Er will die Laaxer Asylunterkunft bodigen

Reto Gurtner holte als Erster die verschmähten Snowboarder in sein Skigebiet und baute ihnen einen Palast. Am meisten Aufsehen erregt er nun aber an einer anderen Front.

Kampf gegen eine Asylunterkunft in Laax: Reto Gurtner vor seinem Rocksresort, in dem die Betten warm sind.

Kampf gegen eine Asylunterkunft in Laax: Reto Gurtner vor seinem Rocksresort, in dem die Betten warm sind. Bild: Nicola Pitaro

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An der Talstation geht ein prächtiger Skitag zu Ende. Direkt darunter spuckt die Tiefgarage ein Auto nach dem anderen aus. Einen alten Golf, vibrierend von dumpfen Bässen und vollgepackt mit schwarz bemützten Männern, die die Köpfe im Rhythmus nach vorne werfen. Dann folgt das nächste vibrierende Auto.

Dass das Publikum in Laax zehn Jahre jünger ist als jenes der Konkurrenz und dem Ort zehn Jahre länger erhalten bleibt, ist das Verdienst von Reto Gurtner. Er ist Chef der Weisse-Arena-Gruppe, welche die Sportanlagen der arenaförmigen Laaxer Bergwelt betreibt. Gurtner steuert sie von der Casa Prima aus, wenige Schritte von der Talstation entfernt. Wie er im breiten Sessel sitzt, wirkt er wie ein Territorialfürst, der einer Ahnengalerie entstiegen ist – hohe Wangenknochen, durchdringender Blick, Schnauz und ein schmaler Streifen Bart am Kinn.

Gurtner selber bezeichnet sich als Grufti. Mit dem trendigen Schnipselbart signalisiert er aber, dass nur seine 59-jährige Hülle angejahrt ist, nicht der innewohnende Geist. Der scheint seit 1992, seit er die Snowboarder nach Laax holte, nicht gealtert. Damals liess er die erste Halfpipe bauen, später schuf er einen Palast für sie, das Riders Palace, wo sie günstig, aber stilvoll schlafen können. Im Dorf war man entsetzt; die Jungen hätten kein Geld, würden nur kiffen und mit ihren Brettern die Skispuren am Lift zerstören, hiess es. Heute sind diese Stimmen verstummt. Laax steht bei Freestylern unumstritten an der Spitze, und gleich mehrere Nationalmannschaften trainieren hier für die Olympischen Spiele in Sotschi.

Kämpfer gegen Asylzentrum

Derzeit ist Gurtner aber nicht wegen eines neuen Projekts in den Medien präsent. Sondern weil sich der fortschrittliche, trendbewusste Manager vehement dagegen wehrt, dass Asylbewerber im bisherigen Hotel Rustico untergebracht werden. Erst rief er zum Steuerboykott auf, dann tat er sich mit anderen Investoren zusammen, um das Hotel selber zu kaufen. Prompt wurde er als Fremdenhasser hingestellt. «Das kann ich ertragen», sagt Gurtner leichthin.

Gegen Asylbewerber habe er nichts, schliesslich beschäftige er selber einige. Er habe aber etwas dagegen, dass der Kanton so viele Asylbewerber in der Surselva unterbringe; mit jenen im Nachbardorf wären es einer auf 12 statt wie üblich auf 300 Einwohner. Diese Konzentration mindere den Wert der Ferienwohnungen im selben Haus, schade dem Geschäft. Nun wartet die Gemeinde, bis das Bundesgericht entscheidet, ob sie das Baugesuch des Kantons zur Umnutzung des Hotels bearbeiten muss.

Wenn es ums Geschäft geht, scheint Gurtner keine Kompromisse zu machen – wohl deshalb hat er es so weit gebracht: Aus den Skiliften und den 100 Quadratkilometern gepachteten Berg, die ihm sein Vater hinterliess, hat er ein Imperium aufgebaut: 28 Bergbahnen, 5 Hotels, über 20 Gastrobetriebe sowie 7 Skivermietungen, Ski- und Snowboardschulen besitzt die Weisse-Arena-Gruppe. Die Gäste bekommen alles aus einer Hand – aus Gurtners Hand. Er, sein Bruder und seine Mutter besitzen knapp 40 Prozent der Aktien und sind vereint die grössten Aktionäre. Gurtners Einfluss ist gross, im Unternehmen und im Dorf. Wäre er aber Kurdirektor geworden, so sagt er spöttisch, hätten sie ihn längst zum Teufel gejagt.

Ob man mit Gurtner über Zweitwohnungen oder Snowboarden diskutiert, seine Argumentation führt stets über Studien, Statistiken und Umfragen, über Zahlen, Prozentsätze und Ranglisten. Er hat sie im Kopf. Obwohl Chef vieler Gastrobetriebe, ist Gurtner nicht der Gastgeber, der mit warmen Worten Wohlgefühl verbreitet. Er hat sich die kühle Distanziertheit aus der Ahnengalerie bewahrt. Gurtner ist vielmehr das Hirn, das jede Regung des Marktes registriert, daraus Konzepte und Strategien erarbeitet und sie zur Perfektion treibt. Er habe 450 Millionen in die Weisse Arena investiert, erklärt er. «Ich kann mich nicht aufs Gefühl verlassen.»

