Er war 25 Jahre lang eine Frau

Nico Gaspari war nicht immer der, der er heute ist. Als Rahel wurde er geboren, in diesem Körper wollte er aber nicht sein ganzes Leben verbringen.

Mittendrin in der Gesellschaft und doch nicht ganz: Der 43-jährige Nico Gaspari. Foto: Christian Pfander

Mittendrin in der Gesellschaft und doch nicht ganz: Der 43-jährige Nico Gaspari. Foto: Christian Pfander

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Wer Nico Gaspari gegenübertritt, muss nicht zweimal hinschauen. Klar, hier steht ein Mann. Der feste Händedruck, der dichte Bart, die tiefe Stimme – das alles spricht eine eindeutige Sprache. Doch: Täuschen solch offensichtliche Merkmale zuweilen nicht über verborgene Tatsachen hinweg?

Nico Gaspari wurde 1974 in Luzern geboren, aber nicht als Junge, sondern als Mädchen namens Rahel. Nach der frühen Trennung der Eltern wurde die Kleine in verschiedene Kinderheime und zu Pflegeeltern gegeben. «Schon dort bin ich immer gegen den Strom geschwommen», sagt Nico Gaspari heute. Er sei ein rebellisches und aufmüpfiges Mädchen gewesen, das sich nicht an die Regeln gehalten habe.

Und schon damals, mit vier oder fünf Jahren, habe er sich in diesem Körper nicht wohlgefühlt. «Ich war immer und überall ‹der kleine Junge›, wurde als solcher wahrgenommen und habe mich auch so benommen.»

Der schlimme Tag

Obwohl sich Nico Gaspari auch später ein Leben als Frau nicht vorstellen konnte, gab er sich in der Pubertät bewusst feminin. «Ich fiel nicht so auf, ausserdem liessen mich die Leute in Ruhe.»

Das war nicht in jeder Phase seines Lebens so gewesen. Schon im Kinderheim, als Rahel es normal fand, mit Badehosen statt einem Badeanzug schwimmen zu gehen, setzte es Demütigungen, Schläge und sogar Tritte ab. «Als meine Brüste zu wachsen anfingen, empfand ich sie nie als Teil von mir. Ich sah nicht ein, weshalb ich sie verstecken sollte.»

An einen Tag erinnert sich Nico Gaspari noch ganz besonders. Es war der 28. August 1987, eigentlich ein schöner Sommertag. «Für mich bleibt dieser Tag aber als ein einziger Horror in Erinnerung.» Denn Rahel bekam damals zum ersten Mal die Menstruation – und konnte so nicht mehr vor sich wegschieben, was sie zu verstecken versuchte: dass sie zu einer Frau heranwachsen würde, obwohl sie das gar nicht wollte.

Der lange Prozess

Die burschikose 18-Jährige wurde in der Druckerlehre in einer geschützten Werkstatt noch etwas burschikoser, «vermännlicht», wie es Nico Gaspari sagt. «Mir selber war das gar nicht so bewusst.» Einmal wollte nicht einmal der Frauenarzt glauben, dass er nicht einen Mann, sondern Rahel vor sich hatte. «Ihm konnte ich mein Unwohlsein im Frauenkörper erklären.»

«Entweder operiere ich mich, oder ich werde früher oder später nicht überleben.»

Der Entschluss, sich zu einem Mann umoperieren zu lassen, war zu dieser Zeit in ihm schon lange gereift, nur einen Plan, wie alles genau funktionieren sollte, hatte er noch nicht. «Natürlich war das für meine Mutter zum Beispiel nicht einfach.» Er habe ihr die Tatsachen aber, so brutal sie auch klangen, vor Augen führen müssen: «Entweder operiere ich mich, oder ich werde früher oder später nicht überleben.»

Wenig später fing in Zürich der Umwandlungsprozess an. Zwei Jahre lang jeden Monat Gespräche. Über die Psyche, das Innenleben, das Nico Gaspari nach aussen kehrte, um glaubhaft machen zu können, wie sehr er sich wünschte, ein Mann zu sein. «Sogar einen Eignungstest für einen Mann musste ich durchführen.» Nachdem auch ein psychiatrisches Gutachten erstellt worden war, das bezeugte, dass ein Leben als Frau für Rahel auf Dauer nicht infrage kommen konnte, stand schliesslich die Operation an.

