Er darf (noch) nicht sterben

Der Franzose Vincent Lambert liegt im Wachkoma und bewegt das ganze Land.

Vincent Lambert iegt seit 2008 im Universitätsspital von Reims. Foto: AFP Photo

Vincent Lambert iegt seit 2008 im Universitätsspital von Reims. Foto: AFP Photo

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Die ganze französische Nation kennt Vincent Lambert mittlerweile. Angehörige, Ärzte, Richter und Journalisten verhandeln das Schicksal des 38-Jährigen in aller Öffentlichkeit. Nur er selber bleibt stumm und unbeteiligt. Seit der Psychiatriepfleger am 29. September 2008 auf dem Weg zur Arbeit die Kontrolle über sein Motorrad verlor, liegt er querschnittgelähmt im Universitätsspital von Reims. Trotz aufwendiger Therapien verbleibt der Wachkoma-Patient in vegetativem Zustand. Seine Hirnverletzungen sind irreversibel.

Gestern nun hat das Ärztegremium dessen zerstrittene Familie erneut zusammengerufen. Statt aber wie erwartet mitzuteilen, dass es die künstliche Ernährung abbreche, erklärte die zuständige Ärztin Daniela Simon, man wolle für den Komapatienten zuerst einen rechtlichen Vertreter festlegen lassen. So hat ein jahrelanger Rechtsstreit und zugleich ein zermürbendes Familiendrama noch immer kein Ende. Ehefrau Rachel, von Beruf Krankenschwester, und sechs seiner Geschwister sind sich seit Jahren einig, dass man den Patienten nicht länger künstlich ernähren soll. Zwei weitere Geschwister und die im traditionalistisch-katholischen Milieu beheimateten Eltern kämpfen erbittert gegen den Entscheid der Ärzte und der Gerichte.

Anfang Juni hatte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte beschieden, es sei kein Verstoss gegen das Recht auf Leben, wenn man bei Lambert die künstliche Ernährung beende. Damit folgten die Richter dem Urteil des obersten Verwaltungsgerichts in Frankreich.

Anklage wegen «versuchten Mordes»

Die Eltern jedoch mochten selbst das höchstrichterliche Verdikt nicht akzeptieren und klagten gegen ihre Schwiegertochter wegen «Falschaussage» und gegen die Ärzte wegen «versuchten Mordes». Mit einem Video versuchten sie, öffentlich zu beweisen, dass ihr Sohn nicht am Ende des Lebens angekommen sei. Das Video zeigt, wie sich ein Bruder über den Gelähmten beugt, der mit Blinzeln und leichten Mundbewegungen reagiert – für die Ärzte lediglich «vegetative Reaktionen».

Wie so oft in der Sterbehilfe-Debatte versuchen die Gegner, die legale passive Sterbehilfe als aktive Tötung und Euthanasie darzustellen. So haben die Bischöfe von Lyon am Dienstag vor der Einstellung lebenserhaltender Massnahmen bei Lambert gewarnt, weil das in ihren Augen «vorsätzlich» den Tod des Patienten herbeiführe. Gemäss den Richtern in Strassburg jedoch ist die Beendigung der künstlichen Ernährung eine Massnahme der legalen passiven Sterbehilfe, die weder Gesetze noch Menschenrechte verletzt.

Die Ärzte ihrerseits möchten im Namen einer wahrhaft humanen Medizin einen willenlosen Mann sterben lassen, der es versäumt hatte, eine Patientenverfügung auszufüllen. Lamberts Schicksal wird so oder so für alle 1700 Wachkoma-Patienten in Frankreich bedeutsam sein.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.07.2015, 18:58 Uhr

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