Hintergrund

Einsam in Amerika

In den USA steigt die Selbstmordrate an. Politiker und Wissenschaftler fragen sich: Ist die Wirtschaftskrise schuld, oder leidet die Bevölkerung am Ende doch unter der fortschreitenden Einsamkeit?

In den USA sterben mehr Menschen durch Suizid als durch Verkehrsunfälle: Ein Mann läuft über eine Brücke.

In den USA sterben mehr Menschen durch Suizid als durch Verkehrsunfälle: Ein Mann läuft über eine Brücke. Bild: Plainpicture

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Auch wenn die blutigen Presseberichte zu Amokläufen, Bombenanschlägen und Gang-Schiessereien etwas anderes vermuten liessen – in den USA wird das Leben immer friedlicher. Es wird weniger geschossen: Kamen vor 20 Jahren noch sieben Todesfälle durch Schusswaffen auf 100'000 Einwohner, sind es heute laut dem Pew Research Center nur noch halb so viele. Nicht tödliche Gewaltverbrechen sind um mehr als zwei Drittel zurückgegangen, und auch Raubüberfälle wurden seltener. Man braucht nicht so weit zu gehen wie der Harvard-Psychologe Steven Pinker, der behauptet, wir Menschen erlebten «die wohl friedlichste Phase in der Existenz unserer Spezies». Trotzdem: In den USA nimmt die Gewalt im Alltag ab.

Das gilt für praktisch alle Formen der Gewalt ausser einer: Amerikaner töten sich häufiger selbst als noch vor zehn Jahren. Die nationale Behörde zum Schutz der öffentlichen Gesundheit hat dieser Tage bekannt gegeben, die Zahl der Selbstmorde habe in den USA die Zahl der Verkehrstoten überholt. 2010 starben 33'687 Menschen im Strassenverkehr, 38'364 durch die eigene Hand. Die Zahl der Selbstmorde pro 100'000 Einwohner ist seit dem Jahr 2000 stetig angestiegen, von 10,7 auf 12,4. Diese Entwicklung spiegelt keinen internationalen Trend: In der Europäischen Union geht die Zahl der Selbstmorde zurück, und auch in der Schweiz ist die Suizidrate seit den Achtzigerjahren rückläufig, allerdings auf höherem Niveau (siehe Grafik).

Gefährdet: Männer ab 50

Wissenschaftler und Politiker in den USA rätseln nun, woher die erhöhte Bereitschaft zum Selbstmord rühren könnte. Im Verdacht steht die Wirtschaftskrise, die seit 2007 so viele Amerikaner um ihre Arbeitsplätze, Einkommen und Eigenheime gebracht hat. «Die Zahl der Selbstmorde ist im selben Zeitraum angestiegen, wie die finanzielle Stabilität zahlreicher Familien abgenommen hat», sagt Ileana Arias, die stellvertretende Direktorin der Centers for Disease Control and Prevention. Dazu passt, dass laut Statistik nicht schwermütige Jugendliche und lebensmüde Hochbetagte vermehrt Suizid begehen, sondern vor allem Menschen mittleren Alters – also Erwerbstätige, denen eine Neuorientierung nach Verlust des Arbeitsplatzes besonders schwer fallen dürfte. Männer im fünften Lebensjahrzehnt töten sich bis zu 50 Prozent häufiger als noch vor 10 Jahren, und auch Frauen, obwohl weit weniger suizidgefährdet als Männer, begehen im Lebensabschnitt zwischen 50 und 64 Jahren häufiger Selbstmord als früher.

Die Korrelation zwischen Krise und Suizidrate lässt sich belegen, behaupten David Stuckler und Sanjay Basu, zwei Gesundheitswissenschaftler der Universitäten Stanford und Oxford. So seien die Selbstmorde zwischen 2007 und 2009 in genau jenen Gegenden der USA stark angestiegen, wo auch besonders viele Jobs verloren gegangen seien. Wie im krisengeplagten Süden Europas sähen sich in den USA geschasste Arbeitnehmer so sehr in ihrer Existenz bedroht, dass sie dieser aus Verzweiflung selbst ein Ende setzten. Solche tödlichen Kriseneffekte gab es früher schon: US-Historikern zufolge hatte die Zahl der Selbstmorde in der Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre zugenommen (derweil die Zahl der Verkehrstoten eingebrochen war, weil sich niemand mehr Benzin leisten konnte).

