Er macht aus Kühen gefeierte Königinnen

Der Oberwalliser Oswald Andres ist mit 60 Königinnen-Titel der erfolgreichste Züchter von Kampfkühen. Am Sonntag tritt er mit «Lumière» zum nationalen Finalwettkampf in Aproz VS an.

Meister der Kampfkuh-Züchter: Oswald Andres und seine 600 Kilogramm schwere Ringkuh Lumière.

Meister der Kampfkuh-Züchter: Oswald Andres und seine 600 Kilogramm schwere Ringkuh Lumière. Bild: Béatrice Devènes

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An der Stallwand der Viehhandlung Andres im Dorfzentrum von Ergisch VS hängt ein vergilbtes Plakat. «Harte Köpfe» steht in dicken Lettern über einem Foto, das zwei kämpfende Eringer-Kühe mit ineinander verkeilten Hörnern zeigt. «So ist der Walliser – echt und eigenwillig», heisst es in der Unterzeile.

Oswald Andres soll auch einen dicken Schädel haben. Aber davon lässt sich der 67-Jährige an diesen Frühlingstag im Oberwallis nichts anmerken. Auf der Fahrt zum Stall eines befreundeten Züchters, bei dem er einige Tiere während des Winters unterbringt, hört er schweigend zu, wie sein Bruder Oskar Andres dem Reporter und der Fotografin Eigenart und Tradition der Kuhkämpfe im Wallis erklärt. Ab und an huscht ein zustimmendes Lächeln über das Gesicht des Züchters.

Das Kämpfen im Blut

Mit derselben zufriedenen Miene führt Oswald Andres seine derzeit beste Kampfkuh, die 3½-jährige Lumière, an einem Strick aus dem Stall auf eine abschüssige Weide. Er fürchtet nicht, von dem brandschwarzen, 600 Kilogramm schweren Muskelprotz mit einem Hornstoss ins Tobel hinuntergeschleudert zu werden. Eringer-Kühe haben das Kämpfen zwar im Blut. Aber sie wollen sich mit Artgenossinnen messen, bis nach mehreren Kämpfen feststeht, wer die stärkste in der Herde ist – die «Königin». Die Kühe tun den Menschen in der Regel nichts. Schon gar nicht ihrem Züchter, der sie von klein auf gehegt und gepflegt hat.

Andres schiebt mit der freien Hand Lumière ein Stück hartes Brot ins Maul und tätschelt ihren wulstigen Hals. «Das Züchten von Ringkühen ist nicht so einfach, wie sich das manche Bauern vorstellen», sagt er. Mit Jungtieren müsse man richtig umgehen. «Sonst verdirbt man ihnen die Lust zu kämpfen.» Daher lässt er heranwachsende Kühe nur gegen gleichaltrige Tiere antreten und sucht gezielt passende Partner für den Kampf aus. «Wenn eines meiner Tiere verliert, muss ich es aufpäppeln», sagt Andres. Bei Ringkuhkämpfen erfahre leider oft nur die gefeierte Königin die Zuwendung, die «diese intelligenten Tiere» nötig hätten.

Der Königinmacher

Dem Züchter mangelte es allerdings nie an Gelegenheiten, Königinnen zu flattieren. Vor 30 Jahren holte er mit der Kuh Drapo an einer Ausscheidung im Oberwallis seinen ersten Titel. Seither errang er mit Rindern und Kühen aus seiner Zucht an offiziellen Ringkuhkämpfen insgesamt 60-mal die Ehre eines Königinmachers, bei Kämpfen auf der Alp sogar 61-mal. Der Oberwalliser ist der erfolgreichste Züchter von Kampfkühen, obschon das Mittelwallis die Hochburg der Ringkuhkämpfe ist und der Ursprung dieser gedrungenen, muskulösen und kampflustigen Rasse im Eringtal, dem Val d’Hérens, liegt.

Die Leidenschaft für die kämpfenden Kühe erwachte im Oberwallis erst in den 70er-Jahren. Inzwischen verzeichnen die Zuchtgenossenschaften im deutschsprachigen Kantonsteil einen regen Zuwachs, während die Mitgliederzahlen mehrerer Genossenschaften im Valais romand schwinden. «Das Oberwallis bringt frisches Blut in die Rasse der Kampfkühe und stellt ein gutes Fünftel des Eringer-Bestands im Kanton», schrieb kürzlich der «Nouvelliste».

Die Erfolge des Züchters Andres trugen zu dieser Entwicklung bei. Im Oberwallis halten immer mehr Nebenerwerbsbauern Eringer-Kühe statt Schafe auf ihren Weiden. Andres führt dies auf die Faszination der im Gegensatz zum spanischen Stierkampf unblutigen Kuhkämpfe zurück: «Die Eringer machen unter sich aus, wer die stärkste ist. Die Prämierung von Schafen geschieht dagegen durch Menschen.»

20 000 Franken für eine Kuh

Die schönsten Siege errang Andres nicht im Wallis, sondern an der Expo.02 in Murten. Damals kehrte er von den viel beachteten Ringkuhkämpfen mit zwei Königinnen nach Ergisch zurück – mit Poseidon in der ersten Kategorie der schwersten Kühe und mit Tina bei den Rindern. Tina begründete später eine eigene Abstammungslinie, den Stolz jedes Züchters. «Die Abstimmung ist sehr wichtig», sagt Andres, der als Viehhändler ein geübtes Auge hat, welche Anlagen in einem Tier stecken.

Die berühmte Tina ist die Grossmutter von Lumière. Ein Unterwalliser Züchter kaufte Andres ihre ältere Schwester Anfang April noch vor Ende eines Ringkuhkampfs in Raron ab, nachdem die erwachsene Kuh in den Vorausscheidungen alle Kontrahentinnen ausgestochen hatte. Der Züchter verrät den Verkaufspreis nicht. Aber eine gute Königin löst allemal 20 000 Franken. Am nächsten Wochenende tritt die bullige Lumière am ersten «nationalen Fest und Finale der Eringer-Kühe» in der Kategorie der Kühe an, die ein erstes Mal gekalbt haben. Die Brüder Andres sind gespannt, ob Lumière in der Arena von Aproz so tapfer wie ihre Ahnin Tina kämpfen wird.

Erstellt: 02.05.2011, 13:46 Uhr

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