Er traf den Nerv der Zeit

Ulrich Beck nahm zu ökologischen und politischen Problemen Stellung. Mit seinem Buch «Risikogesellschaft» wurde er weltbekannt. Nun ist der einflussreiche deutsche Soziologe im Alter von 70 Jahren gestorben.

Trotz drängender Fragen und Krisen waren Ulrich Becks Antworten stets zuversichtlich. Foto: Regina Schmeken (Keystone)

Trotz drängender Fragen und Krisen waren Ulrich Becks Antworten stets zuversichtlich. Foto: Regina Schmeken (Keystone)

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Sucht man nach bahnbrechenden soziologischen Studien der letzten 30 Jahre, stösst man nur auf wenige Werke, die diese Charakterisierung verdienen. Zwei gehören mit Sicherheit dazu – Jürgen Habermas’ monumentale «Theorie des kommunikativen Handelns» von 1981 (1100 Seiten) und Ulrich Becks viel schlankeres und weniger theoretisch als empirisch fundiertes Buch «Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne» von 1986 (400 Seiten). Mit beiden Büchern verschaffte sich die deutsche Soziologie erstmals seit Max Webers postum erschienenem Klassiker «Wirtschaft und Gesellschaft» von 1922 wieder weltweite Anerkennung. Ulrich Becks Buch wurde in 35 Sprachen übersetzt, was sicher auch dem Umstand geschuldet ist, dass seine Veröffentlichung zeitlich fast mit den Katastrophen in Tschernobyl und Bhopal zusammenfiel.

Viele Debatten ausgelöst

Beck sah den Modernisierungsprozess in den reichen Wohlfahrtsstaaten des Westens von zwei Trends bestimmt: «Einerseits verliert der Kampf um das ‹tägliche Brot› die Dringlichkeit eines alles in den Schatten stellenden Kardinalproblems» – nämlich Armut und Elend als Folgen der sozialen Ungleichheit. Andererseits führt die «Überentwicklung der Produktivkräfte» dazu, dass «Destruktivkräfte» freigesetzt werden, welche die natürlichen Ressourcen, das biologische Gleichgewicht, das Klima und schliesslich die Menschen selbst gefährden und zerstören. Mit dieser Grundthese zu den «zivilisatorischen Selbstgefährdungspotenzialen» der modernen Gesellschaften löste der Soziologe nicht nur viele Debatten aus, sondern auch eine Lawine von Forschungsprojekten.

Beck wurde am 15. Mai 1944 in Hinterpommern geboren, wuchs in Hannover auf und studierte Soziologie und politische Wissenschaft in Freiburg im Breisgau. Er promovierte 1972 in München und habilitierte sich dort 1979. Nach Professuren in Münster und Bamberg erhielt er einen Lehrstuhl für Soziologie an der Ludwig-Maximilian-Universität in München, wo er bis zur Emeritierung wirkte. Daneben lehrte er an der London School of Economics und bei der Stiftung «Maison des sciences de l’homme» in Paris. Neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit arbeitete er auch im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Soziologie sowie in Expertengremien zu Problemen der Ökologie und der Energieversorgung. Beim Weltkongress für Soziologie wurde er 2014 in Yokohama für seine Arbeiten mit dem angesehensten Preis, den das Fach vergibt, ausgezeichnet.

Gefragter Publizist

Beck war ein produktiver Autor und schrieb neben dem grossen Wurf «Risikogesellschaft» ein gutes Dutzend weiterer Bücher und eine grosse Zahl von Aufsätzen in Fachzeitschriften. Der Soziologe war auch ein gefragter Publizist, der zu aktuellen ökologischen, politischen und sozialen Problemen und Konflikten Stellung nahm. Seine Artikel und Interviews erschienen in allen grossen deutschsprachigen Zeitungen, aber auch in «Le Monde», der «New York ­Times» und im «Guardian».

Seine Karriere als Publizist verdankt Beck nicht nur seiner wissenschaftlichen Kompetenz, sondern auch seiner unter Soziologen nicht sonderlich verbreiteten Fähigkeit zu griffigen Formulierungen. So sprach er einmal vom «grossen Überlebens-Roulette» in einer Gesellschaft, in der «das Alltagsleben zu einer unfreiwilligen Unglückslotterie» geworden sei. Kritiker warfen Beck deshalb vor, seine Rhetorik und Metaphorik überwucherten die empirischen Grundlagen ebenso wie eine differenzierte begriffliche Argumentation.

Immer wieder entschloss sich Beck zu politischen Interventionen. Als Ex-Kanzler Gerhard Schröder das Wort «Zivilgesellschaft» zum Markenzeichen der rot-grünen Regierung machen wollte, protestierte der Soziologe entschieden: «‹Zivilgesellschaft› ist nur ein Kosewort für das eigentliche Schröder-Regierungsprogramm: sparen, sparen, sparen. Denn ‹Selbstverantwortung› und ‹Zivilgesellschaft› sind nur beschönigende Wörter für eine Politik, die Kosten und Probleme auf den sogenannten selbstverantwortlichen Bürger abwälzt. Hier wird das hohe Wort der Selbstverantwortung missbraucht, und Individuen werden zu Müllschluckern aller sozialen und ökonomischen Folgeprobleme privater Gewinnmaximierung und des Staatsabbaus gemacht.»

Militärischer Humanismus

Die vom UNO-Sicherheitsrat nicht mandatierte Bombardierung Serbiens sah Beck skeptisch: «Die grenzenlose Selbst­ermächtigung eines militärischen Humanismus der Menschenrechte ist äusserst gefährlich. Die Befugnis, mit moralischem Anspruch in andere Staaten einzufallen, kann zur Quelle eines neuen Kreuzrittertums der Menschenrechte werden. Es ist in einer Welt der Diktatoren die Einladung zum unendlichen Krieg, ein Freibrief zum Missbrauch.» Das schrieb er gut zwei Jahre, bevor US-Präsident G. W. Bush zum «Krieg gegen den Terror» trommelte.

Ulrich Beck war ein energischer Vertreter der politischen und sozialen Integration Europas und befreite die Soziologie von ihrem nationalstaatlich geprägten begrifflichen Instrumentarium. Das wissenschaftliche Ergebnis dieses kosmopolitischen Blicks, wie er ihn nannte, waren Bücher zur Globalisierung, zur reflexiven Modernisierung der Moderne und ihrer Institutionen, zur Weltrisikogesellschaft und zur Friedenssicherung in der Weltinnenpolitik.

Mit dem deutschen Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit verfasste er 2012 ein fulminantes Manifest unter dem Titel «Wir sind Europa». Er blieb damit seinem politischen Selbstverständnis treu, das er bereits 1995 in einem Interview formulierte: «Die Verpflichtung, sich als Soziologe in die Öffentlichkeit hineinzubegeben, nimmt in dem Masse zu, in dem die Gesellschaft selbst in Bewegung gerät.»

Ulrich Beck war mit der Familien- und Migrationsforscherin Elisabeth Beck-Gernsheim verheiratet. Mit ihr zusammen schrieb er 1990 das Buch «Das ganz normale Chaos der Liebe». Am Neujahrstag nun ist Ulrich Beck am Starnberger See, wo das Ehepaar wohnte, an den Folgen eines Herz­infarkts gestorben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.01.2015, 17:40 Uhr

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