wurde. Darin zeigte er auf, dass sich die Männer verändern müssten, wollten sie in einer Welt mithalten, die sich zugunsten des Weiblichen verändere. Gleichzeitig warnte er davor, die männlichen Eigenschaften per se als negativ zu verdammen und Männer zu Frauen erziehen zu wollen.

Wie recht er hatte, zeigt sich darin, dass sich Schulbuben heute in der Pause nicht etwa beim Fussball austoben, sondern in einer Begegnungszone austauschen sollen. Und den erwachsenen Männern wird gesagt, sie sollten nicht so viel verdrängen, sondern über ihre Gefühle reden, sich mitteilen und spüren. Sie sollten besser zuhören und auf das Gegenüber eingehen und grundsätzlich mehr Empathie und Aufmerksamkeit an den Tag legen, sich also dringend mehr weibliche Eigenschaften aneignen.

Es ist deshalb an der Zeit, eine Lanze für die in Verruf geratenen männlichen Eigenschaften zu brechen. Denn Männer machen genuin eine Menge Dinge sehr richtig: Das männliche Denken strebt danach, Ärger und Probleme wenn immer möglich zu vermeiden. Pragmatismus pur ist das, ein effizienter Weg zu einem einfacheren Leben. Das wird den Männern als höhlenbewohnerartiges Verhalten ausgelegt; dabei ist unklar, was daran schlecht sein soll, wenn man bedenkt, wie viel Zeit Frauen darin investieren, über Probleme zu reden – oder sie herbeizureden. Männer überschlagen in jeder Situation millisekundenschnell Aufwand und Ertrag und gehen so entspannter durchs Leben.

Es ist deshalb nicht verkehrt, dass Männer ungern über ihre Gefühle reden. Es ist vielmehr ein Kreuz, dass dieses weibliche Bedürfnis zur Tugend erklärt worden ist. Selbst in der Psychologie weiss man, dass es mitunter klüger ist, über gewisse Dinge den Mantel des Schweigens zu werfen. Das ständige Abfragen und Kundtun der eigenen Befindlichkeit ist meist wenig hilfreich und trägt egozentrische Züge.

Männer beklagen sich bei ihren Freunden nie einen ganzen Abend lang über ihre Partnerin, wie Frauen das umgekehrt häufig tun. Männer sind zufrieden mit ihrer Beziehung, wenn eine Art längerfristiger Waffenstillstand herrscht und Sex regelmässig stattfindet, mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Frauen genügt das nicht, sie wollen mehr, sie wollen die Perfektion. Und sie haben eine Checkliste im Kopf, anhand deren ständig überprüft wird, ob sich das Gegenüber auch zur vollsten Zufriedenheit verhält. Hat er an den Geburtstag der Schwiegermutter gedacht? Daran, die Abfallsäcke rauszustellen? Mitbekommen, dass sie Mèches in Honigblond für 280 Franken hat machen lassen?

Männer genügen dagegen sich selbst. Ihnen deshalb vorzuwerfen, sie seien Trampel, verfehlt den Kern der Sache. Männern ist es egal, ob draussen 30 Grad und Sonnenschein herrschen – wenn ihnen danach ist, bleiben sie am Sonntagnachmittag auf dem Sofa liegen und gucken die «Simpsons» oder Formel 1 und sind mit sich und der Welt zufrieden. Frauen leiden unter der Obsession, die Freizeit «aktiv» gestalten zu müssen. Bei schönem Wetter unternimmt man etwas draussen, finden sie und stehen schon um 10 Uhr parat mit der gepackten Kühlbox und ärgern sich dann später auf der knallvollen Wiese am See den ganzen Tag darüber, dass alle anderen dieselbe Idee hatten wie sie.

Oder jetzt dann, an Weihnachten. Männer gehen am 24. Dezember noch schnell etwas einkaufen; irgendwas, weil sie zwar die elende Schenkerei unnötig finden, die Frauen in der Familie aber die Ansicht vertreten, dass es ohne «etwas Kleines» einfach keine richtigen Weihnachten seien. Ansonsten stehen die Feiertage aus männlicher Sicht für: Frei-Tage. Für Frauen bedeutet Weihnachten: Stress. Sie dekorieren und basteln und backen und kochen und bringen Mäscheli an Geschenken an, auf dass das Bändeli perfekt zum handgeschöpften Papier passe. Und sind am Weihnachtsabend mit den Nerven am Ende und nicht selten beleidigt – weil wieder einmal niemand ihren Einsatz und den selbst gemachten Teig für die fünf Kilo Guetsli genügend gewürdigt hat.

Dabei liegt der Grund für die Misere bei den Frauen selbst, da sie dauernd in diese Gefall-Falle tappen. Was Männern wiederum nicht passiert, weil sie gar nicht erst auf den Gedanken kommen, es allen recht machen zu wollen, auf dass man sie so richtig fest lieb habe. Männer gehen davon aus, dass dem einfach so ist. Wenn sie also in solchen Momenten die Ohren auf Durchzug stellen, dann zu Recht. Sie haben die Kunst des selektiven Hörens zur Perfektion gebracht. Das ist nichts Schlechtes – erst recht nicht in Zeiten wie diesen, da Experten vor der Reizüberflutung warnen und bücherweise Tipps dagegen geben.

Männliche Lockerheit tut gut

Weil ihnen das von Natur aus eigen ist, sind Männer in der Lage, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Auf Fussball. Oder Eishockey. Schlimm? Von wegen. Der Mann hat die Gabe, völlig darin aufzugehen und alles um sich herum zu vergessen während dieser Zeit. Die Frauen gehen zur Entspannung ins Yoga. Dort verharren sie dann im Hund und analysieren die Checkliste, meist mit einem unbefriedigenden Ergebnis. Während die Männer ein weiteres Bier aufmachen und finden, ihr Leben sei doch eigentlich sehr in Ordnung.

Wären die Frauen klug genug, sich ein paar dieser männlichen Eigenschaften zu eigen zu machen, würde dies ihr Dasein ungemein vereinfachen. Anders gesagt: Mit einer gesunden Portion männlicher Lockerheit wären Frauen wirklich unschlagbar. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.11.2012, 09:50 Uhr

Info

Hanna Rosin: The End of Men – And the Rise of Women. Penguin, New York, 2012. 310 Seiten, ca. 43 Fr.
ISBN 0-670-92264-1

Walter Hollstein: Was vom Manne übrig blieb. Opus Magnum, Stuttgart 2012. 308 Seiten, ca. 29 Fr.
ISBN 3-939322-57-1

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