Verkauf von Antidepressiva nimmt zu

Allein aber greift das Argument der Wirtschaftskrise wohl zu kurz. Schliesslich lässt nicht jede Krise die Suizidrate steigen. Island ist jüngst besonders tief abgestürzt und hat beim Internationalen Währungsfonds Hilfe beantragen müssen. Trotzdem attestierte der erste UNO-Weltglücksbericht den Isländern letztes Jahr, sie seien eines der zufriedensten Völker überhaupt. Die Suizidrate blieb trotz Krise einigermassen stabil. Laut Stuckler und Basu, die ein Buch über die gesundheitlichen Folgen von wirtschaftlich düsteren Zeiten verfasst haben («The Body Economic»), liegt das am Krisenmanagement: Statt die Banken zu retten und dafür Staatsausgaben zu kürzen, liess Island über das Vorgehen abstimmen und bezahlt seine ausländischen Gläubiger nun in Raten ab. Das Gesundheitswesen blieb intakt, niemand steht ohne Schutz da.

Ganz anders in Südeuropa und eben zunehmend auch in den USA, wo auf Austerität gesetzt wird, auf strenge Sparmassnahmen. Diese Politik töte, schreiben Basu und Stuckler: «Wenn Austerität klinisch getestet würde wie ein Medikament, sie wäre wegen ihrer tödlichen Nebenwirkungen schon lange gestoppt worden.»

In den USA hätten in den letzten Jahren 5 Millionen Bürger den Zugang zu einer Gesundheitsversicherung verloren. Viele schöben aus Angst vor Kosten eine Abklärung durch den Arzt auf und landeten deshalb später auf der Notaufnahme. Der Verkauf von Antidepressiva habe zugenommen, genauso wie der Alkoholkonsum.Dass in den USA viele starke Schmerzmittel relativ leicht erhältlich sind, könnte die Suizidrate zusätzlich erhöhen: Laut Statistik nehmen Selbsttötungen durch Vergiftung und Medikamente zu.

Babyboomer unter Druck

Die Wissenschaftler der Centers for Disease Control and Prevention haben aber noch eine weitere Theorie zum Anstieg der Selbstmorde. Die Generation der Babyboomer, die jetzt im Pensionsalter steht und die Suizidstatistik nach oben treibt, sei an sich gefährdeter als frühere Kohorten: «Irgendetwas scheint mit dieser Gruppe los zu sein – mit der Art und Weise, wie sie das Leben und ihre Lebensentscheidungen betrachtet», sagt Vizedirektorin Ileana Arias. Zwar behauptet niemand, die Babyboomer seien empfindsamer als andere oder hätten gar eine Veranlagung zur Selbsttötung.

Eher sieht man sie unter besonderem Druck. Dies finanziell, wenn sie für ihre betagten Eltern wie für ihre erwachsenen Kinder aufkommen müssen, aber auch sozial, da sie in nie da gewesener Zahl aus den klassischen Familienstrukturen geflohen sind und nun im Alter oft allein dastehen. Ein Verlust des Arbeitsplatzes oder die Pensionierung können da leichter einen tödlichen Isolationsschub auslösen: «Im Moment erreichen jeden Tag 10 000 Babyboomer das Rentenalter», schreibt Judith Shulevitz in der Zeitschrift «New Republic». «Damit wird die Zahl der einsamen Amerikaner sicher ansteigen.»

Gemeinschaft verlangt Unterordnung

Und so entfachen die Deutungsversuche der steigenden Suizidrate eine ältere Debatte neu: jene um den Niedergang des amerikanischen Gemeinwesens. 1995 hatte der Soziologe Robert Putnam in einem berühmt gewordenen Aufsatz mit dem schönen Titel «Bowling Alone» behauptet, zahlreiche Sphären des gemeinschaftlichen Austauschs trockneten gefährlich aus in Amerika. Seine These: Die Menschen ziehen sich aus der Gemeinschaft mit anderen zurück. Vereinskultur, Freiwilligenarbeit und Nachbarschaftshilfe sterben aus; das Vertrauen in Fremde schwindet. Weil die Amerikaner so häufig den Wohnsitz wechseln, verlieren sie den Bezug zu Heimat und Wurzeln. Und weil sie auf dem Arbeitsweg jeden Tag Stunden allein im Auto verbringen, fehlt ihnen die Zeit für Freunde und Fremde. All das hat einen politischen Effekt: Das Interesse an der demokratischen Gemeinschaft sinkt – die Wahlbeteiligung auch.