«Am 8. Dezember 2000 bin ich sozusagen noch einmal geboren worden – und zwar ohne Brüste, ohne Gebärmutter und ohne Eierstöcke», sagt Nico Gaspari und strahlt. Heuer, 18 Jahre später, werde er also sozusagen ein zweites Mal volljährig. «Aber auch die 25 Jahre, die ich als Frau gelebt habe, sind ein Teil von mir, auch wenn diese Frau jetzt nicht mehr existiert.»

Die fehlende Operation

Nico Gasparis Veränderungen gingen auch nach der Operation weiter. Nur kurz nach der Einnahme der Testosteron-Hormone bekam er den Stimmbruch, der Bart wurde dichter, die Muskeln stärker. «Auch gewachsen bin ich noch.» Mit den äusserlichen Veränderungen kamen auch die neuen Steuererklärungen, die er unter männlichem Namen ausfüllen musste, und es folgte der Marschbefehl für die Schweizer Armee.

«Dann kam aber der feldärztliche ‹Eiertest›. Wenn ich mich geweigert hätte, hätte ich eine Nacht im Knast verbringen müssen.»

«Für mich war klar, dass ich diesen Dienst leisten werde, wenn mich das Militär zulässt.» Und das war auch so. In den ersten Wochen habe niemand auch nur einen blassen Schimmer gehabt, dass Nico Gaspari einige Monate zuvor noch eine Frau gewesen sei. «Dann kam aber der feldärztliche ‹Eiertest›. Wenn ich mich geweigert hätte, hätte ich eine Nacht im Knast verbringen müssen», erzählt er lachend. Das sei ihm der fehlende Penis dann doch nicht wert gewesen.

Wieso der letzte Schritt zur Männlichkeit gefehlt habe? «Ein Nierenleiden verhinderte die letzte Operation», erzählt Nico Gaspari. Und das nagt am 43-Jährigen. «Es macht mich einfach nicht ganz vollkommen.» Im Militär machte der frischgebackene Mann – manchmal zu seinem eigenen Erstaunen – viele gute Erfahrungen. «Es gab die üblichen zwei, drei, die Mühe hatten mit meinem Wandel. Der Rest stand geschlossen hinter mir.»

Die bleibende Angst

Heute, fast 18 Jahre nach seiner Umwandlung, steht Nico Gaspari mit beiden Beinen im Leben. Seit zwei Jahren lebt er in Worb und nach der Ausbildung als Pflege­assistent arbeitet er nun bei der Senevita in Burgdorf im Altersheim. «Ich wollte Abstand zu meiner Vergangenheit gewinnen, und das gelingt mir hier», sagt er. Bei seinem Arbeitgeber wurde er von einem anderen Mitarbeiter «verpfiffen», die Leitung stellte sich aber ganz klar hinter den 43-Jährigen. «Ich hatte zuerst Angst, dass man mir kündigen würde», gibt Gaspari zu. Das sei bei der Senevita nie zur Diskussion gestanden. Vielen Transmenschen ergehe es aber anders. «Warum ist das so?», fragt er sich. «Wir operieren uns ja nicht das Hirn raus.»

«Ich würde es immer wieder machen.»

Nico Gaspari kann nicht verstehen, dass bei ihm so viel genauer hingeschaut wird, dass er sich immer für seine Entscheidung rechtfertigen muss. Viel zu häufig würden Transgender-Personen ausserdem nur auf ihre ­Sexualität reduziert. «Das gibt einem schon das Gefühl, als Mensch nicht ernst genommen zu werden», sagt Nico Gaspari. Einfach die Faust im Sack machen will er aber nicht. «Ich bin kein Opfer, ich will darauf aufmerksam machen, dass Transmenschen immer noch zu vie­le Ungerechtigkeiten widerfahren.» Auch deshalb hat er sich entschieden, in der entsprechenden Porträtreihe des Schweizer Fernsehens mitzumachen.

Die Operation zum Mann bereut Nico Gaspari keineswegs. «Ich würde es immer wieder machen, auch wenn die Angst vor der Ablehnung nach wie vor da ist, vor allem wenn man jemanden näher kennen lernt.» Er habe aber gelernt, für sich einzustehen und das auch deutlich zu machen. «Ich lasse mir nicht vorschreiben, wie und als was ich zu leben habe.»

(Berner Zeitung)

Erstellt: 13.02.2018, 13:59 Uhr

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