Hintergrund

Entzug für Teenies

Sie werden immer jünger: Die Partydrogensüchtigen. Eine Schweizer Klinik hat sich auf den Entzug dieser Substanzen spezialisiert und bietet Therapieplätze für Minderjährige an. Die Nachfrage ist gross.

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Seit dem Boom der Technoszene sind Drogen aus der Partyszene nicht mehr wegzudenken. Allein im letzten Jahr wurden in der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EBDD) 41 neue Designerdrogen gemeldet, im Jahr 2008 waren es noch lediglich 13. Die Klinik für Suchtmedizin in Neuenhof (AG) hat die Problematik der Partydrogen und vor allem der immer jünger werdenden Konsumenten bereits vor einigen Jahren erkannt und bietet seit 2007 als einzige Schweizer Einrichtung Behandlungsplätze für Minderjährige an. Tagesanzeiger.ch/Newsnet besuchte die Klinik.

Gemütlich und familiär

Eine Entzugsklinik stellt man sich anders vor. Steriler, unpersönlicher. In der Klinik für Suchtmedizin wähnt man sich im ersten Augenblick eher in einer grossen Wohngemeinschaft. Es gibt Gemeinschaftszimmer, einen Freizeitraum mit Töggelikasten, Fitnessraum, Sauna, im Sommer sogar einen Swimmingpool im Garten. Die familiäre Atmosphäre ist kein Zufall, sondern gehört zum Konzept und ist vielleicht sogar eins der Erfolgsrezepte der Suchtklinik. Denn Therapieabbrüche kommen wenig vor. «Mit einer Abbruchsquote von 16 Prozent liegen wir weit unter dem schweizerischen Schnitt, der etwa bei 30-45 Prozent angesiedelt ist», sagt der Klinikleiter Maurizio Reppucci. Die familiäre Struktur mit den Patienten erfolge ganz bewusst, sagt Reppucci, der seit bald zwanzig Jahren als Leiter von Suchtinstitutionen tätig ist.

«Bei uns im Haus sind alle per Du – ohne Ausnahme». Eine Tatsache, die von den Patienten sehr geschätzt wird. Mit insgesamt vierzehn Therapieplätzen ist die Klinik im Vergleich zu anderen Institutionen klein und dadurch auch sehr übersichtlich. «Auf diese Weise haben wir die Möglichkeit, das Programm jeweils sehr individuell anzupassen und auf die Bedürfnisse der Patienten einzugehen», sagt Reppucci. Unterteilt ist die Klinik in drei Wohngemeinschaften: Eine Minderjährigen-WG, eine Entzugs-WG und eine Übergangs-WG. Nebst Einzel- und Gruppengesprächen, Kreativtherapie und Sport (z.B. Kung- Fu, Boxen oder Yoga) wird darauf geachtet, «dass vorhandene Ressourcen der Patienten gefördert oder entwickelt werden»: So gehören kochen, Kleider waschen und Zimmerreinigung ebenfalls zu den täglichen Aufgaben.

Wer die Hausordnung nicht einhält, muss gehen

Trotz lockeren Umgangs herrschen in der Suchtklinik ganz klare Regeln: In der ersten – von insgesamt drei bis vier –Therapiewochen herrscht absolute Kontaktsperre nach aussen, Besuche und Ausgänge sind erst ab der dritten Woche auf Antrag möglich. Das Handy muss man beim Eintritt abgegen und erhält es erst wieder beim Austritt. Wer auf dem Computer surfen will, braucht eine Bewilligung, der Fernseher wird erst ab 19 Uhr eingeschaltet. Wer die Hausordnung missachtet wird verwarnt oder sanktioniert – im schlimmsten Fall müssen die Koffer gepackt werden. Dies geschieht zum Beispiel, wenn im Haus konsumiert wird. Doch auch Aggressionen, tätliche Auseinandersetzungen oder die Nichteinhaltung von Personalanweisungen sind Ausschlussgründe. Bei Verdacht werden die Zimmer gefilzt oder Urinproben genommen. «Ohne Regeln geht es nicht», sagt Reppucci, doch würden sie nur selten wirklich schlechte Erfahrungen machen. Die Einhaltung wird strikte überprüft und «dient nicht zuletzt als Orientierungshilfe der Patienten.»

Seit vier Jahren auch Minderjährige zugelassen

Seit vier Jahren nimmt die Klinik – als Einzige der Schweiz – auch Minderjährige ab 16 Jahre in ihre mehrwöchigen Entzugsbehandlungen auf. Zwar sind junge Suchtkranke unter 16 Jahren die Ausnahme, «doch ihre Zahl steigt», sagt Reppucci. «Die meisten unserer Patienten sind sehr jung, zwischen 16 und 25 Jahre alt». Man habe zwar in den letzten drei Jahren einen Rückgang des Heroinkonsums feststellen können, doch der Mischkonsum von sogenannten Partydrogen wie Kokain, Alkohol, GHB, Ecstasy und auch Marihuana sei gestiegen.

