«Endlich mal Geistesverwandte entdeckt»

Der ehemalige Late-Night-Talker Harald Schmidt kommt derzeit ziemlich viel zum Lesen. Im Interview verrät der Entertainer, was er sonst noch so tut im Leben.

«Da qualmt Ihnen der Schädel»: Harald Schmidt (57); Entertainer, rühmt die Goncourt-Tagebücher und stellt sie am 3. Dezember in Basel vor.

«Da qualmt Ihnen der Schädel»: Harald Schmidt (57); Entertainer, rühmt die Goncourt-Tagebücher und stellt sie am 3. Dezember in Basel vor. Bild: Thomas Kienzle/Keystone

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Wer hat denn diese wunderbare Idee gehabt, die Goncourt-Tagebücher in Basel vorzustellen?
Die kam von Alain Claude Sulzer, aber die Vermittlung hat Elke Heidenreich bewerkstelligt. Die hat mir eine Mail geschrieben, ob ich dazu Lust hätte.

Und Sie hatten …
Sofort. Weil ich ein grosser Fan von diesen Tagebüchern bin.

Sie kannten sie schon …
Ich hatte sie vorher gelesen, ja.

Toller Tratsch, so lautet Ihr Urteil.
Auch, aber nicht nur. Das geht ja über fast 40 Jahre. Da sind grossartige Beschreibungen von Landschaften drin, von Gemälden oder auch Skizzen für Romanentwürfe. Der Tratsch ist natürlich sehr ausführlich. Aber es ist eine Mischung, sonst wärs auch ein bisschen eintönig über 7000 Seiten.

Wie lange braucht man da so? Liest sich das locker weg?
Nein, aber man kann beliebig reingreifen und drin rumschmökern, das funktioniert wunderbar. Ich habs noch einmal systematisch gelesen, und das waren dann schon sechs Wochen. Von vorne bis hinten durch. Ich lese am Tag so sechs bis sieben Stunden, toll, Ihnen qualmt der Schädel hinterher, aber Sie kommen in so einen Taumel rein, ja, und da gibt es Figuren, von denen ich zum Teil noch nie gehört habe, wie Napoleon und Flaubert, die werden Ihnen vertraut über all die Jahre und die Seiten hin.

Das gepflegte Lästern ist ja auch Ihr bevorzugtes Tätigkeitsfeld.
Genau. Da habe ich dann endlich mal Geistesverwandte entdeckt, im Bereich der Weltliteratur.

Ich hab da selbst mal ein bisschen reingelesen, nicht so ausführlich wie Sie …
… nun ja, Sie müssen ja nebenbei noch arbeiten …

… und festgestellt: Was die Goncourt-Brüder da zusammentragen, ist Indiskretion pur.
Die gucken einfach genau hin. Und das lebt davon, dass die das heimlich gemacht haben. Denn sonst hätten die Leute sie einfach nicht mehr eingeladen, und sie wären nicht mehr an ihr Material gekommen.

Ganz schön aufwendig, die Recherche.
Tja. Die haben, wenn die um zwei Uhr morgens von irgendwelchen Diners zurückkamen, sich hingesetzt und alles notiert. Noch im Frack. Aber das war ganz klar deren Lebensziel, das schreiben sie auch mehrfach in ihre Tagebücher rein. Die wussten genau, was ihre Notizen mal für eine Wirkung haben würden.

Sie sprechen selbst von Bömbchen und Bomben, die da auf 7000 Seiten versteckt sind. Zünden Sie doch mal eine.
Da will ich aber nicht zu viel verraten, denn das wollen wir ja den Tausenden von Baslern erzählen, die dann zur Veranstaltung kommen. Aber eine der irrsten Geschichten ist wirklich die von dem Kindermädchen der Goncourt-Brüder, das dann im höheren Alter stirbt und ein echter Mutter­ersatz war. Und die Goncourts stellen kurz nach dem Tod dieser Frau fest, dass sie sie komplett hintergangen hat, über all die Jahre. Wie, das sage ich hier jetzt nicht. Selbst die Goncourts waren geplättet.