Der Marktbeobachter Gurtner ist aber auch der Macher, der seine Pläne gegen alle Widerstände verwirklicht. So wollte er etwa mitten im Skigebiet ein Sportgeschäft eröffnen; manche Skifahrer, so beobachtete er, warfen die Ausrüstung schon nach dem ersten Tag entnervt weg, weil die gemieteten Schuhe zu drücken begannen oder weil ihnen die Ski nicht zusagten. Gurtner fragte 14 Geschäftsbesitzer, ob sie mit ihm zusammenarbeiten wollten. Ein einziger sagte zu. Als er aber bei der Gemeinde eine Bewilligung beantragte, hiess es, es habe schon genug Sportgeschäfte.

Da setzte sich der Jurist Gurtner hin und schrieb eine scharfe Rechtsbelehrung. Die Gemeinde musste einlenken. Als er aber Ware einkaufen wollte, wollte ihn kein einziger Lieferant in der Schweiz beliefern. Gurtner suchte im Ausland und eröffnete schliesslich sein Sportgeschäft auf der Piste. «Wenn man meint, man könne mich stoppen, indem man Druck ausübt, unterschätzt man mich», sagt er.

Ein Faible fürs Brett

Eigentlich wollte Reto Gurtner Wirtschaftsanwalt werden. Er hatte in St. Gallen Wirtschaft studiert, in Bern das Recht. Als er seine Doktorarbeit schrieb, starb sein Vater aber unerwartet, und er musste «wohl oder übel» dessen Geschäft übernehmen. Er war nicht unvorbereitet. Bei den Gurtners hat sich das Gespräch zu Tisch meist um das Unternehmen gedreht, und während seine Schulkollegen in die Ferien ans Meer fuhren, brach Familie Gurtner zu einem Skigebiet auf; der Vater wollte die Konkurrenz beobachten. «Als Kind hat mir das fürchterlich gestunken», sagt Gurtner. Er profitiere aber noch immer davon, denn dieses Geschäft könne man nicht erlernen. Bis heute hat er sämtliche Skiorte der Welt «abgeklopft», einzig die 300 neuen in China kennt er nicht alle.

Vielleicht hätte sich sein Leben auf einer grösseren Bühne abgespielt als in der Weissen Arena, hätte er das väterliche Geschäft nicht übernommen. Er liebe eben seine Heimat, sagt er. Als Junger aber musste er hinaus, weg aus dem Talkessel, wo sich die Weite gegen oben auftut und die Perspektive eines jeden der Himmel zu sein scheint. Er ging nach Kalifornien, um zu studieren, und stiess dort auf die Surferszene. Gurtner war fasziniert: Die Jungen waren locker drauf, sie hingen aber nicht nur herum und kifften wie jene in seinem Dorf, die es zu nichts bringen sollten. Die Surfer waren sportlich, ehrgeizig und vollbrachten Höchstleistungen auf ihren Brettern. Seither hat Gurtner ein Faible fürs Brett, und als in den 80er-Jahren Junge mit Snowboards in den Bergen auftauchten, war er der Erste, der das Potenzial erkannte.

Hinter Gurtner in einer Ecke sammeln sich Auszeichnungen: Skulpturen in Gold, Silber und Bronze – für das beste Resort, die beste Website, den besten Unternehmer. Sie scheinen so achtlos hingestellt wie Schuhe vor der Tür. Musste er auch Misserfolge hinnehmen? Gurtner überlegt nicht lang. Er schildert Niederlagen wie die gescheiterte Olympiakandidatur 1995 so schonungslos – «Wir waren dilettantisch an die Sache herangegangen» –, wie nur der Erfolgreiche über Misserfolge sprechen kann. Klar habe ihn dies frustriert, sagt er. «Aber ich habe es abgehakt. Fertig.»

Frauenquote: 50 Prozent

Für Gurtner scheint es kein Problem mehr zu geben, das man nicht lösen könnte. Und wenn andere erst merken, dass sie eines bekommen, hat er es bereits gelöst. Darüber, dass keine Zweitwohnungen mehr gebaut werden dürfen, mag er nicht klagen. Kalte Betten interessieren ihn ohnehin nicht – sie bringen keinen Umsatz. Für sein Rocksresort an der Talstation hat er ein Vorzeigekonzept entwickelt: Die Besitzer der 122 Eigentumswohnungen dürfen diese während der Hochsaison höchstens drei Wochen selber nutzen. In der übrigen Zeit müssen sie sie vermieten lassen, erhalten dafür aber auch einen Teil der Einnahmen.

Und was tut er dagegen, dass die Skifahrer immer weniger werden und die, die noch kommen, immer älter? Die, wie Gurtner sagt, nicht mehr so stabil in den Knien sind und auch keine Oberschenkel wie Skirennfahrer mehr haben? Nach Auswertung aller Zahlen, Trends und Studien wirbt er, inzwischen Vater einer 15-monatigen Tochter, um die ganz Kleinen und um die ältere Generation. «Skifahren muss weiblicher werden», sagt er. So lässt er keine Skiautobahnen mehr anlegen. In Laax schmiegen sich die Pisten an die geschwungenen Formen der Berge an, sodass die Skifahrer sanft ins Tal «cruisen» können. Und während in Bern über Frauenquoten gestritten wird, sind in Laax bereits 50 Prozent der Snowboard-Lehrkräfte weiblich. Nicht wegen der Quote. Sondern weil Frauen besser – einfühlsamer – unterrichten. Noch blieb diese Wende von den trendbewussten Snowboardern unbemerkt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.01.2014, 08:54 Uhr

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