«Einem Baby bringt es nichts, wenn es früh durchschläft»

Was tun, wenn das Baby nicht schlafen will? Die Schlafberaterin Sibylle Lüpold weiss Rat.

Der Schoppen als Schlafhilfe: Laut der Schlafberaterin Sibylle Lüpold ist das längerfristig keine Lösung. Foto: Sam Bloomberg (Getty)

Der Schoppen als Schlafhilfe: Laut der Schlafberaterin Sibylle Lüpold ist das längerfristig keine Lösung. Foto: Sam Bloomberg (Getty)

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Unser Sohn ist neun Monate alt und erwacht in der Nacht alle 1,5 bis 2 Stunden. Sein älterer Bruder schlief in diesem Alter schon durch. Was haben wir falsch gemacht?
Beim ersten oder beim zweiten Sohn?

Beim zweiten natürlich!
Soweit ich Ihre Situation beurteilen kann: nichts! Es ist ganz normal, dass ein Stillkind im ersten Lebensjahr nicht durchschläft und regelmässig wach wird. Die Eltern haben immer den Fokus aufs frühe Durchschlafen, weil sie sich erhoffen, dass ihre Nächte wieder erholsamer werden. Dem Kind aber bringt es gar nichts, wenn es früh durchschläft.

Warum nicht? Es ist doch auch nicht erholsam für das Kind, wenn es ständig erwacht?
Das ist ein Trugschluss der Eltern, weil wir davon ausgehen, dass wir möglichst am Stück schlafen müssen, um erholt zu sein. Das ist gar nicht der Fall. Die Idee des Durchschlafens ist relativ jung. Der menschliche Schlaf ist fragmentiert. Der Jäger und Sammler von einst hat nicht einfach acht Stunden am Stück geschlafen, das wäre viel zu gefährlich gewesen. Erst mit der Industrialisierung und der Leistungsgesellschaft kam dieser Druck, in der Nacht am Stück schlafen zu müssen, um am Morgen wieder leistungs­fähig zu sein.

Was bringt es denn dem Kind, regelmässig wach zu werden?
Stillkinder regen durch das Trinken in der Nacht die Milchproduktion an. Einer der häufigsten Abstillgründe ist, dass die Mutter zu wenig Milch hat. Dem wirkt das regelmässige Stillen in der Nacht am besten entgegen.

«Das häufige Aufwachen ist ein Schutzfaktor und verhindert so auch den plötzlichen Kindstod.»

Und abgesehen vom Stillen?
Es bringt dem Kind Sicherheit. Das häufige Aufwachen ist ein Schutzfaktor und verhindert so auch den plötzlichen Kindstod, bei dem das Kind in der Tiefschlafphase plötzlich zu atmen aufhört. Ein Kind, das gar nicht erst in lange ­Tiefschlafphasen gerät, ist dadurch ­geschützt.

Von mir aus darf unser Sohn ja gern ab und zu erwachen. Aber er könnte ja auch einfach wieder einschlafen, statt jedes Mal zu schreien . . .
Das ist die zweite häufige Fehlannahme von Eltern: Sie glauben, dass ein Kind kognitiv gleich funktioniert wie ein Erwachsener. Wenn ich an einem fremden Ort übernachte, brauche ich in der Nacht einige Sekunden, um mich wieder zurechtzufinden. Dabei hilft mir mein Verstand. Diese kognitive Leistung vermag ein kleines Kind noch nicht zu erbringen: Jedes Mal, wenn ein Baby in der Nacht aufwacht, muss es sich über seine Sinnesorgane vergewissern: Bin ich noch in Sicherheit? Spüre ich die Mama, rieche, höre ich sie? Im Idealfall kann das Kind im Leichtschlaf diese Sicherheitsprüfung machen und gleich wieder in den Schlaf abgleiten. Wenn es diese Signale aber nicht empfängt, ist es ­gezwungen, wach zu werden und diese Sicherheit einzufordern. Sprich: Es schreit, bis Mama und Papa kommen, es trösten und beruhigen.

Wie kommt es, dass Kinder im Kinderwagen oder im Auto oft länger am Stück schlafen als nachts im Bett?
Die Bewegung simuliert dem Kind, dass es getragen wird, und signalisiert ihm so Sicherheit. Deshalb erwachen Kinder oft auch sofort, wenn man sie vom Tragetuch ins Bett legen will. Dazu kommt, dass der Schlaf am Tag sowieso weniger problematisch ist als in der Nacht. Die Nacht löst zusätzliche Ängste aus.

Würde unser Sohn besser schlafen, wenn ich abstillen würde? Hilft der berühmte «dicke Schoppen» (Flaschenmilch)?
Nein, längerfristig nicht, das haben zahlreiche Untersuchungen gezeigt. Tatsächlich aber sind die Nächte mit Stillkindern anstrengender als mit Flaschenkindern. Einerseits weil sich die Kinder mehr melden, andererseits reagieren die Mütter aber auch schneller. Muttermilch ist schnell verdaut, ein Stillkind braucht häufig kleinere Portionen. Die grossen Vorzüge der Muttermilch werde ich hier jetzt aber nicht aufführen.