Wie darf man sich das den vorstellen, am 3. Dezember? Wie läuft das ab?
Das weiss ich noch nicht. Ich treffe mich diese Woche mit Herrn Sulzer in Berlin, wo wir das ein bisschen absprechen. Ich habe da ungefähr 40 Seiten Notizen, was man lesen könnte, und da muss man natürlich auswählen. Weil so viel Grossartiges drin ist.

Mal was anderes: Was machen Sie denn sonst so im Leben?
Nix. Das ist ja das Schöne. Das ist wie bei den Goncourts, wo man ein bisschen später aufsteht, sich überlegt, zu welchem Diner geht man heute, ein paar Stiche kauft, und dann ist man enttäuscht, dass man mit seinem Roman nicht weiterkommt. Erwerbsarbeit ist ja eine Erfindung des 20. Jahrhunderts.

Haben Sie nicht mehr nötig …
Genau. Ich hätte schon ein schlechtes Gefühl, wenn ich einem Jungen den Platz wegnehmen würde.

Keine Lust mehr aufs Fernsehen?
Nein. Da ist nichts in Sichtweite. Ich wüsste auch nicht, was das noch sein könnte. Weil: Ich habe alles schon gemacht.

Neulich haben Sie sich von Meisterfälscher Wolfgang Beltracchi für 3sat malen lassen, das ist am 6. Dezember zu sehen. Wie war das denn?
Das war fantastisch. Eine Idee, glaube ich, der Schweizer Redaktion von 3sat. Das waren drei oder vier Tage, wo ich für ihn Modell sass. Er ist noch im offenen Vollzug, in den nächsten Wochen kommt er raus dem Gefängnis. Man gerät ins Reden, wenn er da so malt. Er erzählte aus seiner Welt, ich aus meiner, mir hat das unheimlich Spass gemacht.

Harald Schmidt, wie von Kokoschka gemalt …
Schönes Bild geworden. Beltracchi ist ein absoluter Könner. Und so sympathisch.

Und am 12. Dezember gehen Sie zu Wieland Backes ins «Nachtcafé» im SWR, seine letzte Sendung, Titel: «Happy End». Der baden-württembergische Regierungschef Winfried Kretschmann ist auch da, Württemberger wie Sie.
Gute Mischung. Der grösste Sohn des Landes und der Ministerpräsident.

Und worum geht es da?
Es geht sicher um Happy End, oder vermuten Sie was anderes?

Nee. Aber was verbinden Sie mit Happy End?
Meine Karriere.

Auch Autokritiken verfassen Sie …
Im «Focus», meinen Sie? Ich hab da ja früher regelmässig geschrieben. Jetzt haben wir uns geeinigt, dass, wenn der Chefredaktor sagt, das könnte was für Schmidt sein, dann schickt er mir eine SMS. Und wenn mir dazu was einfällt, dann mach ich das.

Und dann ist Ihnen was zum BMW X16 eingefallen, dem Auto für die Digital Moms von heute.
Frauen, bevor sie in ihre Führungs­position im DAX-Vorstand fahren, bringen damit ihre Kinder in die Schule. Acht Kinder und ein Job im DAX-Vorstand sind ja heute kein Problem, weil auch der Mann mittlerweile kapiert hat, dass er mitmachen muss, und dann ist es halt so, dass der Mann als digitaler Nomade käffchentrinkend zu Hause sitzt, weil er über Nacht eine Idee nach Shanghai oder Melbourne gejagt hat, und die Frau bringt die Kinder zum Chinesischunterricht. Das macht man dann mit so einem Ess-Juu-Wii. Ich finde das vernünftig.

Sie gehen demnächst auch wieder aufs Schiff.
Aufs «Traumschiff» vom ZDF, ja.

Sie haben doch eine Menge zu tun.
Ja, wie gesagt, alle drei Monate habe ich einen Termin. Ich bin nun mal Workaholic. Auf dem «Traumschiff» bin ich der Kreuzfahrtdirektor Oskar Schifferle. Das wird sehr spannend, weil, Sie verfolgen ja sicher die Tagespresse, da gibt es zurzeit ein bisschen, um im Bild zu bleiben: stürmische See.

