Hintergrund

Eine alte Tugend kehrt zurück

Bescheidenheit steht wieder hoch im Kurs. In Zeiten des Überflusses verspricht sie Glück und Sinn. Doch Bescheidenheit ist in Wahrheit eine Luxustugend.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Jorge Mario Bergoglio alias Papst Franziskus hat die Herzen der Weltöffentlichkeit im Handumdrehen gewonnen: durch seine herzliche Bescheidenheit. Die Medien loben «die neue Bescheidenheit» und den «Papst der Bescheidenheit». Der neue Papst schmückt sich nur zurückhaltend mit kirchlichem Pomp. Plötzlich sprechen alle davon, dass Bergoglio als Erzbischof von Buenos Aires am liebsten mit dem Bus durch die überfüllten Strassen der Metropole fuhr. Die positive Resonanz – nicht nur unter Katholiken – wirkt wie ein kollektives Aufatmen: Wir haben den richtigen Papst zur richtigen Zeit, oder: Bescheidenheit hat Konjunktur.

«Bitte mehr Bescheidenheit»: Dieser Ruf ertönt nicht nur in den Hallen des Vatikans, sondern auch im Zusammenhang mit exorbitanten Managerlöhnen. Die zunehmenden Lohnexzesse von Topmanagern stossen vielen Menschen sauer auf. Das Schweizer Stimmvolk hat der Abzockerei an der Urne eine symbolische Absage erteilt und war sich mit 67,9 Ja-Stimmen darin so einig wie schon lange nicht mehr. Auch das EU-Parlament hat eine Obergrenze für Boni beschlossen. Und der streitbare Ökonom Tomas Sedlacek hat soeben sein Buch «Bescheidenheit – für eine neue Ökonomie» veröffentlicht. Andere Bücher proklamieren «Weniger ist mehr» und «The Age of Less».

Stars in der U-Bahn

Auch «Das Magazin» preist «das Vergnügen, bescheidener zu werden» und widmet dem Thema gleich ein ganzes Heft. Es ist unübersehbar: Der Moment der Mässigung ist da. Eine alte Tugend steht wieder hoch im Kurs. In der Schweiz hielt man ja schon immer viel von Bescheidenheit und ist nicht überrascht, Politiker im Zug anzutreffen. Doch neuerdings fahren auch in London Prominente U-Bahn und verschicken «Tube Tips» auf Twitter, berichtet «The Telegraph». Bescheidenheit galt bereits bei Aristoteles als Charaktertugend. Wichtig ist sie auch im Taoismus oder in der Bibel, speziell in ihrer protestantischen Interpretation durch Martin Luther und Johannes Calvin.

Die Sehnsucht nach dem Einfachen wächst. In westlichen Gesellschaften haben wir mehr als genug. Schweizer brauchen durchschnittlich bloss noch acht Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel. Wir leben im Überfluss, den uns die Konsumindustrie als Mangel verkaufen will. Und wir stellen fest: Wir sind nicht glücklich. Die Sinnkrise der Überflussgesellschaft ist ein zentraler Grund für den Aufschwung der Bescheidenheit.

Genug oder zu viel?

Der unbeschwerte Hedonismus ist ausgekostet. Dem unreflektierten Konsum der 90er-Jahre folgte der Overkill. Diejenigen, die zu viel hatten, rufen nun nach Mässigung. Die Popularität der Bescheidenheit hängt eng mit den volkswirtschaftlichen Konjunkturzyklen zusammen. Wir stehen in der Schweiz am Ende eines längeren, wenn auch nicht ungebrochenen Wirtschaftswachstums. Seine Selbstverständlichkeit ist aber erschüttert. Soziale Ungleichheiten haben sich verstärkt – nicht nur in den von der Eurokrise betroffenen Ländern. Auch in der Schweiz stehen Lohn- und Konsumexzesse von Superreichen vielen Familien gegenüber, die unter die Armutsgrenze rutschen. Zudem stellt Ressourcenknappheit das ökonomische Wachstumsmodell grundsätzlich infrage. Mit Effizienzsteigerung allein lässt sich die Knappheit nicht auffangen. Suffizienz heisst das neue Ziel: die Beschränkung auf das Genügende statt der Suche nach dem Mehr.

