Er ist reich – und will höhere Steuern für Reiche

Millionär Morris Pearl hat eine Mission: Den Aufstand der Armen in den USA abzuwenden. Dafür hat er eine «patriotische» Lösung.

«Amerika war dann ‹great›, als die Reichen einen grösseren Beitrag leisteten», sagt Morris Pearl. Foto: Cédric von Niederhäusern

«Amerika war dann ‹great›, als die Reichen einen grösseren Beitrag leisteten», sagt Morris Pearl. Foto: Cédric von Niederhäusern

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Der Revolutionär trägt Anzug und Trekkingschuhe. Mittagszeit in Manhattan, beim Madison Square Park. Geschäftsleute und Touristen halten Sandwiches in den Händen und ihre Gesichter in die Frühlingssonne. Morris Pearl kommt aus dem Büro gleich um die Ecke. Arbeiten müsste er nicht mehr, schon vor fünf Jahren liess sich der 59-Jährige von seinem Job an der Wallstreet pensionieren, aber der Ruhestand bekam ihm nicht. Er hat jetzt eine neue Aufgabe, die ihm kein Geld einbringt. Doch darum geht es ihm auch gar nicht. Im Gegenteil: Pearl will einen Teil seines Geldes abgeben – an den Staat.

Nirgendwo auf der Welt leben mehr Millionäre als in New York. Pearl ist einer von ihnen. Er könne sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal etwas nicht tun konnte, weil er das nötige Geld dazu nicht hatte. Das sei das Wesen von Reichtum, sagt er: «dass man sich über Geld keine Gedanken machen muss».

Im Alltag merkt er das zum Beispiel, wenn er Kleider einkaufen geht. Einmal, als er auf der Suche nach einem neuen Regenmantel war, zeigte ihm der Verkäufer in einem feinen Geschäft verschiedene Modelle. «Ich fragte ihn: Wenn die Mäntel alle gleich viel kosten würden, welchen würden Sie nehmen?» Es wurde der teuerste. Das ist ein bequemes Leben, natürlich, ein privilegiertes. Pearl ist gerne reich. Aber ganz wohl ist ihm dabei nicht mehr.

Es ist die wachsende Ungleichheit in den USA, die Pearl zu schaffen macht. Das oberste Prozent der US-Amerikaner besitzt mehr als 40 Prozent des Vermögens im Land. Die obersten 20 Prozent besitzen 90 Prozent, und die verbleibenden 80 Prozent teilen sich den Rest. «Wir bewegen uns in Richtung einer Apartheid», sagt er. Mit einer kleinen Schicht von Reichen, bei der sich alle wirtschaftliche und politische Macht konzentriert. Und einer viel grösseren Schicht von Armen, die nicht weiss, wie sie ihren Lebensunterhalt bestreiten soll. Die Mittelschicht: pulverisiert.

Pearl glaubt, dass die US-Bürger diese Entwicklung nicht mehr länger hinnehmen werden. «Irgendwann kommt der Punkt, an dem es einen Aufstand geben wird. Und für die vermögende Klasse wird er nicht gut ausgehen.»

Verräter an seiner Klasse

Abwenden lässt sich der Aufstand in Pearls Augen nur über einen Weg: Das Steuersystem müsse gerechter werden. «Leute wie ich sollten endlich mehr bezahlen, als wir es die vergangenen Jahrzehnte tun mussten.» Er will einen Systemwechsel, es ist seine Mission. Es ist auch die Mission der Organisation, der er vorsteht. Sie nennt sich Patriotic Millionaires, zusammen bilden sie eine Gruppe von mehr als 200 US-Bürgern, die ein Jahreseinkommen von mehr als einer Million sowie ein Vermögen von mehr als fünf Millionen Dollar haben.

Patriotisch sind die Millionäre laut Pearl deshalb, weil sie finden, dass reiche Menschen einen fairen Anteil an Steuern bezahlen sollten. «Das macht Amerika historisch gesehen aus: dass alle ihren Beitrag zum Gemeinwohl leisten.» Manche Leute, sagt Pearl, hielten ihn deshalb für einen Verräter an seiner Klasse – einen Revolutionär von oben.

Aufgewachsen ist Pearl im ländlichen Norden des Bundesstaats New York. Der Vater betrieb sechs Dorfläden, «general stores», wie sie das Leben in Amerika lange Zeit prägten. «Die Art von Gegend, wo der Verkäufer in ‹Tod eines Handlungsreisenden› seine Koffer herumschleppt», sagt Pearl. Er studierte Computerwissenschaften in Philadelphia und arbeitete einige Jahre als Berater, bevor es ihn nach New York an die Wallstreet zog.

«Ich merkte: Ausser ein paar Bankern helfe ich hier niemandem.»Morris Pearl über den Moment seiner Erkenntnis.

Dort verdiente er bei verschiedenen Investmentbanken viel Geld, und Millionär wurde er, als die Traditionsbank Paine Webber, für die er damals tätig war, im Jahr 2000 von der UBS übernommen wurde. Nach einem kurzen Abstecher in die Wissenschaft stieg er bei Blackrock ein, dem weltgrössten Vermögensverwalter, der während der Finanzkrise viele Notenbanken beriet.

Und so fand er sich während des Dramas um die griechischen Staatsschulden in Athen wieder, bei einem Treffen mit Führungskräften am Hauptsitz einer grossen Bank. Nach dem Mittagessen zog es Pearl ein zweites Mal ans Dessertbuffet, und weil ihm das ein wenig peinlich war, stand er ans Fenster.