Auch für Putnam hatte dieser Geselligkeitsniedergang etwas zu tun mit der Generation der Babyboomer, also den etwa zwischen 1946 und 1964 zur Welt Gekommenen (Putnam selber ist 1941 geboren). Während er den nationalen Zusammenhalt während des Zweiten Weltkriegs und in den 50er-Jahren als starke Phase amerikanischer Gemeinschaft lobte, sah er den Abstieg in den 60ern und 70ern anbrechen. Die wilde Generation nach 1968 habe viele Formen der Gemeinschaft zerschlagen, weil sie sie als beengend empfunden habe. Im Streben nach Selbstverwirklichung seien Traditionen wie die bürgerliche Familie oder die klassische Berufslaufbahn nur im Weg gestanden. Gemeinschaft ist nicht nur warm und schön, sie verlangt auch Unterordnung und kann einem die Luft abschnüren, notierte der Soziologe Zygmunt Bauman.

Verfechter des «einsamen Amerika»

Putnams Arbeit wurde von Kollegen rasch als Meinungsstück abgetan. In der Öffentlichkeit aber hat seine These eingeschlagen. Fast jedes Jahr erscheinen neue Werke, die die angeblich fortschreitende Vereinsamung der Amerikaner ausleuchten. Dabei kommt Interessantes zutage. Eine Studie der Universitäten Duke und Arizona befand 2006 zum Beispiel, die Amerikaner hätten immer weniger Gesprächspartner, die Zahl freundschaftlicher Bindungen verringere sich. Zugleich machten die Forscher einen Rückzug in die Kernfamilie aus, was man im christlich-konservativen Amerika natürlich erfreut zur Kenntnis nahm. Statt mit Freunden reden die Amerikaner demnach immer mehr mit ihren Ehepartnern. Die Autoren begründen dies damit, dass die Leben der Ehepartner sich heute «strukturell ähnlicher» seien als noch 1985: Weil häufiger beide Eheleute arbeiten und die Kinder gemeinsam grossziehen würden, hätten sie sich automatisch mehr zu sagen.

Die Verfechter des «einsamen Amerika» sind sowohl Kritiker als auch Erben der Babyboomer. Einerseits werfen sie den 68ern vor, sich zu sehr um das private Glück und zu wenig um das Gemeinwesen gekümmert zu haben. Andererseits halten sie an der technologiekritischen Geisteshaltung der Nachkriegsgeneration fest und machen die neuen Medien mitverantwortlich für die Ausdehnung des Alleinseins. Autoren wie die Professorin Sherry Turkle (geboren 1948) sind sich sicher, dass Facebook und Twitter nicht vernetzen, sondern Einsamkeit streuen. Andere schreiben von «der Einsamkeit unserer elektronischen Höhlen» und vom Paradox, dass wir «verbunden und doch einsam» seien. Für den Kolumnisten Ross Douthat ist die falsche digitale Geselligkeit mit ein Grund für die steigende Suizidrate. Viele Menschen seien auf der Suche nach traditionellen Formen der Gemeinschaft, wie sie durch «geteilte Gene, geteilte Erinnerung, geteilte Geografie» entstünden.

Virtuelle Wärme

Solche Lamenti bringen die Apologeten der Geselligkeitstechnologien zur Verzweiflung. Claude Fischer, der Autor von «Still Connected», klagt über «Einsamkeitsangstmacherei», die eine Konstante in der amerikanischen Kultur sei. Tatsächlich stammt ein berühmtes Buch zum Thema, «The Lonely Crowd», schon aus dem Jahr 1950. Aus einer Zeit also, die Robert Putnam als Zenit des Zusammenhalts ausmachte. Die Sorge um den Gemeinschaftsverlust ist nie mehr verschwunden. Und hat in den Unterhaltungsmedien längst zu einem Verteidigungsexzess geführt. Filme und Fernsehserien bombardieren das amerikanische und internationale Publikum mit warmen Momenten der Freundschaft und des Familienlebens, die so wohl niemals Standard waren. Gemessen daran, erscheint die Realität noch etwas trüber, als sie ist. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.05.2013, 07:48 Uhr

Mehr Suizide in den USA (Bild: TA-Grafik san/Quelle: Eurostat, BFS, AFSP)

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