Der grösste Teil der Patienten kommt freiwillig. «Wenn die sozialen Strukturen zusammenbrechen, sie also zum Beispiel ihre Lehrstelle verlieren oder auch die Eltern Druck aufsetzen, dann kommen sie zu uns», sagt Christian Kalt. Zu diesem Zeitpunkt sei der Drogenkonsum und die Abhängigkeit jedoch oft schon sehr fortgeschritten und ein Entzug nicht einfach. Der schwierigste Moment komme jeweils am ersten Wochenende. «Am Dienstag ist bei uns Therapiebeginn», sagt Christian Kalt, Therapie-Bereichsleiter der Klinik. «Am Samstag der ersten Woche ist der Suchtdruck am grössten, er steigt rasant an und geht dann nur sehr langsam wieder runter.» Wenige Tage vor Austritt steige er erneut leicht an, dies hänge vor allem mit der Angst zusammen, aus dem geschützten Raum der Klink wieder zurück in den Alltag zu gehen.

Aggressionen, Angstzustände und Halluzinationen

Im Gegensatz zum Heroinentzug, der vor allem von körperlichen Symptomen geprägt ist, spielen beim Entzug von Partydrogen psychische Faktoren eine grosse Rolle. Diese könnten sich in gesteigerter Aggression, massiven Angst- und Deliriumszuständen bis hin zum Zusammenbruch oder auch Halluzinationen ausdrücken. «Dann sieht man weisse Mäuse tänzen», sagt Reppucci. Doch auch somatische Begleiterscheinungen wie Schlafstörungen oder epileptische Anfälle können während eines Partydrogenentzugs auftauchen, gerade Drogen wie GHB oder GBL (siehe Box) hätten sehr starke körperliche Folgen. In der Klinik für Suchtmedizin werden keine sogenannten «kalten Entzüge» durchgeführt, sondern man begleitet die Patienten medikamentös, falls nötig. Mit den heutigen Medikamenten, die man zur Verfügung hat, sei es wesentlich einfacher geworden, die Entzugserscheinungen im Griff zu halten, erklärt Reppucci. Bei den Partydrogensüchtigen würden vor allem Medikamente gegen Schlafstörungen verabreicht oder auch solche, die den psychischen Druck senken. Wichtig sei aber, dass die eingesetzten Medikamente nicht abhängig machen» – sonst begäbe man sich in einen weiteren Teufelskreis.

Wieso die Konsumenten immer jünger werden, kann man in der Klinik nicht begründen, nur vermuten. «Die Drogenbeschaffung ist sicherlich leichter geworden», sagt Christian Kalt, während man früher noch in die Stadt fahren musste und nur an gewissen Orten Drogen bekam, kommt man heute überall zu seinem Stoff – zu einem grossen Teil auch über das Internet, wo man sich all die äusserst gefährlichen «Research Chemicals» oder Designerdrogen (z.B. Mephedron) beschaffen könne. Ausserdem sei es gerade an Parties normal geworden, Drogen zu konsumieren. «Es gehört einfach dazu», sagt Kalt. Ein weiterer Faktor sind die tiefen Preise: Kokain ist viel billiger als früher. So hätten sie es nicht selten mit Patienten zu tun, die praktisch täglich Kokain konsumieren würden.

Ob die jungen Patienten den Absprung aus der Drogenspirale schaffen, könne man nach dem mehrwöchigen Entzug nicht garantieren. Denn die Schwierigkeiten würden sich erst wieder beim Wiedereinstieg in den Alltag so richtig abzeichnen. Wer Partydrogen konsumiert, wird spätestens beim nächsten Ausgang wieder damit konfrontiert und auf die Probe gestellt. Einige würden der Versuchung widerstehen können, andere nicht. «Wir hatten schon Patienten, die nach ein, zwei Jahren wieder für einen Entzug gekommen sind, weil sie merkten, dass sie allmählich rückfällig würden», sagt Reppucci. Sich der eigenen Abhängigkeit bewusst zu sein, die Warnsignale wahrzunehmen und die vorhandene fachliche Hilfe in Anspruch zu nehmen sei ein wichtiger Schritt für ein mittel- und langfristig drogenfreies Leben. «Eine ambulante fachliche Nachbetreuung nach erfolgter Entzugsbehandlung ist unabdingbar». Doch sich der eigenen Abhängigkeit bewusst zu sein, sei schon ein grosser Schritt in die richtige Richtung.

