Erinnerungen auf Vorrat

Wir leben mit Erinnerungen, sie sind ein Schatz und wärmen die Seele. Doch zu viel Rückschau kann lähmen, vor allem im fortgeschrittenen Alter. Man sollte eine neue Schatztruhe anlegen.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Immer wenn ich meine betagten Eltern in Norddeutschland besuchte, sagte mein Vater fröhlich: «Ich bin derselbe, nur das Schachbrett auf meiner Stirn ist wieder grösser geworden.» Seine gute Einstellung zum Alter war erfrischend, und das «Schachbrett» mit den Längs- und Querfalten zeigte mir schon damals: Alter ist gelebtes Leben, aber kein Schrecknis. Jetzt, vor der Pensionierung, einer Zäsur mit noch ungewissem Ausgang, denke ich viel «an früher». Die Rückblenden nehmen zu. Oft starre ich verzückt auf eine Postkarte mit ein paar alten Fachwerkhäusern und einer Kirche – die idyllischen Überbleibsel meiner Heimatstadt Gütersloh, die nicht den Bomben zum Opfer fielen. Dabei ist «Gütsel» eigentlich potthässlich. Aber an das unansehnliche Gesicht der Kleinstadt denke ich nicht. Ich sehe nur die knorrigen Bäume vor der Kirche, rieche Mutters Sonntagsparfüm und denke an Vaters Lieblingsrose: «Schweizer Gruss». Wenn das kein Omen für später war!

Was soll das?, frage ich mich dann. Bist du noch bei Trost? Aber Erinnerungen wärmen uns so schön, sie sind das seelische Vermögen, das wir während des Lebens anhäufen. Eine höchst subjektive Schatztruhe ist das allerdings, nicht immer steckt drin, was draufsteht. Der eigene Schönfärber mit weichem Pinsel war am Werk, anderes in der Kiste ist faul oder müffelt. Dinge, die man hätte direkt bereinigen sollen, Unaufrichtigkeiten aus Feigheit, die man heute bereut. Es stimmt schon: Erinnerungen kann einem niemand nehmen, aber man wird sie auch schlecht wieder los. Und sie holen uns vor allem dann ein, wenn keine neuen Eindrücke und Erfahrungen mehr hinzukommen.

«Jetzt bauet s da scho wider!»

Zeit, eine neue Truhe für die Zukunft aufzumachen. Gerade jetzt, ab 60, wirds gefährlich, da muss man gegensteuern. Körperlich gibt es ja kein gelingendes Alter, da können noch so viele fitte Silver-Ager durch die Werbung sprinten – hinter der Fassade bröckelt es trotzdem unablässig. Umso beachtenswerter sind die psychischen Mechanismen. Wer optimistisch in die Zukunft schaut und neue Erfahrungen macht, hat auch sonst gute Perspektiven. Menschen hingegen, die eine freudlose Einstellung zum Alter haben, sterben siebeneinhalb Jahre früher, hat etwa die Gesundheitsforscherin Becca Levy von der Yale University in einer Langzeitstudie herausgefunden.

Pessimisten, denen die Neugier abhanden gekommen ist und die nur in ihrer alten Erinnerungskiste wühlen, empfinden sich oft als Spielball fremder Kräfte und Mächte. Der Pessimist gibt sich dem Abbauprozess hin, und seine Erwartungen werden sicher nicht enttäuscht werden. Zum Beispiel, wenn er grimmig durchs Tramfenster schaut, eine Baustelle entdeckt und schimpft: «Jetzt bauet s da scho wider!»

Rubinsteins Trickkiste

Ein schönes Beispiel, wie man sich im Alter Erfolgserlebnisse und damit frische Erinnerungen holen kann, ist Arthur Rubinstein. Er war noch mit 80 Jahren auch deshalb ein hervorragender Konzertpianist, weil er drei Tricks benutzte, die nicht nur am Flügel gelten: Fokussieren, Optimieren und Kompensieren. Weil seine geistige Ausdauer und die Feinmotorik nachliessen, verkleinerte er als Erstes sein Repertoire. Diese Beschränkung brachte ihm Zeit zur Regeneration. Die Dinge wurden so überschaubarer und machbar.

Der zweite Kunstgriff hiess Optimieren. Rubinstein übte die einzelnen Stücke intensiver, denn es ging darum, das Ausgewählte besonders gut zu tun. Trotzdem gelang es ihm nicht, die schnellen Passagen in seiner früheren Geschwindigkeit zu spielen. Also nutzte er die Kompensation. Er verlangsamte das Tempo rund um die schnellen Passagen so, dass die problematischen Stellen wieder ausreichend schnell erschienen. Das kleine Manöver wurde ein voller Erfolg.