Wieso, weshalb? Da habe ich doch irgendwas nicht mitgekriegt.
Ah, ich meine die Insolvenz. Da schau her. Da ist man in Basel doch ein wenig ab vom Schuss.

Das Meer ist halt weit.
Ja. Aber das können Sie googeln. Wenn Sie «Traumschiff» eingeben und dann auf Enter drücken, passt ja sogar vom Begriff her, dann lesen Sie das, da gabs ein bisschen Trouble mit den Anleihen. Und jetzt ist man damit beschäftigt, neue Investoren zu finden.

Aber Sie dürfen demnächst lossegeln …
Also, der Stand der Dinge ist, dass es im Februar, März losgeht, und sollte sich aufseiten des Schiffs was ändern, dann werden eben die Produktion und das ZDF gucken, dass man eine Lösung findet. Man ist da extremst flexibel, ja. Wir haben das schon mal erlebt. Wir drehten, und es sollte eine Folge Japan gedreht werden, dann kam Fukushima, da wurde dann einfach umgeschwenkt auf Bali.

Ist ja auch ganz schön.
Ist ähnlich.

Nun kommt in wenigen Tagen, das Ende von «Wetten, dass... ?». Wie empfinden Sie das?
Fünfzehn Jahre zu spät.

Irgendwelche Wehmut?
Null.

Was halten Sie von Angela Merkel?
Ich bin ein grosser Fan von ihr.

Immer noch.
Öh, absolut. Unabhängig vom Tagesgeschäft. Ich finde sie grossartig als Kanzlerin. Und ich hoffe, sie bleibt noch ne Weile.

Warum ist sie so gut?
Weil sie unaufgeregt ist. Was mit all den Giganten passiert ist, die sie überrunden wollten, das ist ja in den Archiven, selbst in Ihren Archiven, nachzulesen. Wie heisst Ihre Zeitung?

«Basler Zeitung».
Ah, die berühmte «Basler Zeitung».

Hört man gerne.
Die gehört doch neben der NZZ zu den am häufigsten Zitierten aus der Schweiz.

Wenn es denn so ist …
Ich bin halt interessierter Zeitungs­leser, und «Basler Zeitung» sagt mir was. Im Übrigen finde ich Basel toll. Diese Lage, Dreiländereck, Frankreich, Deutschland, das gefällt mir sehr.

Kann das Literaturhaus Basel Sie eigentlich bezahlen?
Öh, das weiss ich nicht. Ich krieg das, was die für so einen Fall zahlen. (Pause.) Jetzt wollten Sie mich aber wirklich aufs Glatteis führen. Richtiger investigativer Journalismus.

Ich geb mein Bestes.
Aber Sie sind ja sogar vorbereitet. Sie wissen, was ich früher gemacht habe. Das ist im Zeitalter der Blogger auch nicht mehr so häufig.

Also denn: Vielen Dank für das Interview.
Ja, aber auch vielen Dank für das Interesse an mir. Wo doch die Presse nur noch an Markus Lanz interessiert ist. Und mit Lanz sprechen will.

Ja, aber mit dem will ich nicht sprechen.
Seien Sie mal nicht so, ist ein Guter. Ich finde, ja.

Und warum?
Der wird seinen Weg machen. Grüssen Sie ihn von mir, wenn Sie ihn sehen. Liebe Grüsse.

Richte ich aus. Also vielen Dank nochmal, und ich schicke Ihnen das fertige Teil dann zu.
Brauchen Sie nicht. Da bin ich old school.