Als er nach draussen auf die Strasse blickte, sah er eine Menschenmenge, von der er zunächst dachte, es handle sich um eine Parade. Doch was er sah, war eine wütende Demonstration gegen die Sparpolitik, die dem Land aufgezwungen wurde. «Ich drehte mich um und schaute mir die Leute an, mit denen ich gerade gegessen hatte, und merkte: Ausser ein paar Bankern helfe ich hier niemandem.»

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Kurze Zeit später gab Pearl seinen Job bei Blackrock auf und ging in Rente. Seit bald fünf Jahren führt er nun die Patriotic Millionaires, die in Washington eine Geschäftsstelle betreiben. Ihren ersten Auftritt hatte die Gruppe, als es 2010 darum ging, ob eine von Präsident George W. Bush befristet eingeführte Steuersenkung für sehr hohe Einkommen verlängert werden solle. Heute hätten Pearl und seine Mitstreiter am liebsten eine umfassende Steuerreform.

Politisch ist dies jedoch wenig aussichtsreich. Deshalb lobbyieren sie für Zwischenschritte – etwa die Eliminierung von Schlupflöchern. Und sie unterstützen Forderungen, wie sie nun aus den Reihen der Demokraten kommen: einen Spitzensteuersatz von 70 Prozent auf Einkommen über 10 Millionen Dollar. Eine Steuer von 2 Prozent auf Vermögen über 50 Millionen Dollar. «Das politische Klima entwickelt sich für unsere Anliegen gerade positiv», sagt Pearl.

Wie stark sollten hohe Einkommen besteuert werden? Auf eine Zahl will Pearl sich nicht festlegen lassen. Es verweist aber darauf, dass die Spitzensteuersätze in den goldenen Nachkriegsjahren viel höher waren als heute: um die 90 Prozent in den 1950er-Jahren, um die 70 Prozent bis zum Ende der 1970er-Jahre. Erst unter Präsident Ronald Reagan begann der Steuersatz zu sinken. Nach der Steuersenkung von Donald Trump liegt er heute wieder bei 37 Prozent – leider, findet Pearl. Trump behaupte, er wolle Amerika wieder gross machen. «Aber Amerika war dann ‹great›, als auch die Reichen einen grösseren Beitrag leisteten – nicht nur in Form von Spenden.»


Schweiz: Das reichste Prozent soll stärker besteuert werden

«Zieht euch warm an, ihr Abzocker», sagt Juso-Präsidentin Tamara Funiciello anlässlich der Einreichung der Unterschriften in Bern (2. April 2019). Video: SDA


Genau damit – den Spenden – rechtfertigen viele Reiche in Amerika, warum sie nicht mehr Steuern bezahlen sollten. Es ist ein Argument, das Pearl für verlogen hält. «Ich könnte heute ohne grössere Probleme 100 Millionen Dollar für einen neuen Saal im New York City Ballet auftreiben. Für solche Projekte finden sich immer Donatoren. Aber wer spendet Geld für die Kläranlage an der 143. Strasse?» Kein Bürger werde je vollständig zufrieden sein damit, wie seine Regierung Steuergelder einsetze. «Aber der Sinn einer Demokratie ist, dass die Wähler darüber entscheiden, nicht ein paar Reiche.»

Defekte Demokratie

Neben den Steuern treibt die Patriotic Millionaires der wachsende Einfluss reicher Spender auf die Politik um. Seit der Oberste Gerichtshof der USA in einem umstrittenen Urteil von 2010 die Obergrenze für Wahlkampfspenden aufhob, sind enorme Summen ins System geflossen – und das Geld kommt von einem winzigen Ausschnitt der Bevölkerung. Laut dem unabhängigen Center for Responsive Politics war eine Elite von 0,47 Prozent während der Zwischenwahlen 2018 für 71 Prozent aller politischen Spenden verantwortlich. «Unsere Demokratie nimmt dadurch Schaden», sagt Pearl. «Leute wie ich haben durch unser Geld Zugänge zu Politikern, die sonst kaum jemand erhält.»

Neulich war er an einer Spendengala für einen Senator in einem Penthouse in New York. Der Politiker sei auf ihn zugetreten und habe ihm vorgeschwärmt, wie sehr er solche Anlässe möge. Sie seien eine wunderbare Gelegenheit, unter Leute zu kommen. «Ich dachte mir: Ist der verrückt? Er unterhält sich Hunderte Kilometer von seinen Wählern entfernt mit Menschen, die 1000 Dollar für Wein und Häppchen hingeblättert haben, um ein paar Sätze mit einem Senator zu wechseln. So stellt er sich ein Treffen mit normalen Leuten vor?»

Die USA seien nicht mehr das Land, in dem er aufgewachsen sei, sagt Pearl. «Der amerikanische Traum ist für viele Menschen tot.» Seine zwei erwachsenen Söhne und sein Grosskind müssten sich dank seines eigenen Vermögens nie Gedanken darüber machen, welche Schule sie sich leisten können und welche nicht. «Aber für die meisten Amerikaner ist die Realität eine andere. Sie haben nicht die Möglichkeiten zum Aufstieg, die ich hatte.» Und das, sagt Pearl, dürfe nicht sein.

Erstellt: 04.04.2019, 18:27 Uhr

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