Nun haben Künstler das Privileg der Leidenschaft. Picasso malte bis ins hohe Alter und war dabei unglaublich produktiv, Hans Erni verstarb quasi mit dem Pinsel in der Hand, hochbetagt mit 106 Jahren. «Die Vernünftigen halten bloss durch, die Leidenschaftlichen leben», sagte der französische Schriftsteller Nicolas Chamfort.

Spontan eine Glatze streicheln

Dennoch können wir alle etwas von Rubinstein lernen: 1. Platz schaffen. Nicht nur im Kleiderschrank, sondern auch bei Menschen. Sich nicht länger langweilen lassen, sondern den Kontakt zu jenen suchen, die Schwung und Geist haben. 2. Fitter werden. Von mir aus im Studio, aber eine neue Sprache lernen wäre auch nicht schlecht. 3. Austauschen. Weglassen, was nicht mehr geht, und dafür anderes aufnehmen. Wenn die Hüfte knackt, aufs Velo umsteigen. Im Alltag die eigene Komfortzone verlassen und Ungewöhnliches wagen. Jemandem mal gehörig den Marsch blasen, so er es verdient. Sich im Sommer zu der fülligen Bronzeskulptur von Aristide Maillol am Zürcher Talacker in den Brunnen legen. Im Stabhochsprung über die Schrebergartenhecke hechten, oder spontan eine schöne Glatze streicheln, die sich im Tram vor einem präsentiert.

Nein, im Ernst: Man könnte mal einen neuen Nachhauseweg einschlagen oder mit einem Fremden das Gespräch suchen. Wäre ein Anfang. Es müssen ja nicht lange Fernreisen sein, bis sich das Blut in den Beinen staut. Ich bin noch nie gern unter Geckos an der Decke aufgewacht und habe auch kein Verlangen, die Tiere näher kennen zu lernen. Aber Donauschifffahrt mit Ufergucken? Nicht, solange man selber ein Hausboot durchs Burgund steuern kann. Mit dem Bus nach Florenz? Nicht, solange man Auto fahren und zwei Wochen lang Portugal auf eigene Faust durchqueren kann.

Bus und Schiff sind etwas für Denk- und Lauffaule. Vielleicht mit 75, wenn Gevatter Gebrest dann tatsächlich an die Tür klopft. Dann darf man die eigenen Wünsche dem Erreichbaren anpassen. Wie meine Eltern, die im Alter ihr Haus verkauften und es sich im früheren, kleinen Büro im Erdgeschoss gemütlich machten. Damals habe ich sie nicht verstanden. Wie kann man sich nur so zurückziehen? Den schönen Garten aufgeben? Es war für sie nicht mehr so wichtig.

Viele Fragen hat das Leben schon entschieden: keine Kinder, keine frivol teure Wohnung mehr mit Blick über See und Berge, kein Architekturstudium. Doch bis die Neugierde schwindet und die Unternehmungslust verdorrt, wird noch vieles in die Kiste gepackt. Zum Beispiel ein Dialektkurs in Schweizerdeutsch. Nach fast 40 Jahren Schweiz. Wird auch Zeit! (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.04.2015, 23:14 Uhr

Artikel zum Thema

Rettet die Wollmaus!

Glosse Der Frühling sollte nicht nach Putzmittel riechen, meint Ulrike Hark. Mehr...

Der Seitensprung, die neue olympische Disziplin

Alle gehen fremd – ist Treue heute überhaupt noch ein Wert? Oh ja, meint Ulrike Hark. Mehr...

Ulrike Hark

Mit diesem Artikel verabschiedet sich Ulrike Hark (uh) von den Leserinnen und Lesern des «Tages-Anzeigers». Sie gehört zu den immer seltener werdenden Urgesteinen der Zeitung, für die sie seit 1994 geschrieben hat. Erst im Lokalressort, dann als Vizechefin und Chefin des 6. Bundes, schliesslich im fusionierten Ressort «Kultur & Gesellschaft». Ihren Hang zu den schönen Dingen des Lebens konnte sie auch hier ausleben. Die studierte Innenarchitektin schrieb mit Vorliebe über Räume und die Menschen, die sie bewohnen und gestalten. In den letzten Jahren tauchten dann immer öfter Hunde in ihren Texten auf: Neben ihrer Redaktionsarbeit absolvierte Ulrike Hark eine Ausbildung zur tierpsychologischen Beraterin. Der Sinn für Stil, Geschmack und Takt prägte auch ihr Schreiben: Es gab kein noch so heikles Thema, für das sie nicht den richtigen Ton gefunden hätte. Ulrike Hark geht in den Ruhestand. Wir wünschen ihr alles Gute. (TA)

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Wettermacher Kalt gegen Serbien, heiss gegen Costa Rica

History Reloaded Neuer Feminismus, alte Rollenbilder

Die Welt in Bildern

Feuerball: Sonnenaufgang über Kairo. (19. Juni 2018)
(Bild: /Mohamed Abd El Ghany) Mehr...