Sehr schön. Das hat man selten heutzutage, ein vorab freigegebenes Interview.
Ich weiss. Das machen nur die Allergrössten. Die Goncourt-Geschulten. Die Kleindarsteller und Regional­talente, die lassen alles lesen und streichen dann raus, was einigermassen gut ist. Eine schöne Titelseite, und die Sache ist für mich okay. (Basler Zeitung)

Erstellt: 28.11.2014, 10:35 Uhr

Tratschrunde mit Goncourts

Alain Claude Sulzer und Harald Schmidt im Basler Volkshaus

Die Tagebücher der Brüder Edmond und Jules de Goncourt sind eines der gewaltigsten Unternehmungen der Literaturgeschichte. Verfasst vom 2. Dezember 1851 bis zu Edmond de Goncourts Tod am 16. Juli 1896, werfen sie ein helles und grelles Licht auf das Gesellschaftsleben in der Zeit des Second Empire unter Napoleon III. und, nach dem Ende des Deutsch-Französischen Krieges 1870/1871, auf die ersten Jahre der Dritten Französischen Republik.

Das Autoren-Tandem sitzt mit den Grössen des Pariser Geisteslebens zu Tisch (mit Charles Baudelaire, Gustave Flaubert, Victor Hugo, Guy de Maupassant, Heinrich Heine, Charles-­Augustin Saint-Beuve, Émile Zola und Dumas, Vater und Sohn, um nur einige zu nennen) und lauscht ihnen ihre intimsten Geheimnisse ab. Das ergibt eine Gesellschaftschronik, die Lebensstile, Moden, Liebschaften, Eitelkeiten und politische Intrigen jener bewegten Ära im Detail beschreibt. 7000 Seiten werden es am Ende sein, auf denen die Goncourt-Brüder ihre immer wieder lästerlichen Erkenntnisse ausbreiten.

Edmond de Goncourt, geboren 1822, und Jules de Goncourt, geboren 1830, bewegen sich seit dem Jahr 1849, als sie ein bedeutendes Vermögen von ihrer Mutter erben, wie Undercoveragenten durch die Pariser Literatenszene. Sie betätigen sich als Kunst­kritiker, Theaterkritiker, Historiker, sie malen, zeichnen und verfassen eigene Romane, Biografien und Theaterstücke. Vor allen Dingen aber spitzen sie ihre Ohren und ihre Federn. Nachdem Jules de Goncourt 1870 an Syphilis gestorben ist, führt sein Bruder die boshafte Berichterstattung, weiterhin im Geheimen, noch 25 Jahre fort. Auszüge werden erstmals 1886 im Figaro gedruckt; in seinen letzten Lebensjahren gibt Edmond de Goncourt eine stark be­­reinigte Fassung der Bände von 1887 bis 1896 heraus.

Trotz der Selbstzensur löst die Veröffentlichung bei den alten Weggenossen und ihren Familien einen Sturm der Entrüstung aus. Erst 1956 wird eine vollständige und unzensierte Fassung der Tagebücher erscheinen – und auch dies nur unter der Schirmherrschaft von Fürst Rainier III. von Monaco, der als souveräner Herrscher seines Kleinststaates nicht der französischen Ge­richtsbarkeit untersteht. Der bedeutendste französische Literaturpreis trägt heute den Namen der Brüder.

Zum ersten Mal vollständig auf Deutsch liegen die Goncourt-Journale seit 2013 vor, sieben Kilo Buch. «Die grössten Tratschen der Weltliteratur – das ist sensationell!», liess sich daraufhin der Entertainer und ehemalige «Late-Night»-Talker Harald Schmidt begeistert vernehmen. Jetzt kommt Schmidt auf Einladung des Literaturhauses nach Basel und wird gemeinsam mit dem Basler Schriftsteller und Übersetzer Alain Claude Sulzer im Volkshaus über die Goncourt-Tagebücher sprechen.

Bücher und Lesung

Edmond und Jules de Goncourt. Journal 1851–1896. 11 Bände plus Beibuch im ­Schuber. Verlag Zweitausendeins, 2013. Rund 7000 Seiten, 250 Euro.

Die Goncourt-Tagebücher. Harald Schmidt im Gespräch mit Alain Claude Sulzer. Lesung: Georg Martin Bode. Mittwoch, 3. Dezember, 19 Uhr, Volkshaus Basel.

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