Was ist mit dem Einschlafstillen?
Viele warnen vor dieser Assoziation: dass das Kind nur schläft, wenn es an der Brust ist. Dabei ist das total sinnvoll und auch in der Menschheitsgeschichte schon immer so gewesen. Die Muttermilch enthält sogar Stoffe, die einschläfernd wirken, das Einschlafstillen ist also quasi von der Natur so vorgesehen. Aber auch das ist ein Entwicklungsprozess. Ein 6 Monate altes Kind, das die Brust braucht, um einzuschlafen, ist später sehr wohl bereit, diese Verknüpfung wieder zu lösen. Wenn also die Mutter nicht mehr mag, was total legitim ist, kann sie das verändern. Ich würde damit einfach warten, bis das Kind jährig ist – davor bleibt der Erfolg oft aus.

«Es ist wichtig, dass die Eltern begreifen: Das Kind kann nicht anders, es kann sich nicht zusammenreissen».

Warum?
Weil das Kind trotzdem häufig erwacht und Unterstützung benötigt. Aus all den anderen Gründen – etwa wegen der emotionalen und motorischen Entwicklung. Es kann dann sein, dass die Eltern noch in eine anstrengendere Situation kommen als mit dem Stillen, wenn sie das Kind herumtragen oder nachts eine Flasche machen müssen. Erst ab dem ­Alter von rund einem Jahr bringt das nächtliche Abstillen wirklich eine Verbesserung. Vorher gilt es einfach abzuwägen: Ist die Erschöpfung der Mama so gross, dass sie die Verschlechterung der Situation für das Kind rechtfertigt?

Wenn das häufige Aufwachen völlig normal ist: Warum haben denn in meinem Umfeld so viele so wunderbar schlafende Kinder?
Jedes Kind ist anders, nicht jedes Kind hat die gleichen Bedürfnisse. Es gibt durchaus Kinder, die schon relativ früh recht entspannt schlafen. Die Bandbreite ist gross. Manche Kinder haben aber auch einfach verstanden, dass ihre Eltern nachts nicht zur Verfügung stehen, und haben diesbezüglich aufgegeben, ihre Bedürfnisse anzumelden.

Die Generation meiner Eltern würde wohl sagen: Lasst die doch mal schreien! Ihr verzieht diese Kinder!
Diese Angst, ein Kind zu «verwöhnen», ist leider immer noch sehr präsent. Aber Kinder treiben keine Machtspiele, sie sind den Eltern total ausgeliefert und ­fügen sich ihnen ja grundsätzlich in den allermeisten Situationen. Beim Schlafen haben Kinder jedoch ein Bedürfnis nach Nähe, um sich sicher fühlen zu können.

Aber ist es nicht wichtig, dass die Kinder lernen, Bedürfnisse aufzuschieben?
Ja, aber dafür muss zuerst das entsprechende Areal im Hirn entwickelt sein, der präfrontale Cortex. Das ist frühestens ab drei, dreieinhalb Jahren der Fall. Ein Baby kann seine Bedürfnisse schlichtweg nicht aufschieben. Es ist wichtig, dass die Eltern begreifen: Das Kind kann nicht anders, es kann sich nicht «zusammenreissen».

Unser Sohn hat bis 6 Monate immer besser geschlafen. Dann hat es sich plötzlich verändert. Warum?
Die ersten drei Monate schlafen die meisten Babys noch nicht sehr gut. Dann schlafen viele etwas besser, manche schlafen sogar schon durch. Zwischen 6 und 12 Monaten wachen die meisten Kinder wieder häufiger auf.

Weshalb?
Die motorische Entwicklung – krabbeln, sitzen, stehen, gehen – beschäftigt die Kinder auch im Schlaf, sie üben buchstäblich weiter. In dieser Zeit ist auch die Fremdenangst am grössten: Da realisiert das Kind, dass seine Eltern weggehen könnten. Es nimmt vermehrt seine Umgebung wahr und verarbeitet diese Eindrücke in der Nacht. Dazu kommt das Zahnen. Viele Kinder werden ausgerechnet dann ausquartiert, was aber dem Entwicklungsschritt des Kindes und dem stärkeren Nähebedürfnis direkt entgegenläuft. Nach dem ersten Geburtstag gehts dann häufig wieder ­besser.

Was ist mit dem Bedürfnis der Eltern nach Intimität?
Wenn es ihnen sehr wichtig ist, dass das Elternzimmer ihre Privatsphäre ist, können sie auch im Kinderzimmer eine grosse Schlaffläche einrichten. Dann können Mama oder Papa anfangs noch beim Kind schlafen oder auch nur einschlafen. Ab dem ersten Geburtstag kann sich der Elternteil langsam zurückziehen. Auch ein Geschwisterbett kann dann eingeführt werden.

* Eine ausführliche Version dieses Interviews lesen Sie auf dem Blog Kleinstadt.ch, den die Journalistin und zweifache Mutter Sarah Pfäffli (35) mit zwei Kolleginnen betreut. (Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 11.02.2018, 18:46 Uhr

Sibylle Lüpold

Pflegefachfrau und Schlafberaterin

Die 42-Jährige hat sich selber zur Schlafberaterin ausgebildet, weil sich bei ihr in der Stillberatung «drei Viertel der Fragen ums Schlafen drehten». Seit 10 Jahren berät sie Familien (1001kindernacht.ch). Ihre klassischen Kunden sind Eltern, die mit Baby zwischen 8 und 10 Monaten Rat suchen. Aus ihrer Beschäftigung mit Stillen und Schlafen sind zwei Bücher entstanden: «Stillen ohne Zwang» und «Ich will bei euch schlafen». Die Nachfrage nach Beratungen steigt so stark, dass Sibylle Lüpold unterdessen selber Schlafberaterinnen ausbildet. Sie hat drei Söhne (14, 12 und 8), die heute alle wunderbar schlafen.

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