Erlaubt war alles

Jürgen Dehmers, ein Opfer sexueller Gewalt seiner Lehrer, erzählt über Alltag und Missbrauch an der deutschen Odenwaldschule.

Herr Dehmers arbeitet heute selbst im pädagogischen Bereich: «Das hat seine eigene Ironie, nicht?», fragt er.

Herr Dehmers arbeitet heute selbst im pädagogischen Bereich: «Das hat seine eigene Ironie, nicht?», fragt er. Bild: Sabina Bobst

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Manchmal hört Jürgen Dehmers ein Klopfen an der Tür. Nicht irgendein Klopfen: zweimal schnell, dann dreimal langsam. Es ist ein Code, mit dem vordergründig um Einlass gebeten wird. Dabei ist klar, dass Dehmers das Eintreten nicht verwehren kann. Manchmal sieht er auch jemanden neben seinem Bett stehen: nackt, mit erigiertem Penis. Erst wenn er das Licht anmacht, weiss Dehmers, dass er geträumt hat.

30 Jahre sind die Erlebnisse alt, die ihn heute nachts manchmal verfolgen. In den 80er-Jahren, vom 12. bis zum 19. Altersjahr, besuchte Jürgen Dehmers die Odenwaldschule in der hessischen Stadt Heppenheim. Das Internat, damals ein unbestrittenes Vorbild der reformpädagogischen Schule, war «ein Paradies für Kinderschänder», wie es Dehmers ohne Sarkasmus formuliert.

Die Schule als Falle

Im März 2010 flog der Skandal auf: Gerold Becker, der die Schule von 1972 bis 1985 geleitet hatte, und andere Lehrer hatten Schüler missbraucht und vergewaltigt. Die Gnade der Verjährungsfrist bewahrte Becker vor einer strafrechtlichen Verfolgung. Er starb im Juli 2010 in Freiheit.

Auf 400 schätzt Dehmers die Zahl der Übergriffe allein gegen ihn. Er war eines von unzähligen Opfern. In der Aufklärung des Skandals spielt er hingegen eine Sonderrolle: Er gelangte zusammen mit früheren Schulkollegen an die Medien. Und er fand eine Sprache für das Erlebte. «Wie laut soll ich denn noch schreien», ist der Titel seines Buches, das bald verfilmt wird. Darin schafft Dehmers ein Gefühl für die Atmosphäre, die an der Schule geherrscht haben muss. In seinen Beschreibungen entpuppt sich das Image der Odenwaldschule, eine besondere Pädagogik zu praktizieren, als Dichtung. Was als vom Kind her gedachter Unterricht verkauft wurde, war in jener Zeit eine Falle.

Meidet Talkshows

Dehmers ist heute der Mann Anfang 40, der selber im pädagogischen Bereich arbeitet. «Das hat seine eigene Ironie, nicht?», fragt er mit spitzbübischem Lachen. Mehr möchte er von seiner Identität allerdings nicht preisgeben. Dehmers, sein Pseudonym, soll ihn schützen: vor einem Prominentenstatus in den Medien. Dehmers meidet Talkshows. Zeitungsinterviews gibt er nur unter der Bedingung, dass sein Gesicht nicht sichtbar ist. Diese Woche war er in Zürich, wo er auf Einladung des Pädagogikprofessors Jürgen Oelkers vor Studenten referierte.

Dehmers ist auch das Alter Ego eines Mannes, der den Schmerz der Vergewaltigung viele Jahre mit Alkohol und Drogen betäubte. Später wurde er ein fanatischer Triathlet: 3,8 km Schwimmen, 180 km Radfahren, 42 km Rennen. Dutzendfach hat sich Dehmers über diese Strecke gequält, um die Spannung in seiner Seele abzubauen. Heute hat der Triathlon für ihn eine metaphorische Bedeutung. Er brauchte Ausdauer, um Distanz zu schaffen zu seinem ersten Leben: zum Leben des Schülers Jürgen Dehmers.

«War es schön?»

Es bestand darin, dass ihm der Schulleiter Becker jeden dritten Tag die Zunge in den Mund steckte. So tief, dass er fast kotzen musste. Oder die Genitalien massierte und den Anus manipulierte. Manchmal lutschte er an seinem Penis, und zwar so heftig, dass Dehmers das Gefühl hatte, der Schulleiter wolle ihn abbeissen. Beim Abschied fragte Becker: «War es schön?»

Dehmers erzählt seine Erlebnisse schnörkellos. Auch im Gespräch meidet er Adjektive. Die menschlichen Abgründe, die sich an der Odenwaldschule auftaten, werden umso sichtbarer, je nüchterner er sie beschreibt. Als Betroffener empfand er damals Wut und Ekel, doch er war Becker und den Lehrern ausgeliefert. Weil er sich geschämt habe und nicht von der Schule fliegen wollte, sagte er nichts. Becker hatte sich das Schweigen auch mit Geschenken erkauft: mit neuen Turnschuhen, mit einer modernen Stereoanlage.

Dass die Missbräuche so lange unter dem Deckel gehalten werden konnten, lag auch an den Lehrern. «Wer an die Odenwaldschule berufen wurde, fühlte sich geadelt», sagt Dehmers. Das schaffte Loyalität zur Schulleitung. Hinzu kamen Unterrichtsbedingungen, von denen andere Lehrer an anderen Schulen nur träumen konnten: kleine Schulklassen, wenige Unterrichtsstunden, keine Kontrollen, Exkursionen ins Ausland.

Als 16-Jähriger war Dehmers dem Alkohol verfallen. Bereits am Mittag öffnete er die erste Flasche Bier. Weil das seiner Mutter in den Ferien auffiel, verlangte sie ein Gespräch mit Becker. Und bekam von ihm zu hören: Scheidungskinder seien eben schwierige Kinder.

Verhängnisvolle Organisation

«Becker hat die Opfer zu Tätern gemacht. Das war seine perfide Strategie», sagt Dehmers. Dass nichts nach aussen drang, hatte auch mit der Organisation der Schule zu tun. Ihr Kontrollorgan war ein Trägerverein. Darin hatten Becker als Schulleiter und der Geschäftsführer einen ständigen Sitz. Sie sorgten dafür, dass der Trägerverein nur jene Informationen bekam, die Becker und sein Geschäftsleiter weitergeben wollten.

Im Rückblick überraschen Dehmers die sexuellen Übergriffe nicht, auch nicht deren Zahl. Die Basis dafür bildete eine Atmosphäre an der Schule, die heute jede Behörde zum Anlass für eine Razzia nehmen würde: Lehrer und Schüler teilten sich die Aufenthaltsräume, feierten dort Partys, konsumierten gemeinsam Alkohol. Und weil alle im Internat wohnten, teilten sie auch die Betten.«Grenzen setzen wurde mit Rigidität gleichgestellt», sagt Dehmers. Mit dem Resultat, dass die Odenwaldschule zu einem Ort selbstbezogener Beliebigkeit wurde: für die einen das Zentrum linker Weltveränderung, für andere eine anarchische Kommune. Und für Becker und manche Lehrer ein Abenteuerspielplatz ihrer Triebe.

Der Mann, der damals als Schüler darunter gelitten hat, kann heute ein normales Leben führen. Und doch kommt es noch zu häufig vor, dass er in der Nacht einen erigierten Penis sieht.

Erstellt: 18.12.2011, 10:57 Uhr

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