Eine bittere Pille für Scientology

Das umfangreiche Enthüllungsbuch eines Starjournalisten bringt die Scientologen in den Vereinigten Staaten ins Schwitzen.

Scientology behauptet, in den USA 3,5 Millionen Anhänger zu haben: Kirche der Sekte in Los Angeles.

Scientology behauptet, in den USA 3,5 Millionen Anhänger zu haben: Kirche der Sekte in Los Angeles. Bild: Reuters

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In den USA ist der Ruf von Scientology noch halbwegs intakt. Hollywoodstars wie Tom Cruise oder John Travolta bildeten bisher erfolgreich eine Schutzmauer. Die meisten Medien wollten die Leinwandhelden nicht gegen sich aufbringen oder die Leser verärgern. Doch die Schonzeit läuft ab. Nach mehreren Skandalen und der spektakulären Flucht von Cruises Ehefrau Katie Holmes sorgt der Starjournalist Lawrence Wright mit seinem Buch «Going Clear. Scientology, Hollywood and the Prison of Belief» (Geklärt werden. Scientology, Hollywood und das Gefängnis des Glaubens) für Schlagzeilen.

Pulitzer-Preisträger Wright trug jahrelang Material über Scientology zusammen und führte mit über 250 ehemaligen und aktiven Sektenanhängern Interviews, unter ihnen Aussteiger aus der Teppichetage. Einer der Kronzeugen ist der bekannte Regisseur und Drehbuchautor Paul Haggis («Million Dollar Baby»), der sich nach 34 Jahren aus dem «Gefängnis des Glaubens» befreit hat. Die Enthüllungen umfassen 450 Seiten.

Behilflich bei seinen aufwendigen Recherchen waren ihm ausgerechnet die Scientologen. Als Wright Stellungnahmen bei der Sekte einholen wollte, bekam er Besuch vom Scientology-Sprecher und vier Anwälten. Um seine Thesen zu widerlegen und ihn mit Unterlagen zuzumüllen, schleppten sie rund 50 Ordner an. Das Material entpuppte sich für Wright aber als Fundgrube.

1 Milliarde flüssige Mittel

Wright hat bei den US-Medien einen Damm zum Einsturz gebracht. Obwohl das Buch erst seit ein paar Tagen auf dem Markt ist, werden seine Enthüllungen in den Medien breit präsentiert. Für Scientology ist das ein GAU, denn Wright zerschlägt die Mythen der Sekte gleich reihenweise.

Zuerst räumt der Autor mit den Propagandazahlen von Scientology auf. Die Sekte behauptet, in den USA 3,5 Millionen Anhänger zu haben, der Autor konnte aber gerade mal 25'000 überzeugte Mitglieder ausmachen. Auch andere Zahlen sind für die Sekte, die sich Kirche nennt, nicht schmeichelhaft. Die liquiden Mittel betragen laut Wright eine Milliarde Dollar, der Immobilienbesitz belaufe sich auf 1 Million Quadratmeter, der Gebäudewert allein in Hollywood auf 400 Millionen Dollar.

Zur Abtreibung genötigt

Wright zeichnet ausserdem ein unvorteilhaftes Sittenbild von Ron Hubbard und seiner Organisation. Der Gründer von Scientology habe seine Umgebung terrorisiert. Zum Beispiel habe er Frauen geschlagen und Matrosen über Bord werfen lassen. Sein Nachfolger David Miscavige, ein enger Freund von Tom Cruise, stehe ihm kaum nach. Bei Wutanfällen habe er hochrangige Mitarbeiter blutig geschlagen, erklärten ehemalige Vertraute des Sektenbosses im Buch. Scientology habe schon Mitte der 50er-Jahre begonnen, Promis zu ködern. Um eine Lebenspartnerin für Tom Cruise zu finden, habe Scientology Castings für junge Schauspielerinnen organisiert.

Weiter kritisiert Wright die autoritären Strukturen der Sekte. Unfolgsame Mitglieder würden streng bestraft oder gar misshandelt, das interne Kontrollsystem sehe Strafen vor, die an Freiheitsberaubung grenzten, die Geldgier sei sehr ausgeprägt. Ausserdem seien Scientologinnen zur Abtreibung genötigt worden. Wright kommt zum Schluss, dass vor allem die strengen Regeln, die finanzielle Macht über die Mitglieder und die soziale Isolation das rigide Abhängigkeitssystem ermöglichten. Scientology weist die Vorwürfe von Wright pauschal zurück.

Kaum war das Werk im Handel, schlug Scientology im Internet mit einem Weissbuch zurück. Wright hatte viele Domain-Namen blockiert, aber einen vergessen: www.lawrencewrightgoingclear.com. Die Sekte bezeichnet dort das Buch, das voll von Fehlinformationen sei, als «eklatant bigott». Zu sehen ist auch ein Porträt von Wright. Allerdings gleicht er darauf mehr einem Vampir als einem menschlichen Wesen. Das Bild ist ein Vorgeschmack darauf, was Wright in der weiteren Auseinandersetzung erwartet.

Erstellt: 30.01.2013, 10:19 Uhr

Lawrence Wright, «Going Clear», Random House, 2013, 400 Seiten, ca. Fr. 47.- (Bild: PD)

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