Bescheidenheit bedeutet, nicht mehr für sich zu beanspruchen, als man tatsächlich braucht. Die Grenze zwischen genug und zu viel lässt sich nicht abschliessend ziehen, aber die Diskussion ist eröffnet. In einem Interview mit dem «Stern» wurde Josef Ackermann, der ehemalige Chef der Deutschen Bank, einmal gefragt, ob er als reicher Mann wirklich 14 Millionen Euro verdienen müsse, sieben Millionen täten es doch auch. Ackermann antwortete, er brauche das Geld nicht und lebe bescheiden. Doch die Leute in der Bank würden ihre Motivation und den Respekt vor ihm verlieren, wenn er es nicht nehmen würde. Ackermann schiebt damit die Verantwortung für den Exzess auf das System; seine Bescheidenheit scheint scheinheilig. Bescheidenheit ist eine persönliche Tugend, sie basiert auf dem eigenen Gewissen und verlangt entsprechende Entscheidungen. In seinem Buch über Bescheidenheit in der Ökonomie sagt Thomas Sedlacek denn auch: «Meine Kritik zielt in erster Linie auf mich selbst.»

Eine Luxustugend

Nimmt man Bescheidenheit ernst, geht das nicht ganz schmerzfrei. Schliesslich muss man sich bei vollem Bewusstsein Gelegenheiten des Genusses entgehen lassen. Bescheidenheit bedeutet Selbstbeschränkung, Zügelung des eigenen Begehrens: keine Luxusferien in St. Moritz für 250'000 Franken, obwohl man es sich leisten könnte. Kein Easyjet-Flug für ein Wochenende in Lissabon, obwohl er zum Schnäppchenpreis zu haben ist. Ein veganer Lebenswandel ohne tierische Nahrungsmittel. Ein bescheidener Mensch will weniger, kauft weniger, stellt weniger dar, als es ihm möglich wäre. Und er schmückt sich nicht damit.

«Das Vergnügen, bescheidener zu werden», welches das «Magazin» proklamiert, kann somit nur ein moralisches und kein hedonistisches sein. Das Vergnügen liegt im Versprechen, dass der Verzicht Sinn und dieser Sinn glücklich macht. Und mehr Freiheit bringt. Doch ein Verzicht ist, nüchtern betrachtet, nur dann sinnvoll, wenn andere etwas davon haben – womit wir wieder bei Franziskus wären, der bereits als Papst der Armen gehandelt wird. Wie Papst Franziskus das Versprechen der wohltätigen Armut, das er mit seinem Namen als Motto gewählt hat, einlösen wird, steht auf einem anderen Blatt. Dazu müsste er zuerst einen Grundkonflikt der katholischen Kirche lösen: den Widerspruch zwischen dem Armutsgebot Christi und dem seit bald zwei Jahrtausenden angehäuften kirchlichen Reichtum.

Ohne einen Nutzen für andere läuft Bescheidenheit Gefahr, zur Luxustugend zu werden. Wenn wohlhabende Menschen Bescheidenheit zum Leitprinzip des Konsumverhaltens ausrufen und gleichzeitig 14 Prozent der Schweizer Bevölkerung armutsgefährdet sind, hat das einen bitteren Beigeschmack. Ebenso wenn westliche Länder mit Sorge über den wachsenden Konsum in Schwellenländern spekulieren. Die moralische Überlegenheit der Askese kippt rasch in die Arroganz des moralisch Überlegenen. Dass das nicht passiert, liegt in der Verantwortung jedes Einzelnen. Die Frage nach dem Genug ist nicht nur eine Frage des Lifestyles. Oder in freier Interpretation des Sprichworts: Reden ist nicht alles, Tun schon.

Erstellt: 23.03.2013, 15:44 Uhr

Bücher

David Bosshart: The Age of Less. Die neue Wohlstandsformel der westlichen Welt. Murmann-Verlag, 2011. 223 S., ca. 30 Fr.

Tomas Sedlacek und David Orell: Bescheidenheit – für eine neue Ökonomie. Hanser-Verlag, 2013. 117 S., ca. 20 Fr.

Robert & Edward Skidelsky: Wie viel ist genug? Vom Wachstumswahn zu einer Ökonomie des guten Lebens. Kunstmann-Verlag, 2013. 319 S., ca. 29 Fr.

Artikel zum Thema

Die neue Bescheidenheit

An der North American International Auto Show (NAIAS) fahren die Amerikaner kompakte Autos ins Rampenlicht. Mehr...

Er feilschte bis zuletzt

Hintergrund Zwar lenkt Vasella nun ein, auf die 72 Millionen Franken zu verzichten. Novartis muss aber auf das Konkurrenzverbot für den abtretenden VR-Chef verzichten. Die Details zum harten Kampf um die Einigung. Mehr...

Aufschrei im Mittelstandsparadies

Das Ja zur Abzockerinitiative ist ein Nein zu einem neuen Geldadel. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Die Welt in Bildern

Auf Händen getragen: Eine handgeschnitzte Statue der Jungfrau Maria wird anlässlich des Fests zu Ehren der «Virgen del Carmen» durch die andalusische Stadt Málaga geführt. (16. Juli 2019)
(Bild: Daniel Perez / Getty Images) Mehr...