Erstellt: 26.10.2011, 13:30 Uhr

Führt die Klinik für Suchtmedizin: Maurizio Reppucci. (Bild: Nina Merli)

Die Klinik in Zahlen

Seit 1993 werden in der Klinik für Suchtmedizin in Neuenhof (AG) jährlich etwa 200 bis 250 Suchtkranke therapiert. Der grösste Teil der Patienten ist zwischen 16 und 25 Jahren alt, davon sind fast 80% Männer. Seit 2007 bietet die Klinik – als erste in der Schweiz – vier Behandlungsplätze für minderjährige Jugendliche ab 16 Jahren an. In Ausnahmefällen werden auch jüngere Patienten aufgenommen. Die Therapieabbruchsquote liegt im Schweizer Vergleich (35-40%) mit 16% sehr tief. In der Klinik für Suchtmedizin wird eine 24-stündige Betreuung angeboten, die von langjährigen Mitarbeitern aus den Bereichen Psychologie, Psychotherapie, Gestalttherapie, Medizin und Sozialpädagogik zusammengestellt wird. Die Klinik steht unter ärztlicher Leitung, ist zertifiziert und Mitglied in diversen Fachgremien.
Mit der vorgesehenen Spitalfinanzierung ab 2012 wird die Klinik für Suchtmedizin die Möglichkeit haben, längere Behandlungen für Minderjährige anbieten zu können. Nach einer erfolgten Entzugsbehandlung bis zu 40 Tagen kann bis Maximum vier Monaten eine Entwöhnung angeschlossen werden. Die kurze Therapiezeit ermöglicht es, den jungen Patienten möglichst kurze Zeit von der Arbeitsstelle zu fehlen, um somit wieder rasch in ihren Arbeitsprozess integriert zu werden.

10 Jahre saferparty.ch

Saferparty.ch ist ein Angebot der Zürcher Jugendberatung Streetwork. Seit zehn Jahren informiert die Internet-Plattform neutral und ausführlich über bewusstseinsverändernde Substanzen. Ausserdem ist saferparty.ch seit zehn Jahren mit Infoständen und dem so geannten «Drug Checking» an Parties präsent, damit vor Ort Drogen auf Inhalte getestet werden können. Diesen Freitag feiert es sein zehnjähriges Bestehen mit einer Party im Zürcher Club Hive.

Die meistverkauften Partydrogen

Ketamin
Wirkung: Das Schmerzmittel löst partielle oder vollständige Schmerzunempfindlichkeit, Koordinationsstörungen, bruchstückhafte Auflösung der Umwelt und des Körperempfindens, Gefühle der Schwerelosigkeit oder des Schwebens aus. Bei hoher Dosis komplette Loslösung vom eigenen Körper oder Verschmelzen mit der Umgebung sowie Unfähigkeit, sich zu bewegen und zu kommunizieren.
Risiken und Nebenwirkungen: Schwächeempfinden, Appetitlosigkeit, Übelkeit, Erbrechen, unkoordinierte Muskelbewegungen, Schwindel, verwaschene Sprache, erhöhter Puls und Blutdruck sowie Herzrhythmusstörungen, Muskelsteifheit, Lähmungserscheinungen und Narkose, bei sehr hohen Dosen epileptische Anfälle und Koma.
Ketamin belastet das Herz-Kreislaufsystem.
Mephedron
Wirkung: Stimulans/Empathogen, starke Euphorie, starker Rededrang, klares Denken, Verbundenheitsgefühl mit anderen Menschen, erhöhte Leistungsfähigkeit, veränderte Sinneswahrnehmungen.
Risiken und Nebenwirkungen: starke Erhöhung des Blutdruckes, Herzrasen, Hyperaktivität, unangenehmes Kältegefühl, unangenehmes Gefühl in der Herzgegend. Bei hohen Dosen sind Wahnvorstellungen bis hin zu Paranoia möglich.
GHB
Wirkung: Das Wirkspektrum reicht von Euphorie, Entspannung, Enthemmung, Wahrnehmungsintensivierung, eventuell Rededrang (Laberflash), leichtem Schwindel über Schläfrigkeit bis hin zu tiefem (komaähnlichem) Schlaf oder Bewusstlosigkeit.
Risiken und Nebenwirkungen: Übelkeit, Erbrechen und Schwindelgefühle. Kopfschmerzen, Verwirrtheit, Atembeschwerden und Gedächtnisstörungen können bei sehr hoher Dosierung auftreten, ebenso unkontrollierbare Muskelzuckungen, die leicht mit Epilepsie verwechselt werden können, aber auch in eine Epilepsie übergehen können.
Anzeichen einer GHB-Überdosis sind starke Schläfrigkeit und danach mehrstündiger tiefer, nicht oder nur schwer störbarer Schlaf, Verschwinden von Reflexen und Atembeschwerden. Im Zusammenhang mit Alkohol grosse Koma-Gefahr.

(Quelle: www.eve-rave.ch)

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